Was ist eigentlich Frauenliteratur?

Der distanzierte Blick

25.6.2003 | Sarah Diehl | Kommentar schreiben
Sicher nicht nur für Frauen: Literatur, die genau beobachtet und die Verhältnisse klarstellt.
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Das Label "Frauenliteratur" bezeichnet nicht nur eine Marktnische, sondern auch eine Erwartungshaltung: Gesten sozialer Betroffenheit, Einfühlung und Emotionalität werden erwünscht. Autorinnen, die sich diesen Vorschriften verweigerten, hatten es im Literaturbetrieb noch nie leicht. Das zeigt sich besonders bei gesellschaftskritischen Themen: Was männlichen Autoren oft das positive Image eines scharfsinnigen und unbestechlichen Gesellschaftskritikers einbringt, gilt bei Autorinnen rasch als unnatürliche Verweigerung des (weiblichen) Mitleids mit den Erniedrigten und Unterdrückten.

Dabei finden sich in deutschsprachigen Ländern eine Reihe von Autorinnen, die seit Mitte der 1960er-Jahre ein anderes Schreiben vorantrieben: In ihren Romanen bieten sie den Leser/innen keine Möglichkeit, sich mit den Figuren, die sich in gesellschaftlichen Konflikten verfangen haben, zu identifizieren oder zu solidarisieren. Hier ist keine klare Täter-Opfer-Trennung mehr möglich. Denn: Wenn du mitmachst bei dem, was die Gesellschaft dir vorgibt, bist du immer auch Täterin.

Machtkampf

Eine der Vorreiterinnen dieser literarischen Strömung war Gisela Elsner. In ihrem 1984 erschienen Roman "Die Zähmung - Chronik einer Ehe" beschreibt sie, wie ein Ehepaar sich mit der Geburt ihres Kindes im Kampf um Macht und Freiräume das Leben zur Hölle macht. Da beide Macht nicht unabhängig von Geschlechterrollen denken können, muss konsequenterweise der Schwächere "verweiblichen" und die Stärkere "vermännlichen". Unaufhörlich reproduzieren sie widersprüchliche Geschlechterklischees; zwischen dem eigenem Machtanspruch und der gesellschaftlichen Erwartung hin- und hergerissen.
Gerade als die Ehefrau den Ehemann mehr und mehr zu beherrschen scheint, beginnt sie - aus einer Art Überaffirmation an ihre Frauenrolle - einen "Frauenschicksalsroman" zu schreiben - genau einen solchen Betroffenheitsroman, dem sich die Autorin Elsner selbst immer verweigert hat. Der Ehemann, keinesfalls nur Opfer, leidet währenddessen an Schuldgefühlen und Abhängigkeitszwang. Die gleiche Falle, in die sonst immer Ehefrauen geraten, die sich mehr oder weniger bereitwillig ihren Ehemännern unterwerfen.

Indem die üblichen Geschlechterrollen umgedreht werden, macht Elsner die Machtmechanismen in einer Liebesbeziehung umso deutlicher. Nicht die Probleme der Betroffenen werden vorgeführt, sondern die so genannte Normalität - mit dokumentarischen Mitteln - als das eigentlich Monströse gezeigt.

Antrainierte Härte

Noch krasser wird das in Elsners Roman "Fliegerarlarm" deutlich. Hier beschreibt sie Kinder, die im Zweiten Weltkrieg ihre Eltern nachahmen und in den Ruinen ihrer Stadt den Krieg in allen Konsequenzen nachspielen: Sie übernehmen die rassistischen und antisemitischen Klischees, ordnen sich unkritisch ihrer Führerfigur unter und denunzieren sich gegenseitig. Die Mädchen begnügen sich mit ihrer Rolle als Geliebte der SS-Männer, die wiederum ihre antrainierte und von den Erwachsenen tolerierte Härte ausspielen. Es geht um faschistische Strukturen im Alltag, die nicht erst beim Kriegspielen anfangen.

Die Distanz zu ihren Figuren, die mal satirische, mal analytische Sprache, die einen provozierenden Bruch mit geläufigen Erwartungen an "weibliches" Schreiben darstellt, auch die Themen (gesellschaftliche Macht- und Unterwerfungsstrukturen) teilt Gisela Elsner mit Autorinnen wie Elfriede Jelinek (Die Liebhaberinnen, 1975), Renate Rasp oder Marlene Streeruwitz.

Frauenarbeit?

Renate Rasp beispielsweise beschreibt 1972 in dem Roman "Chinchilla - Leitfaden zur praktischen Ausübung" detailreich, was eine Frau, die dem Beruf der Prostituierten nachgehen will, alles beachten muss. In ihren genauen Beschreibungen wird deutlich, das die Arbeit von Prostituierten der Arbeit von Geliebten, Freundinnen, Haus- und Ehefrauen sehr ähnelt. Rasp deckt auf, dass Liebesbeziehungen und Ehe einen Teil des gesellschaftlich geförderten - und geforderten - weiblichen Arbeitsbereichs ausmachen: einen harmonischen, schönen Rückzugsort für den Gatten zu schaffen (was natürlich alle Hausarbeit mit einschließt) und den Stress, Ärger und mangelndes Selbstbewusstsein des Mannes aufzufangen und mit der eigenen Unterwerfung auszugleichen.

Soviel zur deutschsprachigen Literatur. Vergleichbar mit dieser leider noch eher randständigen Form der "Frauenliteratur" ist der Roman "Zwanzig Säcke Muschelgeld" der in London lebenden Nigerianerin Buchi Emecheta. Der englische Originaltitel "The Joys of Motherhood" wird dem Buch mehr gerecht: Es ist ein höhnischer Abgesang auf den afrikanischen Mutterkult (in vielen afrikanischen Gesellschaften gilt die Mutterrolle als identitätsstiftend für Frauen) und auf die Frauen, die sich diesem unterwerfen.

Keine Täter, keine Opfer

Diese Zurichtung zum Mutter-Sein ist Buchi Emecheta selbst nicht fremd. Ihr Ehemann verbrannte ihr erstes Manuskript, weil das Nachdenken und Schreiben sie von ihren Ehepflichten nicht ablenken sollte. Dennoch sollte man diesen Roman keineswegs als (auto-)biografisches Zeugnis lesen: Emecheta beschreibt ihre Protagonistin Nnu Ego nicht mit dem mitleidsvollen und fürsorglichen Blick einer Betroffenen, sondern verhöhnt diese geradezu wegen ihres ungebrochen Strebens nach Erfüllung in der Mutterschaft. Das Täter-Opfer-Prinzip wird nicht zuletzt dadurch aufgebrochen, dass Emecheta in ihrer Kritik die weiße Kolonialmacht im Nigeria der 1940er-Jahre mit einbezieht, die das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen noch verschärft und gegeneinander ausspielt.

Was alle diese Romane gemeinsam haben: Die Kritik an Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen, die sich oft in der Liebe zeigt, ist immer auch eine Kritik an den politischen Verhältnissen, die diese Verhältnisse fördern und ausnutzen. Gerade der kühle und distanzierte Blick dieser Autorinnen verdeutlicht diese Strukturen, statt daran festzuhalten, dass so etwas wie Liebe unabhängig davon existieren kann.

Verena Sarah Diehl studiert Gender Studies und Afrikawissenschaften in Berlin und arbeitet bei einem Buchverlag.

Gisela Elsner: Die Zähmung (Verbrecher Verlag 2002, 15 €), Fliegeralarm (Verlag Paul Zsolnay 1989, gebraucht bei www.sfb.at)





Elfriede Jelinek: Die Liebhaberinnen (Rowohlt 1975, 6.90 €, ab 2 € bei www.sfb.at)






Renate Rasp: Chinchilla - Leitfaden zur praktischen Ausübung (Rowohlt Verlag 1972, vergriffen, ab 2 € bei www.sfb.at)





Buchi Emecheta: Zwanzig Säcke Muschelgeld (Unionsverlag 1979, ab 7 € bei www.sfb.at)






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www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2002/20/26a.htm
Über Gisela Elsner

www.litlinks.it/r/rasp.htm
Infos zu Renate Rasp

http://ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/fLepus.htm
Die Homepage von Elfriede Jelinek

www.ub.fu-berlin.de
Infos zu Marlene Streeruwitz (Name in Suchmaske eingeben)

www.emory.edu/ENGLISH/Bahri/Emech.html
Infos zur Buchi Emecheta

http://emeagwali.com/nigeria/biography/buchi-emecheta-voice-09jul96.html
Interview mit Buchi Emecheta

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