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Groß und klein

Zu zweit ist besser als allein

27.2.2012 | Hadija Haruna | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn Monika Janovskyte und Nicole sich treffen, reden sie. Sie sitzen dazu in Cafés, gehen spazieren oder bummeln durch die Stadt. Seit einem Jahr ist das so. Monika ist 23 Jahre alt, Studentin. Nicole 15 und Schülerin. Wenn Letztere über ihre Sorgen mit Jungs, die Situation zu Hause oder die Schule erzählt, hört Monika ihr gerne zu. Sie sagt, es sei ein Alter, in dem viel passiert. Eines, an das sie sich noch gut erinnern und sie im Gegenzug von ihren Erfahrungen berichten könne – ohne Ermahnungen. "Ich treffe mich mit Nicole, um das zu bekommen, was sie mir gibt, und ihr zu geben, was sie sucht und braucht", sagt die 25-Jährige. Und das aus freien Stücken.

Lerne von deinen Identifikationsfiguren, um weiter und kritischer voranzuschreiten, sagen Entwicklungspsychologen. Die Organisationspsychologie leitete daraus das Instrument des Mentorings ab. Schließlich griff die Pädagogik, später die Betriebswirtschaft das Bild der positiven Leitfigur auf: Ein erfahrener Mentor gibt sein Wissen an seinen Schützling, den Mentee, weiter. Die Idee gleicht Elementen aus Homers Odyssee: sein Held Odysseus, der in den Trojanischen Krieg zog und seinen vertrauten Mentor damit beauftragte, sich um seinen Sohn Telemachos zu kümmern. Dieser wurde dem Sohn zum Vaterersatz, Freund und Berater und begleitete ihn bei seiner Entwicklung zum Mann und später zum König.

Ein Mentee und sein Mentor

Ein Mentee und sein Mentor

Mentoren sind freiwillige Unterstützer

Mentoring-Programme sind freiwillig, meist unentgeltlich, persönlich bis freundschaftlich. Für die offizielle Zeit ihrer Beziehung bilden Mentor und Mentee ein so genanntes Tandem. Mentoren gibt es für verschiedene Situationen – mittlerweile auf fast allen Stufen der Lebens- und Berufswelt – für Schüler, Studenten, Alumni oder Berufsanfänger. Nicole und Janovskyte haben sich über das seit 2007 bestehende bundesweite Programm "Big Brothers Big Sisters" (BBBS) kennen gelernt. Der Grundgedanke des Projekts ist einfach: Erwachsene kümmern sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich um Kinder und Jugendliche.

Nicoles Mutter, die allein erziehend ist, hat sie dazu animiert, sich eine Mentorin zu suchen, um ihrer Tochter somit mehr Unterstützung zu garantieren. In Monika hat Nicole eine weitere Ansprechpartnerin gefunden und sitzt, im Gegensatz zu früher, weniger alleine zu Hause vor dem Computer. Von Monika fühle sie sich ernst genommen, sagt die Schülerin. "Wenn wir uns treffen, plappere ich wie ein Wasserfall, um mir die Sachen von der Seele zu reden", sagt die 15-Jährige.

Die Wirklichkeit - der größte Lehrmeister

Mentoren können wertvolle Lebenshelfer sein: Impulsgeber, Wertevermittler, Quell der Inspiration. Sie sind Ratgeber, die Erfahrungen, Arbeitsweisen, aber auch Führungsstile und Kontakte weitergeben und ihren Mentees helfen, eine Lebenslinie zu finden oder das zu tun, was sie am besten können. Ergebnisse der Psychologie und Neurowissenschaften zeigen, dass die Wissensweitergabe und das Lernen in einer Mentoring-Beziehung leichter funktioniert. "Der größte Lehrmeister ist die Wirklichkeit und unser Lernen ist immer mit Kommunikationsprozessen verbunden", sagt Grünwald, Psychologe und Mitbegründer des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold.

Seiner Ansicht nach sind geschilderte Erfahrungen dank der Kombination aus Sprache, Gestik, Mimik und dem Klang der Stimme effektiver als das Lesen eines Ratgebers. Anders als ein Vorbild sei ein Mentor ein wohlwollender und überparteilicher Begleiter, der mit seinem Mentee interagiere – ihn aber auch kritisiere und korrigiere, sagt Grünwald. "Er muss echt, authentisch und verlässlich sein. Und seinen Erfahrungsvorsprung nutzt er, um sich in den Dienst des anderen zu stellen."

Mentorin mit Migrationshintergrund

So wie Linh, eine 20-Jährige aus Wiesbaden, die als Säugling mit ihren Eltern aus Vietnam nach Deutschland kam. Sie macht gerade ihr Abitur und ist seit wenigen Wochen die Mentorin von Hila. Das Mädchen ist vor gut eineinhalb Jahren als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen und lebt jetzt in einem Asylbewerberheim. Die beiden haben sich über das Projekt "Willkommen!" des Flüchtlingsrats in Wiesbaden kennen gelernt. Der Grundgedanke: Einheimische unterstützen ehrenamtlich neueingereiste Flüchtlinge, Menschen in laufenden Asylverfahren oder langjährig Geduldete in ihrem Alltag.

Sie begleiten sie als Ansprechpartner in der Stadt, helfen ihnen beim Deutschlernen, beim Arztbesuch oder bei Behördengängen. Auch der Aufbau zwischenmenschlicher Kontakte ist ein wesentlicher Bestandteil des Mentorings, denn die Erfahrung zeigt, dass gerade Flüchtlinge seltener Kontakte zu Einheimischen haben und dadurch Integration und Teilhabe für sie auch erschwert werden. Die Treffen der Tandempartner sind auf ein halbes Jahr angelegt und sollen den Mentees helfen, wieder ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit zu gewinnen.

Zweimal haben sich Linh und Hila bisher getroffen. Weil sie sich noch nicht so vertraut seien, sind die beiden noch etwas unsicher, sagt Linh. Doch sie ist zuversichtlich. Sie will die 16-Jährige unterstützen, ihr Tipps geben – sie in das Leben in Deutschland einführen. "Ich werde öfter gefragt, warum ich das mache", sagt Linh. Sie meint dies zu tun, weil sie selbst weiß, was ihr als junge Migrantin gefehlt habe, um in Deutschland leichter Anschluss zu finden. "Wie es ist, wenn man bei den Behörden schikaniert wird", hat die 20-Jährige auch oft erlebt. "Für Hila ist es nicht einfach in einem fremden Land ohne Eltern zu leben. Und dann der ganze Pubertätsstress, den ich von mir kenne", sagt Linh.

Das Zusammenspiel zwischen Mentor und Mentee

Ein Mentor oder eine Mentorin sollte ihrem Mentee motivierend und beratend, nicht belehrend zur Seite stehen, so dass sie ihren eigenen Weg entwickeln und gestalten können, sagt die Soziologin Henrike Wolf. "Offen, neugierig und kommunikativ sollte ein Mentor sein und fähig, sein Erfahrungswissen weiterzugeben und die Tandempartnerin in verschiedene Netzwerke einzuführen."

Und wie sollten sich die Mentees verhalten? "Diese müssten aktiv auf ihren Mentor zugehen können, offen für Anregungen und konstruktive Kritik und bereit dazu sein, alte Gewohnheiten abzulegen, Neues auszuprobieren und sich auf ihr Gegenüber einzulassen", sagt die Soziologin Henrike Wolf. Sie ist eine der Vorsitzenden des Vereins Forum Mentoring. Der Dachverband von wissenschaftlichen Koordinatorinnen an Hochschulen hat sich die Verbesserung der beruflichen Chancengleichheit von Frauen und Männern unter Berücksichtigung ethnisch, sozialer und kultureller Vielfalt zur Aufgabe gemacht.

Auf die Integration von Schülern und Studenten aus nichtakademischen Familien setzt auch das Portal Arbeiterkind.de. "Arbeiterkinder werden im Verlauf ihrer Bildungskarriere über den Beginn und während des Studiums mit vielen Hürden konfrontiert", sagt Katja Urbatsch, Gründerin der Initiative. Dabei spielten Ursachen wie fehlende Vorbilder und Ansprechpartner in der Familie, Ängste bezüglich der Studienfinanzierung und eine pessimistische Einschätzung der eigenen Leistung eine große Rolle. Deshalb habe das Netzwerk eine Art Community gegründet.

Das Peergroup-Mentoring

Durch ein so genanntes Peergroup-Mentoring würden die Schüler und Studenten mündlich und schriftlich beraten und begleitet. Und da eine E-Mailberatung allein nicht ausreiche, hätten sich bisher Ortsgruppen in achtzig Städten gebildet, die die Mentees bei Bedarf bis zum erfolgreichen Studienabschluss begleiteten. Wichtig sei ein leichter Zugang für Interessierte, sagte Urbatsch. "Denn vor allem Schüler haben Angst, sich wieder bei uns zu melden, weil sie Sorge vor einer Gegenleistung haben und nicht verstehen, warum sich jemand einfach so mit Ihnen treffen will."

Wie lange eine Bindung zwischen den einzelnen Partnern bestehe, kann variieren. Doch werde im Gegensatz zu anderen Mentoring-Programmen eine Loslösung nicht festgelegt, sagt Urbatsch. "Wir steuern den Prozess nicht so stark, weil das näher am Leben dran ist. Am Anfang kann ein Kontakt intensiver, später lockerer sein – vielleicht hält er ein Leben lang."

Hadija Haruna arbeitet für den Hessischen Rundfunk und schreibt für den Berliner "Tagesspiegel". Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Berlin.

Foto: ©cydonna / photocase.com







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