Nach Indien wollte Tom eigentlich nie. Lieber nach Südamerika. Aber das Straßenkinderprojekt in Delhi beeindruckte ihn so sehr, dass sich der 24-Jährige dazu entschied, dort für ein Jahr als Freiwilliger zu arbeiten. Seit zwei Monaten lebt er nun in der indischen Hauptstadt. Wie viele junge Menschen, die mit dem "weltwärts"-Programm der Bundesregierung im Ausland sind, verließ er Deutschland nicht ohne Angst und mit großen Erwartungen. Was ist davon übrig geblieben? Tom steht in Delhi Rede und Antwort.
Tom, du bist seit zwei Monaten als Freiwilliger in Indien. Wie sieht dein Resümee nach diesen Monaten aus?
Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Jeden Tag aufs Neue! Man macht so viele neue Erfahrungen. Und vieles ist noch mal anders, als man es sich vorher ausgemalt hat. Ein erstes Resümee zu ziehen, fällt mir noch schwer, weil ich ja noch ganz am Anfang bin. Man lernt jeden Tag dazu und passt sich an die vielen neuen Situationen an. Und lernt die Unterschiede zu schätzen.
Zum Beispiel?
Das fängt bei ganz kleinen Dingen wie dem Einkaufen an. Man muss erst mal rauskriegen, in welchem Laden man was bekommt. Und welcher Bus wohin fährt. Denn hier in Indien halten die Busse oft gar nicht richtig an und man muss aufspringen. Außerdem ist die Arbeitseinstellung eine ganz andere. Das ist jetzt völlig ohne Wertung, aber das Tempo ist hier einfach langsamer. Da muss man sich dran gewöhnen. Als Deutscher geht einem manchmal alles nicht schnell genug.
Hattest du schon Heimweh?
Ja, schon. Man vermisst nicht nur die einzelnen Menschen, wie meine Freundin zu Hause. Man kann sich darauf vorbereiten, so viel wie man will. Aber wenn man dann in der Situation ist, ist es alles noch mal ein bisschen schwieriger. Der Kontakt zur Familie gibt mir Halt. Man vermisst allgemeine Dinge. Zum Beispiel ein Schwimmbad. Und Körnerbrot.
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Du arbeitest in dem Straßenkinderprojekt Butterflies. Was machst du da eigentlich genau?
Ich begleite den Gesundheitsbus und helfe dem Team, das ihn betreut. Der Bus fährt jeden Tag in Delhi mehrere Stationen an. Dort können die Straßenkinder dann hinkommen und sich von einer Krankenschwester und einem Arzt helfen lassen. Ich helfe bei der Verarztung von Wunden – desinfizieren und verbinden – und verteile Medikamente an die Kinder. Wir führen aber auch Gesundheitsschulungen mit den Kindern durch. Wie putze ich meine Zähne richtig und meine Hände? Wie erkenne ich rechtzeitig verschiedene Krankheiten? Wie behandele ich verschiedene Krankheiten. All das lernen die Kinder.
Hast du das Gefühl, dass deine Arbeit hilfreich für die Organisation ist?
Ich kann auf jeden Fall mithelfen, weil ich ja gelernter Krankenpfleger bin. Problematisch ist allerdings die Sprache. Ich spreche nur ein bisschen Hindi. Ich kann die Kinder also nicht richtig gut nach ihren Krankheiten fragen.
Fühlst du dich qualifiziert genug für diese Arbeit?
Von meinen medizinischen Kenntnissen her auf jeden Fall. Aber die sprachliche Barriere darf man natürlich nicht außer Acht lassen. Denn wer als Krankenpfleger arbeitet, muss mehr können als Verbände zu machen und Spritzen zu geben. Es ist wichtig, dass man mit den Patienten kommunizieren kann.
Hast du dennoch das Gefühl, dass du in dem Projekt etwas bewirken kannst?
Ja, auf jeden Fall. Aber ich sehe es nicht nur als meine Aufgabe an, hier Entwicklungshilfe zu leisten. Das schafft das Personal von Butterflies auch ohne Hilfe von außen. Es geht vor allem darum, mehr über das Leben und die Projektarbeit hier zu verstehen. Ich habe das Projekt schon von Deutschland aus mit verschiedenen Fundraising-Aktionen unterstützt. Hier vor Ort kann ich mir noch mal ein direktes Bild vom Projekt machen. Dann kann ich zurück in Deutschland viel authentischer kommunizieren. Und hoffentlich noch mehr Leute dazu bringen, sich für die Dritte Welt zu engagieren.
Nimmt dich die harte Realität auf Delhis Straßen sehr mit?
Nein. Das klingt jetzt zwar hart. Aber in meinem Beruf als Krankenpfleger lernt man mit Schicksalen verschiedenster Art umzugehen. Ich nehme es wahr, aber es belastet mich emotional nicht so sehr. Die Armut hat mich nicht mal besonders geschockt. Ich beschäftige mich schon damit, aber ich lasse mich nicht schocken.
Denkst du, dass du in Deutschland gut vorbereitet wurdest?
Von der Organisation, mit der ich hier bin, also von Misereor, schon. Aber jetzt, wo ich hier bin, würde ich mich noch mal mehr vorbereiten. Ich hätte zum Beispiel schon vorher ein bisschen mehr Hindi gelernt. Aber eigentlich habe ich vorher gemacht, was ich konnte.
"Das gesamte Programm ist nicht an den Bedürfnissen der Entwicklungsländer orientiert. Es dient lediglich deutschen Jugendlichen, die sich selbst verwirklichen wollen" – so eine Kritik am weltwärts-Programm. Was sagst Du als Freiwilliger dazu?
Ich bin zwar Freiwilliger, aber sicher selber nicht ganz kritiklos gegenüber dem Programm. Klar. Es ist sicher fraglich, dass das ganze aus dem Entwicklungsetat bezahlt wird. Es kommt meiner Meinung nach darauf an, welchen Anspruch man an das Programm hat: ich berichte zum Beispiel regelmäßig nach Deutschland über meine Erfahrungen und Erlebnisse hier in Indien. Die Leute in Deutschland bekommen so einen persönlicheren Bezug zu den Problemen die es hier gibt und den Projekten. Das ist Bewusstseinsbildung und das liegt sicherlich auch im Interesse der Gastländer!
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Freiwilligen in den Entwicklungsländern mehr Schaden anrichten als Nutzen. Würdest du dem zustimmen?
Das kann man doch nicht verallgemeinern. Das muss man von Fall zu Fall sehen! Ich sehe keinen Schaden, den ich oder andere Freiwillige vor Ort anrichten. Es klingt simpel, aber ich habe Menschen zum Lachen gebracht, habe den Mitarbeitern vor Ort gezeigt, dass es in unserer Kultur Menschen gibt, die sich für die Situation hier vor Ort interessieren und ich nehme mir Zeit für Menschen, die schlimme Schicksale erleben. Es gibt bestimmt Fälle in denen Freiwillige mal nicht qualifiziert genug für die Arbeit sind. Aber ganz ehrlich: ein größerer Schaden wäre es in meinen Augen, wenn sich die Jugendlichen nicht mehr für die Dritte Welt interessieren und gar nichts mehr unternehmen.
Würdest du nach deiner Erfahrung bis jetzt anderen zum Freiwilligendienst raten?
Auf jeden Fall. Ich glaube, das ist eine große Bereicherung für jeden, der diesen Schritt macht. Man steht auf eigenen Füßen, lässt einmal alles zurück und erweitert seinen Horizont. Und man kann einen Blick hinter die Kulissen einer Organisation wie Misereor werfen.
Daniela Singhal arbeitet als freie Journalistin in Köln.
Über weltwärts: Vor zwei Jahren wurde das Freiwilligenprogramm "weltwärts" vom Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung/BMZ ins Leben gerufen. "weltwärts" richtet sich an Jugendliche zwischen 18 und 28 Jahren, die sechs Monate bis zwei Jahre als Freiwillige ins Ausland gehen. Ein Viertel der Kosten für Flug, Unterkunft und monatliches Taschengeld von 100 Euro übernimmt der Träger, drei Viertel das BMZ. Die Träger verlangen von den Teilnehmenden, dass sie sich bereits im Vorfeld für das Projekt einsetzen, etwa durch Sammeln von Geld- oder Sachspenden.
Fotos: ©Daniela Singhal/Misereor
Weltkarte: ©SASI Group (University of Sheffield), Mark Newman (University of Michigan)
www.weltwaerts.de
Die Seite des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung informiert über den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst "weltwärts".
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