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"Die Welt braucht keine Idole mehr"

Fantasy-Autorin Jenny-Mai Nuyen im Interview

15.2.2012 | Adrian Bechtold | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Jenny-Mai Nuyen

Jenny-Mai Nuyen

Anerkennung und Erfolg wünschen sich viele junge Autoren und Autorinnen. Für Jenny-Mai Nuyen, die als Tochter eines vietnamesischen Vaters und einer deutschen Mutter in München aufwuchs, wurde der Traum wahr. Gleich für ihre erste Romanidee interessierte sich ein Verlag. Als ihr Debüt "Nijura - Das Erbe der Elfenkrone" erschien, war Jenny-Mai erst 18 Jahre alt. Heute lebt die 23-Jährige, nach einem Filmwissenschaftsstudium in New York, als gefeierte Fantasy-Autorin in Berlin. Dieses Jahr veröffentlicht Nuyen mit "Noir" bereits ihren siebten Roman.

Adrian Bechtold hat sich mit Jenny-Mai unterhalten – über ihre Anfänge als Autorin, über Phantastische Geschichten im Allgemeinen und über Idole und Vorbilder im Besonderen.

Adrian Bechtold: Hallo Jenny-Mai, wie bist du zum Schreiben gekommen?

Jenny-Mai Nuyen: Ich war dreizehn und hatte bisher nur ein paar Bücher gelesen – nämlich die wenigen deutschsprachigen, die es in der Schulbibliothek gab. Manche davon mochte ich, andere weniger. Also dachte ich, dass es nicht so schwer sein könne, selbst ein Buch zu schreiben. Eigentlich sollte es ein historischer Roman werden, aber da muss man sich an Fakten halten und viel recherchieren. Das hat mich, gerade als Schülerin, abgeschreckt. So bin ich zur Phantastik gekommen.

Gab es bestimmte Schriftsteller/innen, die dich damals beeinflusst haben?

Über Bücher und Autoren wusste ich gar nichts, als ich mit dem Schreiben anfing. Es war alles sehr nebulös für mich, ermöglichte mir aber auch einen unbedarften Einstieg in meine eigenen Geschichten. Ich kannte niemanden aus der Buchbranche. Wie andere Schriftsteller lebten, war für mich erst einmal irrelevant. Erst später, als meine Bücher schon veröffentlicht waren, lernte ich andere Autoren kennen. Mit einigen wenigen führe ich Freundschaften, die natürlich auch meine Arbeit beeinflussen.

Eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Das Fantasy-Genre lebt stark von Heldenfiguren. Sind Idole in deinen Büchern und für deine Charaktere wichtig?

An Idole, Vorbilder oder Retter glaube ich nicht. Gegen diese Rollen sträuben sich auch die Charaktere in meinen Romanen. Vielleicht liegt das an meiner Generation. Ich habe das Gefühl, heute herrscht eine breitere Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Die Welt braucht doch nicht noch mehr Idole, keine Führung für die Masse, sondern einen intelligenten Schwarm. Wer an sich und seine Mitmenschen glauben kann, braucht keinen Retter. Gerade Fantasy funktioniert in meinen Büchern abseits von zentralen Idolen oder Rettern wunderbar.

Was ist das Besondere an Fantasy?

Fantasy ist voller literarischer Möglichkeiten. Man kann Metaphern, Symbole für das finden, was in der Realität sehr komplex ist. In meinen Romanen geht es immer um Dinge, die mich im echten Leben beschäftigen – Familie, Glaube, Politik. Dinge, die ich dann verklären, in neue Kleider stecken kann. Der Leser soll in den Romanen genauso viel erkennen können, wie er möchte – eine Allegorie auf ein aktuelles Thema oder einfach eine abenteuerliche Geschichte.
Leider hat das Genre aufgrund seiner Vermarktung einen schlechten Ruf. Dabei gab es Fantasy schon immer, auch wenn noch nicht das Wort auf dem Cover stand. Ich hoffe, dass die Grenze zwischen Fantasy und herkömmlicher Belletristik allmählich verwischt. Ich sehe bei den erfolgreichsten Büchern eine Entwicklung: "Herr der Ringe" spielte in einer ganz anderen Welt, "Harry Potter" schon zwischen realer Welt und Parallelwelt, und in "Bis(s) zum Morgengrauen" ist das Übersinnliche nur noch in die Realität eingebettet. So zieht das Phantastische allmählich in andere Genres ein.

Man muss es selber wollen

Wie fühlt es sich für dich an, jetzt selbst Fans zu haben, selbst ein Idol für Leser und Leserinnen zu sein?

Am Anfang fühlte ich mich selbst nicht als Schriftstellerin, sondern als Leserin, die es geschafft hatte, ein Buch zu veröffentlichen. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass das Schreiben tatsächlich mein Beruf geworden ist. Natürlich freue ich mich über das Lob meiner Leser, auch wenn es manchmal viel Druck auf mich ausübt. Denn jedem gefällt etwas anderes gut. Und wenn so viele verschiedene Meinungen an einem zerren, verliert man schnell die eigene aus den Augen. Wenn man einmal oben angekommen ist, müssen die nächsten Bücher den Standard halten.
Inzwischen muss ich mich immer wieder fragen: Will ich das wirklich schreiben, von Herzen? Ist das mein Wunsch – oder glaube ich nur, dass es bei den Lesern, beim Verlag gut ankommen wird? Denn richtig gut schreiben kann man nur, wenn es auch für einen selber ist, nicht nur für andere.

Und wie geht es bei dir weiter?

Gute Frage. Im Oktober 2012 erscheint erst einmal mein neuer Roman bei Rowohlt. Bisher habe ich mich eher an junge Leser gerichtet. Inzwischen versuche ich aber, eine breitere Schicht anzusprechen. Ein bisschen Fantasy steckt jedoch auch in diesem Buch. Einfach, weil es so viel Spaß macht, mit der Grenze zwischen Realität und Surrealität zu spielen.

Die Bücher von Jenny-Mai Nuyen sind bisher alle im Verlag Random House erschienen. Der neue Roman "Noir" erscheint im Oktober 2012 bei Rowohlt Polaris.

Adrian Bechtold (25) lebt als Student und freier Journalist in der Schweiz.

Foto: © Random House/Jan Frommel







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