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"Ich hasse es, für einen Botschafter der israelischen Regierung gehalten zu werden." DJ Nadav Ravid will nicht über die Politik Israels diskutieren. "Es geht mir auf die Nerven, dass auch meine Musik, meine Kunst, danach bewertet wird, an welchen Ungerechtigkeiten meine Regierung in den vergangenen vier Jahrzehnten beteiligt war", sagt Nadav Ravid. Dass aber Pop und Politik in Israel nicht so leicht zu trennen sind, zeigt sich schon an Nadav Ravids Biografie: Seine Karriere als DJ nahm während seines Wehrdiensts beim israelischen Militär den Anfang. Beim Armeesender GLZ, der im Land auch über Kasernenwände hinaus populär ist, übte er am Plattenteller. Mit Botanika wollen die beiden Musiker die Vielseitigkeit der pulsierenden Mittelmeer-Metropole Tel Aviv einfangen, House und R 'n' B stoßen mit den "Jackson 5“ und Underground Resistance in einem wilden Mix aufeinander. Im Interview erzählen die Botanika-DJ Nadav Ravid und Amir Egozy vom Leben unter Terrorangst – und dass man in Berlin trotzdem "härter" feiert.
Beim "Popdeurope"-Festival seit ihr mit anderen Künstlern unter dem Label "Musiker aus Tel Aviv" aufgetreten. Wir waren da die Reaktionen?
Amir Egozy: Überwiegend positiv. Bei den Terminen rund ums Festival waren die Leute ziemlich interessiert und neugierig auf uns, weil wir aus Tel Aviv kommen. Sie wussten eben: Wir sind einfach Menschen aus Tel Aviv, wir sind nicht die israelische Regierung, wir repräsentieren den menschlichen Teil Israels.
Von den "Popdeurope"-Machern wurde die "Achse Berlin – Tel Aviv" betont. Zwei der Musiker, die am gleichen Abend aufgetreten sind, DJ Humus und Oren Gerlitz von der Grime-Band Jahcoozi, leben mittlerweile in Berlin. Gibt es Gemeinsamkeiten? Von beiden Städten wird doch gesagt, sie seien nicht typisch für den Rest ihres Landes.
Amir Egozy: Tel Aviv hat gewissen Seiten, die nicht charakteristisch für den Rest Israels sind. Genau wie Berlin, die große Metropole. Es ist dort kulturell einfach vielseitiger. Doch das trifft auf große Städte in der ganzen Welt zu. New York und die USA, das sind auch zwei verschiedene Sachen.
Was halten die Menschen aus anderen Teilen Israels von der Künstler- und Nachtlebenszene in Tel Aviv? Kommen von ihnen nicht Vorwürfe, dass man sich dort die Zeit vertreibt, während sich das Land einer existenziellen Bedrohung gegenübersieht?
Nadav Ravid: Von der Vertretern der politisch Rechten heißt es, ein kulturelles Leben wie in Tel Aviv zu führen sei einfach unrealistisch, weil man dort anscheinend die Tatsache nicht wahrhaben will, dass sich unser Land im Krieg befindet. Andere kritisieren, die Ausrichtung Tel Avivs gen Westen und Europa sei nicht realistisch, weil Israel eben nicht in Europa liegt. Sie sagen, wir sollten uns statt dessen eher an der arabischen Kultur orientieren. Und dann gibt es noch Extremisten, die fordern, dass unsere Kultur insgesamt jüdischer sein sollte und nicht so kosmopolitisch. Es gibt also sehr viele ganz unterschiedliche Ansichten, Stimmen, Meinungen dazu.
Amir Egozy: Ja, Israel ist ein kleines Land, aber mit sehr, sehr vielen unterschiedlichen Meinungen. Bei Israelis, die in ländlichen Gebieten leben und nahe der Grenze – und gerade dann, wenn sie politisch rechts gerichtet sind – dreht sich alles um ihre Angst und um Sicherheitsmaßnahmen. Sie sehen sich in einem unaufhörlichen Krieg. Aber ich möchte unser Verhältnis zu den Palästinensern nicht als Krieg sehen. Es ist ein Konflikt, ein Dilemma, das gelöst werden muss, nicht ein Krieg, den man gewinnen muss.
Der Ruf Tel Avivs als Nachtleben-Metropole wurde Ende der 90er-Jahre begründet. Insbesondere 1999, als der damals neu gewählte Ministerpräsident Ehud Barak wieder Friedensverhandlungen mit den Palästinensern aufnahm, sei die Stadt von einer großen Euphorie ergriffen worden, heißt es.
Nadav Ravid: Ja, damals lag viel Optimismus in der Luft, die ganze Nachtlebenszene war in Tel Aviv am Explodieren, auch wirtschaftlich ging es aufwärts, die Hightech-Blase wuchs und wuchs, viele Leute bekamen Jobs bei Hightech-Firmen. Man war der Ansicht, dass endlich alles in die richtige Richtung geht. So war es 1999, aber schon 2000 war damit Schluss.
Also nach Beginn der zweiten Intifada. Die islamistischen Terroristen, die sich nicht nur Israel, sondern den westlichen Lebensstil an sich zum Angriffsziel erkoren haben, haben sich den Slogan "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" auf die Fahne geschrieben. Macht das das ganz normale Leben, mitunter das Ausgehen und Musikhören, nicht schon zu einer politischen Angelegenheit?
Nadav Ravid: Jedes Mal, wenn es Krieg gibt oder einen Anschlag, bei dem Menschen sterben, hört man in Israel von Politikern, man müsse zum Alltagsleben zurückkehren, zu den alltäglichen Routinen, um zu zeigen, dass man stark ist. Aber meistens machen die Leute das sowieso. Schon, weil einen Bedrohung nicht unbedingt vor der eigenen Türschwelle erwartet. Manchmal explodierte eine Bombe nur zwei Straßen weiter, aber so lange sie nicht direkt vor deinem eigenen Haus explodiert, machst du einfach weiter: Du musst Einkäufe erledigen, du möchtest ins Kino gehen, das Leben geht weiter – darin liegt eine große Kraft.
Amir Egozy: In Israel wird man einfach in ein Land hineingeboren, wo Spannungen zum ganz gewöhnlichen Leben gehören. Auch wenn die Spannungen mal stärker und mal schwächer sind, ganz verschwinden sie nie. Sie wirken sich auf alles aus, die Party- und Musikszene bildet da keine Ausnahme.
Diese Anspannung soll ja auch ein Grund dafür sein, dass die Nachtschwärmer in Tel Aviv ziemlich exzessiv Party machen – nach dem Motto "Feiern, als ob es kein Morgen gäbe".
Nadav Ravid: Ich glaube, dass die Leute in Berlin härter feiern als bei uns. Man sieht hier in Berlin an einem Samstagabend schon auf der Straße extreme Sachen, die man in Tel Aviv nicht gewohnt ist: jede Menge Alkohol und stressige Situationen, die daraus resultieren. Es gibt in Tel Aviv durchaus Partys, wo die Musik ziemlich hart ist, wo Leute sich betrinken und Drogen nehmen, aber es ist nicht Sodom und Gomorrha. In Israel wissen selbst die jungen Leute, von denen es heißt, sie würden feiern, als ob es kein Morgen gäbe, dass es eben doch ein Morgen gibt, dass sie vorausplanen müssen. Den Leuten, die in Berlin ausgehen, merkt man an, dass sie weniger Pläne für ihre Zukunft haben. Party ist ihr eigentlicher Lebenszweck, nicht nur eine Phase, durch die sie hindurchgehen.
(Interview in englischer Sprache)
Robert Pitterle lebt als freier Journalist in Berlin.
Foto: Botanika