Wir leben in einer merkwürdigen Zeit. In Talentshows und Starfabriken werden Sing- und Tanztalente am laufenden Band produziert und kurzlebige Ikonen durch die Medienmühlen gejagt. Jung und Alt dienen sie als Vorbilder. Zugleich mangelt es an visuellen Repräsentationen, die eine Zukunft illustrieren. Nirgends wird das so deutlich wie in der gegenwärtigen Diskussion um den Kapitalismus, in dem gierige Manager kritisiert werden und andere unmoralische Akteure der Finanzwirtschaft – in der nicht aber das kapitalistische System als solches hinterfragt wird oder andere Gesellschaftsordnungen vorgestellt werden.
Der Vorbild-Begriff, schreibt der an der Humboldt Universität zu Berlin lehrende Kulturwissenschaftler Thomas Macho in seinem neuen Buch "Vorbilder", werde heute meist reduziert auf "ein normatives Ideal, eine bestimmte Art von Prominenz (etwa des Heiligen, Kreativen, Heroischen), der zumal junge Menschen folgen und nacheifern sollen". Das war nicht immer so.
In der Antike war mit "Vorbild" auch der "antizipierende Entwurf, das Modell, der Versuch einer visuellen Repräsentation von Zukunft" gemeint. Als Beispiel dafür nennt Macho Platons Höhlengleichnis, also jene Idee von den Schatten in der Höhle, die eine Zukunftsvision der Wahrheit sind. Heute dagegen gebe es, kritisiert der Kulturwissenschaftler, nur noch das "gegenwärtige Bild", das genauso schnell verblasse, wie es entstehe.
Die normative Dimension des Vorbilds geht laut Macho auf den Pygmalion-Mythos zurück. In dieser Geschichte aus der griechischen Mythologie verliebt sich der Bildhauer in die von ihm selbst geschaffene Skulptur der Galatea, die als Verkörperung seiner Idealvorstellungen alle Lebenden in ihren Schatten stellt. Galateas Spur führt bis zu den Schönheitswettbewerben junger Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück.
Deren Erfolgsgeschichte, weiß Macho zu berichten, begann mit Tier-Wettbewerben. Der Zirkuspionier Phineas Taylor Barnum (1810-1891) veranstaltete diese beliebten Shows im "American Museum", seinem New Yorker Kuriositätenkabinett mit flinken Flöhen, begabten Hunden und anderem Getier. Ab 1855 richtete er, als Erster weltweit, unter dem Titel "Barnum's Gallery of American Beauty" Schönheitswettbewerbe mit jungen Frauen aus.
Wurde hier die Auswahl noch von Barnum selbst getroffen, so wurden Schönheiten und vorbildhafte Idealkörper im 20. Jahrhundert nach kollektiven Geschmacksurteilen gekürt. Dabei spielten medientechnische Entwicklungen wie Fotografie, Kino und Zeitschriftenwesen eine bedeutende Rolle. Macho spricht hier von der "Demokratisierung des Schönen".
Dies war die Geburt der Schönheitsikone als Star, der weniger ein Modell für praktisches Handeln abgab als ein unnahbares Bild der Perfektion. Stars, schreibt Thomas Macho, beerbten die Genies, da sie sich, ähnlich wie diese, von der Logik der Vererbung von Macht emanzipierten – wie sie für Könige und Königinnen galt. Doch während die frühen Stars sich allein durch ihre Leistung auszeichneten und Genies posthum ihren Status erlangten und somit in der Tat ein Vorbild für kommende Wissensordnungen oder künstlerische Epochen waren, gehe heute nicht nur die zeitliche Distanz verloren: Durch den omnipräsenten Bilderstrom des Internets würden die als Vorbilder gedachten Stars, Ikonen und Genies zu gefühlt nahen Bekannten.
Dies gelte auch für Politiker und Politikerinnen, die die königlichen Herrscher ablösten. Einst besaßen diese das aktive hierarchische Aufmerksamkeitsprivileg, "alle zu sehen, ohne selbst gesehen werden zu können". Daraus werde im Zeitalter der Massenmedien das passive Aufmerksamkeitsprivileg, "von allen gesehen zu werden, ohne selbst sehen zu können", schreibt Macho. Nach den Spielregeln der Prominenz, denen sich laut Macho auch Politiker und Politikerinnen unterordnen, müsse auch "der erfolgreiche Politiker […] versuchen, ein Teil aller Familien zu werden". Doch wehe, wenn dieser aus seiner Rolle fällt, sich einen Fehltritt leistet! Da es, sozusagen, keine familiäre Absicherungen gibt, fällt er umso tiefer.
Was trotz gesellschaftlicher Säkularisierung und Modernisierung vom antiken Vorbildbegriff blieb, seien die Astralmetaphern der Stars und Sternchen, mit deren Hilfe vorbildhafte Sozialfiguren beschrieben werden. Diese Begrifflichkeit, schreibt Macho in seiner materialreichen Studie, erinnere an die "traditionelle Identifikation der Herrscher mit Sonne und Himmel". Wenn es ein Symbol unserer Gegenwart gibt, dann müsste es wohl die Sternschnuppe sein, der fallende Stern.
Thomas Macho: Vorbilder (Fink Verlag 2011, 478 S., 39.90 €)
Philipp Goll studiert Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas an der Viadrina Universität in Frankfurt/Oder. Er schreibt für Magazine und Zeitungen.
Foto: ©misterQM / photocase.com
Mehr zum Pygmalion-Mythos auf Wikipedia
Thomas Machos Seite an der HU Berlin
"Stars kann man nicht imitieren" – Interview mit Thomas Macho in der Welt zum Thema Stars, Idole und Vorbilder
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