
Daniel Miller vom University College in London hat sich als einer der ersten Wissenschaftler intensiv mit der Geschichte der Konsumgesellschaft beschäftigt. In Büchern wie "A Theory of Shopping" (1998) untersuchte Miller, von welchen geheimen Motiven sich Hausfrauen im Supermarkt oder Chinesen bei McDonald's leiten lassen.
Heinrich Geiselberger: Professor Miller, "Making Love in Supermarkets" ist der Titel ihrer vielleicht bekanntesten Studie über Konsum im Alltag. Was hat man sich unter Liebe im Supermarkt vorzustellen?
Daniel Miller: Mit der Studie wollte ich herauszufinden, wovon sich Menschen wirklich leiten lassen, wenn sie im Supermarkt oder in einem Kaufhaus vor einem Regal stehen. Ich habe Menschen über ein Jahr in einer Londoner Einkaufsstraße begleitet, und das Ergebnis war, dass Liebe beim Shopping eine sehr große Rolle spielt. Man kann Liebe nicht nur mit Worten ausdrücken, sie zeigt sich auch darin, wie man für seine Familie oder für Freunde sorgt. Stellen sie sich vor, eine Mutter kauft für ihren Sohn etwas zum Anziehen: Dabei lässt sie sich von dem Wunsch leiten, dass das Kind nachher mit dem Kleidungsstück glücklich ist, dass es auf dem Schulhof nicht ausgelacht wird. Eltern unternehmen oft regelrechte Recherchen, bevor sie in ein Bekleidungsgeschäft gehen. Zugegeben: Nicht alle Kinder würdigen das. Aber für die Mutter ist es ein Akt der Liebe.
Damit kommen Sie in ihrer Studie zu einer sehr positiven Bewertung des Shoppings, während viele Soziologen und Soziologinnen dem Konsum traditionell eher kritisch gegenüberstehen. Wie erklären Sie sich diese Skepsis?
Im Vergleich zu Arbeit und Produktion wird Konsum traditionell negativ bewertet: Arbeit ist produktiv, Konsum zerstörerisch. Abgesehen davon wird Konsum oft nur in Verbindung zum Kapitalismus wahrgenommen. Wer den Konsum kritisiert, meint eigentlich den Kapitalismus als Produktionsweise. Für einen Anthropologen ist diese Perspektive nicht besonders fruchtbar: Ich kann noch so kapitalismuskritisch sein, das ändert nichts daran, dass ich gezwungen bin, mich im Alltag damit zu arrangieren. Ich muss ja einkaufen gehen. Deshalb habe ich in meiner Studie eine mitfühlende Haltung eingenommen. Jenseits aller Ideologiekritik wollte ich wissen, was in Leuten beim Einkaufen vorgeht.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir mit Produkten, zum Beispiel Turnschuhen einer bestimmten Marke, anderen unseren Geschmack und unsere Individualität signalisieren. Geht dabei ein Stück Authentizität verloren?
Ich halte den Begriff der Authentizität für sehr problematisch. Es gibt diese romantische Vorstellung, dass die Menschen im Mittelalter authentischer waren, weil sie ihre Sachen selbst hergestellt haben. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Unterstellung zutrifft: Ist es wirklich befriedigender, Schuhe selbst herzustellen als sie zu kaufen? Dabei übersieht man meiner Meinung nach, dass Menschen früher ihre Sachen nicht freiwillig hergestellt haben, und in Entwicklungsländern ist das auch heute oft noch der Fall. Die Menschen stellen die Dinge ja nicht selbst her, weil sie sich verwirklichen oder authentisch sein wollen. Sie machen das, weil sie kein Geld haben. In diesem Fall ist auch Produktion eine Form von Entfremdung, sie ist erzwungen und keineswegs authentischer als Konsum.
Eine deutsche Zeitung hat vor einiger Zeit einen BMW-Manager gefragt, wovor er am meisten Angst habe. Seine Antwort war, dass die Menschen anfangen könnten, in einem Auto nur noch ein Mittel zu sehen, um billig und sicher von A nach B zu kommen. Was sagt das über die Diskussion um wahre und falsche Bedürfnisse?
Zunächst finde ich das eine ziemlich blöde Aussage. Man kann Komfort und Ästhetik eines Produkts nicht künstlich von seiner reinen Funktion trennen. In der Theorie vielleicht schon, aber im Alltag auf keinen Fall. Diese Funktionen sind in der Realität sehr eng verbunden. Wenn Sie im Auto im Stau stehen, dann ist Ihnen auf einmal die Qualität ihrer Stereoanlage wichtig, weil Ihnen langweilig ist und Sie Musik hören wollen.
Aber haben Sie bei ihren Studien nie ein objektives Kriterium gefunden, mit dem man zwischen echten und falschen Bedürfnissen unterscheiden kann? Genau diese Frage steht ja hinter der Aussage des BMW-Managers.
Ich halte auch den Begriff der falschen Bedürfnisse für sehr problematisch. Man kann nicht von außen feststellen, was wirklich die Bedürfnisse eines Menschen sind. Wollen Sie etwa zu einer Frau, die sich für Lippenstift interessiert, sagen: "Hey, Schönheit ist ein falsches Bedürfnis, dass Dir die Kosmetikindustrie eingeredet hat"? Ich glaube, dass man sich eine kritische Haltung gegenüber Werbung bewahren kann, ohne über falsche Bedürfnisse zu sprechen. Ein Beispiel: Wenn ich mir einen Computer kaufen will, dann muss ich mich im Computerladen informieren. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Verkäufer in mir automatisch das falsche Bedürfnis nach einem teuren Computer weckt. Entscheidend ist, dass wir bei Konsumentscheidungen oft auf äußere Einflüsse angewiesen sind. Und dann ist es aber das Wichtigste, dass diese Informationen ehrlich sind.
Im Zusammenhang mit der Globalisierung wird häufig diskutiert, ob sie zu einer weltweiten Angleichung des Konsumverhaltens führt. Zu welchem Ergebnis sind Sie bei ihren Studien in Entwicklungsländern gekommen?
Es gibt auf der einen Seite globale Produkte, die zu einer Homogenisierung führen, es gibt aber auch lokale Produkte. Die Menschen konsumieren beides. Für Menschen in Entwicklungsländern ist der Konsum von globalen Marken wichtig. Daher kommt es zu einer Vermischung von lokal und global orientiertem Konsumverhalten. Die Menschen wollen an der modernen Weltkultur teilhaben, sie wollen aber keine monolithische Einheitskultur. Sie trinken also zum Beispiel lokal verwurzelte Biermarken zusammen mit amerikanischem Whiskey. Die Kritik an der sogenannten "McDonaldisierung" ignoriert aber eine wichtige Tatsache: Die ersten Anthropologen, die chinesische McDonald's-Restaurants untersucht haben, haben festgestellt, dass Chinesen McDonald's nicht als Fastfood sehen. Sie gehen zu feierlichen Anlässen dorthin und verbringen dort viel mehr Zeit als in einheimischen Lokalen. Ein global verbreitetes Produkt kann also in verschiedenen Gesellschaften ganz unterschiedliche Funktionen erfüllen. Es führt nicht automatisch zu Vereinheitlichung.
Eine letzte Frage: Mit Weihnachten steht ein Ereignis vor der Tür, in dem viele Menschen das Konsumspektakel schlechthin sehen. Sie haben untersucht, warum Weihnachten sich als Fest weltweit und damit auch in nichtchristlichen Ländern durchsetzt. Woran liegt das?
Weihnachten ist inzwischen weltweit das Fest der Feste. Während viele traditionelle Feiertage an Bedeutung verlieren, wird Weihnachten immer wichtiger. Für mich ist Weihnachten ein sehr gutes Beispiel für die Wechselwirkung von lokalen und globalen Identitäten, von der ich gerade gesprochen habe. Weihnachten ist ein weltweites Fest, mit einem sehr starken lokalen Bezug. Wo verbringen Sie Weihnachten am liebsten? Ich vermute, zusammen mit Ihrer Familie in einem verschneiten Dorf in Deutschland. Sie wollen das traditionelle Essen essen und die traditionellen Lieder singen. Das ist doch sehr interessant: Weihnachten ist ein globales Fest. Und was passiert an diesem globalen Fest? Alle Menschen freuen sich gleichzeitig auf ihre Familie und ihre Heimat. Und dieser Bezug zu ganz kleinen lokalen Gruppen ist in Weihnachten als Symbol schon angelegt, immerhin geht es um die Heilige Familie in einem Stall in Bethlehem.
Heinrich Geiselberger arbeitet für Zeitungen und Magazine. Er lebt in München.
www.wikipedia.org Der Begriff Konsum (lat.: consumere = verbrauchen) bezeichnet: a) Den Erwerb bzw. den Verbrauch von Gütern, und b)
unterschiedliche Lebensmittelketten
www.taz.de Von traurigen Supermärkten und zweifelhaften Monokulturen: wie auch Konsum sich zu einer unzureichenden Versorgungstechnik entwickeln kann
www.planet-wissen.de Eine kleine Geschichte des Konsums
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