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Ab in den Osten!

Freiwilligendienst an einer Oberschule in Polen

11.2.2012 | Jennifer Geiser | Kommentar schreiben | Artikel drucken

''kulturweit''-Pyramide vor dem Reichstag

''kulturweit''-Pyramide vor dem Reichstag

Mein Fernweh wurde geweckt, als ich mit 16 ein halbes Jahr in Neuseeland zur Schule gegangen bin. Es stand schnell für mich fest, dass ich nach dem Abitur wieder für längere Zeit ins Ausland gehen würde. Mein ursprünglicher Plan war Work & Travel in Down Under. Aber dieser Plan änderte sich schlagartig, als ich die Zusage von "kulturweit" – das ist der Freiwilligendienst des Auswärtigen Amts – für die Arbeit an einer Schule in Polen bekam.

An die Reaktionen von Familie und Bekannten musste ich mich erst einmal gewöhnen: "Polen? Was willst du denn DA?" Doch glücklicherweise konnte ich in der Zeit, in der ich mich auf mein Freiwilliges Soziales Jahr vorbereitete, immer auch auf mir nahe stehende Menschen setzen, die mein Vorhaben tatkräftig unterstützten und die, wie ich, sicher waren, dass ich eine tolle Zeit haben würde.

Eine Oberschule mit Deutsch-Schwerpunkt

Seit September 2011 arbeite ich jetzt an einem Liceum in der polnischen Stadt Piła. Diese Schulform umfasst die drei letzten Schulklassen vor der Matura – dem Abitur – ähnlich wie die gymnasiale Oberstufe in Deutschland. An diesem Liceum wird das Deutsche Sprachdiplom angeboten. Deshalb ist es unter Schülern aus der Region, die Deutsch lernen wollen, besonders beliebt. Ich übernehme Teile des regulären Fachunterrichts und organisiere gemeinsam mit der Schülerschaft Projekte. Zum Beispiel überarbeiten wir die deutschsprachige Homepage der Schule, trainieren für den Wettbewerb "Jugend debattiert international" und für ein Landeskundeprojekt zu Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands mit anschließender Klassenfahrt nach Berlin.

Bei meiner alltäglichen Arbeit stelle ich immer wieder fest, wie anstrengend der Lehrerberuf sein kann. Man muss gut mit Stress und Frustration umgehen können. Vor Beginn meines Freiwilligen Sozialen Jahres hatte ich mir viel mehr vorgenommen, als ich jetzt wirklich umsetzen kann. Wunsch und Wirklichkeit klaffen, wie so oft, auseinander. Das liegt vor allem daran, dass die Schüler nicht besonders motiviert sind. Und das liegt wiederum daran, dass der Leistungsdruck sehr hoch ist. Es gibt kaum eine Woche, in der keine Arbeit geschrieben wird. Und Tests sind ohnehin an der Tagesordnung.

Es läuft also oft anders, als ich es erwartet hatte. Trotzdem kann ich mich gut in die Schüler einfühlen – schließlich habe ich selbst gerade erst das Abitur in der Tasche. Das hat Vorteile für mich: Ich kann ihnen zum Beispiel Tipps geben, die wirklich helfen. Und da wir vom Alter nicht sehr verschieden sind, haben wir uns auch schon mal nach der Schule getroffen. Auf der anderen Seite ist es eine große Herausforderung, das richtige Verhältnis zwischen Freundschaftlichkeit und notwendigem Durchsetzungsvermögen zu finden und zu halten.

Ist Polen ein unterschätztes Land?

Die Menschen in meinem Umfeld werden sehr neugierig, wenn sie erfahren, wo ich herkomme. Vor allem aber sind sie viel entspannter als ihre westlichen Nachbarn. Auf einer meiner zahlreichen Bahnfahrten blieb der Zug auf halber Strecke stehen, Licht und Heizung fielen aus. Die Schaffnerin erklärte: Wir könnten nicht weiterfahren, es gäbe keinen Strom mehr, wir müssten auf den nächsten antuckernden Zug warten. Und das um halb acht Uhr morgens. Eine geschlagene Stunde stand unser Zug im Nirgendwo, es war kalt, alle verpassten ihre Anschlusszüge.

Trotzdem war keiner wütend. Die Stimmung war gut, sogar richtig fröhlich, es wurden Scherze über die polnische Bahn gemacht. In der örtlichen Zeitung oder dem Fernsehen wurde der Vorfall später nicht erwähnt. Von dieser Gelassenheit könnten sich viele Deutsche eine fette Scheibe abschneiden.

Auch sonst gefällt mir Polen. Ich habe auf meinen Reisen hier wunderschöne Städte kennen gelernt, die sich niemand entgehen lassen sollte – wie Breslau (Wrocław) und Danzig (Gdańsk). Mein Blick für Mittel- und Osteuropa hat sich eigentlich erst durch meinen Aufenthalt vor Ort geöffnet. Meine Eltern und meine Schwester konnte ich davon überzeugen, dass auch sie Polen unterschätzt haben. Nun möchten meine Eltern ihren Sommerurlaub gemeinsam mit mir hier verbringen.

Ende Juni 2012 wird meine Zeit in Piła zu Ende sein. Im Anschluss werde ich erst mal durch diesen spannenden Teil der Welt reisen. Zuerst mit einer von der "kulturweit"-Organisation ins Leben gerufenen Fahrradtour durch das Baltikum, für die wir Freiwilligen ein vielseitiges Kulturprogramm auf die Beine stellen werden.

Höhen und Tiefen im Gastland

Aber es gab schon auch schwierige Zeiten. Die Wintertage wurden immer kürzer, ich verbrachte viele nachdenkliche Stunden in meinem Zimmer im Studentenwohnheim und meine neuen Bekanntschaften hatten keine Zeit für mich. Da habe ich mich manchmal einsam gefühlt.

Aber solche Zeiten rücken in den Hintergrund, wenn ich mir ins Bewusstsein rufe, dass ich während meiner Zeit in Polen unglaublich viele neue Erfahrungen mache, wunderschöne Augenblicke erlebe und einen bunten Haufen interessanter Menschen kennen lerne. Allen voran meine sehr herzliche kirgisische Zimmernachbarin Kunduz, die mich mit ihrem niedlichen englischen Akzent immer wieder zum Lachen bringt.

Im "kulturweit"-Programm sind Langzeitaufenthalte immer mit Projekten verbunden. Jeder Freiwillige denkt sich eine Aktion oder ein Projekt aus, die oder das er neben seiner Arbeit in der Einsatzstelle durchführt. Ich möchte einen Trickfilm zum Thema "Lebensweg" drehen, der deutlich machen soll, dass der vermeintlich einfachste Weg keine großen Überraschungen bereithält. Und dass erst Umwege das Leben farbenfroh machen. Ich weiß noch nicht, was ich nach dem Freiwilligendienst tun werde, aber eins ist sicher: Geprägt hat diese Erfahrung mich jetzt schon.

Jennifer Geiser (20) kommt aus Wegberg in Nordrhein-Westfalen. Über ihre Erfahrungen in Piła berichtet sie regelmäßig in ihrem "kulturweit"-Blog.

Fotos: ©Jennifer Geiser



Links

Mehr über den Freiwilligendienst "kulturweit"
Weitere Informationen zu Polen bei Wikipedia

 





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