Von der Uni zur UNO
Christina ist Jugenddelegierte der Vereinten Nationen
Anne Fromm | 24.9.2006
Während ihre Kommilitonen/innen das Semesterende feiern,
sitzt Christina Apel im Zug. Sie fährt zu einem Treffen mit Kofi Annan nach
Bonn. Anschließend hat sie einen Termin im Sozialministerium. Am nächsten Tag
geht's weiter nach Hannover, zwei Tage später nach Freiburg. Christina ist
Jugenddelegierte der UN und kommt viel rum im Land. Die größte Reise steht ihr noch
bevor: Ende September fliegt die zweitjüngste Diplomatin Deutschlands zur
Generalversammlung der
UNO nach New York.
Lehrreicher als jedes Seminar
Die 24-Jährige hat viel erlebt in den letzten Monaten. Seit
Februar 2006 arbeitet sie für ein Jahr als Jungdiplomatin ehrenamtlich für die UNO.
Eigentlich studiert sie Diplomsoziologie an der Uni Bamberg. Dafür bleibt ihr
seither kaum Zeit. Gerade einmal zwei Seminare konnte sie im letzten Semester
besuchen. Gute 40 Stunden wöchentlich nimmt der Job in Anspruch. Zurzeit reist sie mit ihrem Mitstreiter Jan Munz quer durch
Deutschland, um mit anderen ins Gespräch zu kommen.
In jeder Station steht ein bestimmtes Diskussionsthema auf
dem Plan. In Hannover sprach sie über Jugendkriminalität, in Freiburg über
Globalisierung. Auf Desinteresse ist Christina bisher nie gestoßen. "Die
Jugendlichen wollen partizipieren, sie wollen mitreden. Wenn sie merken, dass
ihnen dazu die Chance geboten wird, werden sie unglaublich aktiv." So auch in Trier.
Dort sprudelten auf einmal die Ideen, wie man mit ehrenamtlichem Engagement
Veranstaltungen organisieren kann, um auch ärmeren Menschen eine Freude zu
bereiten.
Der Jugend eine Stimme geben
Seit 25 Jahren empfiehlt die UNO ihren Mitgliedsstaaten,
Jugendvertreter/innen in ihre Delegationen aufzunehmen. Trotzdem machen noch
immer wenige Länder von dieser Möglichkeit Gebrauch. Nur 30 der 191 Mitgliederstaaten
haben Jungdiplomaten/innen, schätzt Christina. Auch in Deutschland gibt es erst
seit einem Jahr Jugenddelegierte. Berliner Studierende holten das Projekt in
die Bundesrepublik. Getragen und finanziert wird es von der Deutschen
Gesellschaft für die Vereinten Nationen, dem Deutschen Nationalkomitee für
Jugendarbeit und dem Jugenddelegierten Team. Christina und Jan sind die zweite
Generation.
Christina hat viel Erfahrung in der Jugendarbeit. Schon zu
Schulzeiten hat sie Workshops und Freizeiten organisiert und auf
internationaler Ebene gearbeitet. "Neues kennen lernen, Fremdes entdecken – das
hat mich schon immer fasziniert." Das Jugenddelegierten-Projekt war deswegen
genau die Herausforderung, die sie Ende 2005 suchte.
Doch die Bewerbung ist aufwendig, die Anforderungen hoch: sehr
gute Englischkenntnisse, Erfahrungen im Bereich Jugendarbeit und UNO,
Selbstbewusstsein, rhetorische Fähigkeiten. Wer in seiner schriftlichen
Bewerbung überzeugt, wird zum Telefoninterview gebeten. Danach folgt ein
persönliches Gespräch. Christina und Jan setzten sich gegen 60 Mitstreiter/innen
durch. Ende Februar erfuhren sie, dass sie genommen wurden. Gleich am nächsten
Tag begann die Arbeit.
Den richtigen Ton finden
Ihr Leben hat sich seit der Wahl sehr verändert. In ihrem
WG-Zimmer in Bamberg stapeln sich die Papiere und Bücher. Jedes Thema der
Tourstation bedarf einer gründlichen Einarbeitung – dazu gehört stundenlanges
Einlesen. Die Uni sieht sie nur noch selten von innen, für Freunde, Freundinnen
und Familie bleibt wenig Zeit. Selbst am Abend ist die Arbeit präsent. Oft
trägt sie die Themen der letzten Tourstationen noch tagelang mit sich herum. Trotzdem:
Christina liebt ihre Aufgabe. "Du hast die einmalige Chance, wirklich etwas zu
erreichen. Auch wenn du keine großen Veränderungen bewirkst – etwas hinterlässt
man eben doch."
In den letzten Monaten hat sie gelernt, dass man nicht
warten darf, bis man nach seinem Anliegen gefragt wird. "Auch wenn es immer
wieder Mut und Überwindung kostet, musst du auf die Leute zugehen und sagen,
was du willst. Da den richtigen Ton zu finden, ist nicht immer einfach." In New
York wird sich zeigen, ob sie ihn findet, den richtigen Ton. Die
Jugenddelegierten werden dort in die Arbeit an der neuen UN-Jugendresolution
eingebunden.
Bammel hat Christina nicht vor der Reise über den großen Teich.
Vielmehr sieht sie New York als neue Herausforderung. Sie will dort zeigen, was
Jan und sie in der letzten Zeit geschafft haben, und beweisen, wie wichtig das
Projekt ist. Dass es einen Sinn hat, der Trierer Jugend vor Augen zu führen,
dass sich Engagement lohnt, und den Freiburgern/innen zu demonstrieren, dass
Globalisierung gar nicht so weit weg ist. "Wir sind die, die in 20, 30 Jahren
die Früchte ernten, für die wir heute die Saat streuen. Junge Leute müssen partizipieren
und sich einmischen." Und wenn sie das rüberbringt, sagt sie, dann hat sie ihr
Ziel erreicht.
Anne
Fromm ist 20 und studiert in Leipzig Soziologie.
Fotos: www.jugenddelegierte.de
www.jugenddelegierte.de
Infos, Links und Fotos zu dem Projekt der Jugenddelegierten