Zusammenstoß, Zusammenprall – das ist die Übersetzung des lateinischen Wortes "conflictus", der Ursprung des deutschen Begriffs Konflikt. Im Interview spricht Prof. Berthold Meyer von der
Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung über das Wesen von Konflikten und ihren Ursachen, Streit und Lösungswege.
Herr Meyer, möglicherweise klingt die Frage banal. Dennoch: Was ist eigentlich ein Konflikt?

Da gibt es zwei unterschiedliche Auffassungen. Zum einen die der eher Harmoniebedürftigen, die einen Konflikt als etwas schon im Kern Negatives ansehen. Sie gehen davon aus, dass Konflikte schnell zu Gewalt führen, dass es Konflikte grundsätzlich nicht geben sollte. Zum anderen existiert die soziologische Auffassung, die einen Konflikt als eine Positionsdifferenz betrachtet. Eine Auffassung, der ich im Übrigen zuneige. In jeder Situation, in der Menschen miteinander zu tun haben, gibt es verschiedene Meinungen, was richtig und was zu tun ist. Konflikte sind also immer da. Sie können durchaus Beziehungen zwischen Menschen oder Gruppen positiv vorantreiben. Der springende Punkt ist, wie wir Konflikte austragen. Dabei kommt es darauf an, dass Menschen nicht zu Schaden kommen.
Gibt es da einen Unterschied zum Streit?
Eigentlich nicht. Meistens spricht man bei Auseinandersetzungen im Alltagsleben von Streit. Für viele klingt Konflikt nach etwas Beängstigenderem: Da denken manche gleich, dass Bomben geworfen werden.
Was bei Kriegen ja der Fall ist. Wann spricht man also vom Konflikt, wann vom Krieg? Gerade Medienmacher/innen haben oft Schwierigkeiten, den richtigen Begriff für einen Konflikt auf internationaler Ebene zu finden, etwa für die Situation derzeit im Nahen Osten.
In der Kriegsursachenforschung wird einfach gezählt: Gibt es bei einem bewaffneten Konflikt mehr als 1.000 Tote in einem Jahr und beteiligt sich mindestens eine der Seiten mit einer regulären Streitmacht, dann ist es ein Krieg. Dem letzten Teil der Definition kann ich zustimmen. Wenn es grenzüberschreitend zur Gewaltanwendung kommt und ganze Städte zerbombt werden, dann muss man meiner Meinung nach nicht erst die Opfer zählen.
Welche klassischen Konfliktgegenstände gibt es eigentlich auf der internationalen Bühne?
Früher ging es bei Kriegen häufig darum, Macht – über ein fremdes Stück Land, die darauf lebenden Menschen oder die darunter befindlichen Bodenschätze – zu gewinnen, während die Gegenseite alles tat, um dies zu verhindern. Solche grenzüberschreitenden Konflikte sind heute selten geworden. Allerdings spielt der Faktor der Macht über ein Gebiet beim Nahost-Konflikt eine wichtige Rolle. Israel hält seit 1967 Gebiete besetzt, die von Palästinensern/innen bewohnt werden und auf denen diese einen eigenen Staat errichten wollen. Und Israel tut sich sehr schwer damit, ihnen das Land zurückzugeben. Hier spielen jedoch auch religiöse Aspekte eine Rolle, etwa wenn es um die Stadt Jerusalem geht, auf die sowohl die Juden wie die Muslime wegen ihrer dort liegenden Heiligtümer Anspruch erheben.
Von den Ursachen und Gegenständen zur Eskalation eines Konflikts ...
Das ist ein Prozess, der sehr langsam vonstatten gehen, dann aber eine unglaubliche Dynamik entwickeln kann. Schauen wir noch mal in den Nahen Osten: Dort ist die Hisbollah schon länger mit einer Nadelstichtaktik gegen Israel vorgegangen. Der Überfall am 12. Juli 2006 und die Verschleppung der beiden israelischen Soldaten war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Da hat Israel dann gesagt, wir lassen uns das nicht länger gefallen, und hat sehr massiv im Libanon zugeschlagen. Sicher ist es diskussionswürdig, wie Israel vorgegangen ist. Das Beispiel zeigt übrigens, dass sich die Regierungen demokratischer Staaten schwer damit tun, eine Eskalation zu verhindern. Einerseits kann es Wählerstimmen kosten, wenn man auf gegnerische Attacken nicht reagiert. Andererseits würde es noch mehr Stimmen kosten, wenn bei Kämpfen eigene Soldaten ums Leben kommen. Deshalb führen Demokratien Kriege heute aus der Luft und schmeißen dabei viele Bomben, mit denen im Land des Gegners unglaublicher Schaden angerichtet wird. Hauptsache, man verliert keine eigenen Soldaten.
Und wenn erst einmal Bomben fallen, wird es immer schwieriger, den Konflikt beizulegen.
In der Konfliktforschung unterscheidet man zwischen verschiedenen Eskalationsstufen eines Konflikts. Da gibt es ein neunstufiges Modell, das geht auf den Österreicher Friedrich Glasl zurück. Demnach wird ein Konflikt in den ersten drei Stufen noch mit Worten ausgetragen. Da können die Parteien noch allein zu einem Kompromiss finden. In den Stufen vier bis sechs wird es komplizierter: Da will jede Seite nur noch gewinnen, der Gegner soll verlieren. In den letzten Stufen tritt schließlich der Anlass des Streits in den Hintergrund. Stattdessen ist auf beiden Seiten das Bedürfnis so groß, den Gegner zu schädigen, dass man die damit einhergehenden Selbstschädigungen in Kauf nimmt: Man rast, wie Glasl sagt, gemeinsam in den Abgrund.
Und wie arbeitet die Konfliktforschung an Lösungsstrategien?
Ich spreche lieber von der Konfliktregelung als von der Lösung. Auch wenn es gelingt, zwischen zwei unterschiedlichen Positionen einen Kompromiss zu finden, haben sich die Zielvorstellungen der einen oder anderen Seite nicht endgültig in Luft aufgelöst. Man muss also Regelungen finden, mit denen alle Beteiligten eine gewisse Zeit leben können. Ansonsten kann man sich am Schreibtisch natürlich immer gute Dinge ausdenken. Ob man Gehör findet, ist eine andere Frage. Um mit Karl Deutsch einen der Gründerväter der Friedensforschung zu zitieren: "Macht heißt, nicht zuhören zu müssen." Das begegnet uns auch bisweilen in der Politikberatung. Ich muss also immer fein darauf achten, mit welchen Argumenten ich Politiker/innen überzeugen kann. Man hat da nicht immer Erfolg.
Ist das nicht sehr ernüchternd?
Sicher, manchmal hätten wir gerne schneller Erfolg. Man braucht eine unglaubliche Portion Geduld und es ist hier und da schon sehr frustrierend. Ich bleibe auch nicht immer cool und haue gerne mal auf den Tisch. Aber nur auf den. Ansonsten ist hauen nicht meine Konfliktregelungsstrategie.
Barbara Lich ist fluter-Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn.
Foto, oben: "Berthold Meyer" / privat
www.hsfk.deHessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung
www.hiik.deKonfliktbarometer des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung
www.crisisgroup.orgDie International Crisis Group analysiert weltweit Krisen und Konflikte.
www.bpb.deInformationen zur politischen Bildung: Kriege und Konflikte
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