America TM
Es reicht. Das meint zumindest der Gründer des konsumkritischen “Adbusters Magazine“, der in Estland geborene Kanadier Kalle Lasn, in seinem Buch “Culture Jamming“: “Marken, Produkte, Moden, Stars, Unterhaltung – Spektakel, die entfernt zur Produktion der Kultur gehören, sind heute unsere Kultur. Unser Part erschöpft sich darin, zuzusehen und zuzuhören – um anschließend richtig shoppen zu gehen.“ Besonders schlimm ist es nach Ansicht des in Kanada lebenden Lasn in den USA, das er nur noch “America TM“ nennt, weil es von Konzernen unterwandert worden sei. “Amerika ist kein Land mehr. Es ist eine Multi-Milliarden-Dollar-Marke.“
Lasn meint zu wissen was zu tun ist, damit wir Bewohner/innen der westlichen Welt nicht mehr nur langweilige Shopper sind. Seine Gegenstrategie heißt wie sein Buch “Culture Jamming“. Darunter versteht er alles, was dazu beitragen kann, den Konsum unbeliebt zu machen: Rebranding - durch Aufklärung und Gegenwerbung ein positives Markenimage attackieren und umcodieren; Konsumboykott - Kalle Lasn ist zufällig auch der Erfinder des “Buy Nothing Day“; und Downshifting - bewusst einfach leben, weniger arbeiten und kaufen.
Gegen den Coolheitsfaschismus
Lasn ist überzeugt, dass “Culture Jamming“ gesellschaftlich so bedeutend werden kann wie der Feminismus in den Siebzigerjahren oder die Umweltbewegung in den 1980ern: “Wir schlagen zu, indem wir America TM die Marken madig machen, indem wir einen Widerstand organisieren gegen das Machtmonopol, dem die Marke gehört. Wir werden die Moden und die Stars von Brand America TM weniger cool machen.“
Der Markt gehorcht der Rebellion
Hier setzt zu Recht die Kritik der – ebenfalls in Kanada lebenden – Autoren Joseph Heath und Andrew Potter ein. In ihrem Buch “Konsumrebellen“ rechnen sie mit der Gegenkultur ab, zu der auch die Culture Jammer gehörten. Sie stellen fest, dass konsumkritische Bücher (“No Logo!“, “Luxury Fever“), Zeitschriften (“Adbusters“) und Filme (“Fight Club“, “American Beauty“) sich seit Jahren großer Beliebtheit erfreuen. “Was können wir daraus entnehmen? Zunächst einmal, dass der Markt offenbar bestens funktioniert, indem er sich auf die Konsumentennachfrage nach konsumkritischen Produkten und Schriften einstellt.“ Und daran seien die Gegner/innen der Konsumkultur mitschuldig. Denn das, was sie bekämpfen, werde noch gestärkt, weil all “die Autoren, Herausgeber und Regisseure das Wesen der Konsumgesellschaft nicht begriffen haben. Sie identifizieren Konsumkultur mit Konformismus. Und so entgeht ihnen, dass der Markt schon seit Jahrzehnten nicht dem Konformismus gehorcht, sondern der Rebellion“.
Den Konzernen und der Werbung gehe es eben nicht um die Gleichschaltung der Konsumentenbedürfnisse, sondern im Gegenteil darum, ihr Produkt von anderen abzuheben. Der moderne Kapitalismus rufe eben keinen Bedürfnis- und Konsumzwang hervor, sondern allenfalls eine Konsumkonkurrenz. Um sich von den Nike-Turnschuhträger/innen abzuheben, kauften immer mehr Leute die Black-Spot-Sneakers , diese von “Adbusters“ vertriebenen markenlosen Schuhe, die dadurch zur Marke der Culture Jammer schlechthin wurden. Vermutlich tragen bei der nächsten großen Demo zigtausende Nonkonformisten und -konformistinnen die gleichen Treter.
Unsinnige Opfer bringen – des Konsums wegen
Heath und Potter wollen nicht gegen Konzerne, Marken und Werbung ankämpfen. Sie fordern mehr staatliche Eingriffe und mehr Regeln, wo wirtschaftliche Macht gefährlich zu werden drohe und wo offensichtlich manipuliert werde. Wenn mehr Menschen über hohe Medienkompetenz und ein ausgeprägtes kulturelles Bewusstsein verfügten, habe Werbung so gut wie keine Chance. Nicht Widerstand, sondern Bildung werde gebraucht, um zu begreifen was “Konsumdenken“ bedeutet: nämlich, davon besessen zu sein, “immer mehr Konsumgüter zu erwerben, obwohl dafür in anderen Lebensbereichen unsinnige Opfer“ gebracht werden müssen.
Kalle Lasn: Culture Jamming
(Orange Press 2005, 20 €)
Joseph Heath, Andrew Potter: Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur (Rogner & Bernhard 2005, 19.90 €)
Noch eine Veröffentlichung zum Thema:
Max Hollein, Christoph Grunenberg (Hg.): Shopping. 100 Jahre Kunst und Konsum (Hatje Cantz Verlag 2002, vergriffen, nur über Antiquariate wie www.zvab.de)
Maik Söhler arbeitet als freier Journalist in Berlin.
Fotos: ©Adbusters
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