
Mit meiner Tasche, Schlafsack und Luftmatratze bewaffnet sitze ich im Zug. Mein Ziel ist Prora. Ein Ort mit kilometerlangem Sandstrand. Hier planten die Nazis ab 1938 das "KdF-Seebad der 20.000". Alle Zimmer mit Blick auf das Meer. Doch fertiggestellt wurde nur der Rohbau. Nach 1945 von der NVA als Kaserne genutzt, steht der "Koloss von Rügen" heute unter Denkmalschutz. An diesen umstrittenen Ort fahre ich, gemeinsam mit 15.000 anderen Jugendlichen, um den "bösen Geist" auszutreiben. Mit lauter Musik, Gesprächen und einer Menge Fun. Doch Ziel des Veranstalters, dem Verein Prora03, ist nicht nur eine riesige Party, sondern auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft, möglicherweise sogar in MeckPomm.
Das volle Programm
Am Bahnhof von Prora angekommen, begrüßt mich ein Plakat der Deutschen Bahn: "Viel Spaß in Prora." Den werde ich haben. Zu Fuß geht es die 700 Meter vom Bahnhof zum Gelände. Vor mir steht das längste Gebäude Europas. Es ist hässlich. Doch das verdirbt mir nicht die Laune. Schnell auf den gebuchten Zeltplatz und der Traglast entledigt, mache ich mich auf, das Gelände zu erkunden. Weite Wege in Prora.
Als die Eröffnungsveranstaltung um 19.30 Uhr beginnt, stehe ich an der Hauptbühne. Begrüßung durch Schirmherrin Christina Rau und ihren Gatten Johannes sowie weitere Politiker aus der Region. Die Anwesenheit von Nadja Auermann versetzt manch einen Teilnehmer in Entzückung. Musikalisch wird das Programm durch die World-Pop-Tour der Hochschule für Theater und Musik Rostock begleitet. Das wiederum versetzt mich in Entzückung. Neben Hits von Peter Gabriel und den Beatles spielen die Studenten auch eigene Songs.
Prora hat viel zu bieten. Workshops, Diskussionen und Sportangebote. Und Menschen. In welche Richtung ich auch gehe, immer laufe ich gegen die Massen an, die den "Boulevard" von Prora entlangströmen. Bei dem großen Angebot an Theater, Musik, Tanz und Co. fällt leider auch einiges fest Eingeplantes aus. So kann ich keine "Stachelbeeren" (Kabarett) genießen oder mich im Workshop "Sport statt Gewalt" von der Jiujitsu-Weltmeisterin Sabine Felser auf die Matte legen lassen. Schade eigentlich! Dafür begeistern mich Perform(d)ance, Cheerleader und Togolesische Trommler. Auch in den 170 Veranstaltungsräumen gibt es massig zu sehen. Und der Strand lockt mit Sportarten wie Beachvolley- und Beachhandball oder einfach nur quallenreichem, kaltem Ostseewasser. Langeweile kann dabei schwer aufkommen.
Die Nahrungskette
Immer wichtig natürlich auch das Essen. Wenn der Magen knurrt, wird es Zeit, sich auf den Weg zu seiner Verpflegung zu machen. Am besten schon vorher. Denn bei über 10.000 Leuten mit Essensmarken werden die Warteschlangen lang. Dazu kommt dann noch das Pech, dass, nach einer halben Stunde anstehen endlich am Anfang der Schlange angekommen, gerade das Brot ausgegangen ist. Wie sagt man so schön: Shit happens. Aber immerhin positiv, dass ich meine Geschmacksnerven zu Hause lassen kann (praktisch auch für diejenigen, die ihre sowieso vergessen haben). Denn der Kartoffelbrei beispielsweise war wunderbar neutral auf der Zunge. Wozu hat der Mensch denn Phantasie?
Unvergessen bleiben auch die endlos langen Schlangen an den Toiletten, vor allem natürlich vor denen mit der Aufschrift "Damen". Einer der wenigen Momente, in denen ich gerne dem anderen Geschlecht angehören möchte. Doch auch Männer können herkömmliche WCs nicht nutzen, wenn die um zwei Uhr morgens abgeschlossen sind.
Ein Tag am Strand
Auf dem Weg zur Hauptbühne laufe ich an Ralf Bauer, getarnt mit Sonnenbrille, vorbei (was bei meinen Laseraugen seine Wirkung verfehlt). Er kündigt später meinen persönlichen Höhepunkt von Prora, den Auftritt der "Massiven Töne", an. Da die Veranstalter die Namen der auftretenden Chartsbands nicht preisgeben, brodelt es mächtig in der Gerüchteküche. Während einige Teilnehmer auf Rammstein (weil Till Lindemann ja sowieso in Prora ist) oder Ben spekulieren, sind andere felsenfest davon überzeugt, dass Herbert Grönemeyer dem Event einen Besuch abstattet. Letztendlich gibt es dann aber "Massive Töne" zu hören. Doch bevor das Duo die Bühne betritt, spielen andere unbekanntere Bands auf. Das gibt mir die Möglichkeit, mich durch die Menge weiter nach vorne zu arbeiten. Mein Blick auf die Bühne ist gut. "Massive Töne" ebenfalls. Ein Blick über die mehreren tausend erhobenen Hände beweist: Der Weg hierher hat sich gelohnt.
Photos: Friederike Richter
Anne-Christin Mook (18) liebt Filme und will nach ihrem Abi04 Anglistik und Medienwissenschaft studieren.
Prora03 fand vom 22. bis 24. August 2003 auf Rügen statt.
http://live.prora03.de
Die großen und die kleinen Geschichten des Prora03-Wochenendes
http://prora03.de
Bestimmt besser als das Wort Leitpapier
www.allinclusive.eu.tc/
Prora Inclusive machte im August Art Squatting in Prora - der Abschluss war das Jugendfest
www.taz.de/pt/2003/08/09.nf/magText.tname,a0265.re,ku.idx,0
taz-Artikel mit dem lustigen Titel "Really like piefig" über Prora Inclusive
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