Wenn die Marmorplatten der ehrwürdigen Wandelhalle des Abgeordnetenhauses vom Dröhnen der Bässe erbeben, dann findet gerade das 10. Berliner jugendFORUM statt. Wo sonst Abgeordnete der verschiedenen Parteien still und leise in ihre Fraktionsräume huschen, wirbeln jetzt breakende Jungen und rappende Mädchen vor den Augen der begeisterten Zuschauer/innen. Politisch wird es auch hier: Mit Sarrazin-Masken vor dem Gesicht performt eine Gruppe in Anlehnung an die Entgleisungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators und Autors des Buches "Deutschland schafft sich ab". Das junge Publikum versteht und feixt.
Der diesjährige Projektemarkt auf dem jugendFORUM ist gut gefüllt, die Stände ziehen sich bis in das dritte Obergeschoss. Vorgestellt werden Musikcamps für Mädchen, Angebote zum Freiwilligen Sozialen Jahr, Zukunftswerkstätten und interkulturelle Bildungsvereine – insgesamt knapp 80 Einrichtungen, die mit ihren vielfältigen Angeboten und Aktionen zeigen, dass auch Jugendliche sich Gedanken machen. Nur vielleicht nicht immer so, wie es die Erwachsenen für angemessen halten.
Bereits zum zehnten Mal findet die quirlige Veranstaltung statt, die von der Berliner Bildungsstätte wannseeFORUM initiiert wird, auch diesmal unter der Schirmherrschaft von Walter Momper, dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses. Momper darf dann auch den Startschuss geben: Er übergibt das Abgeordnetenhaus an die Jugendlichen mit den Worten: "Heute haben Sie dieses Haus frei!"
"Grünflächen bringen keine Steuern"
In acht Diskussionsgruppen wird an diesem Samstag mit Politikern und Politikerinnen diskutiert. Rund 1.000 Teilnehmer sind es auch in diesem Jahr. Das Motto: "Berlin for sale - Unsere Stadt im Ausverkauf!?!" Jeder, der mag, kann an den Diskussionen teilnehmen. Die Themen reichen von Klimapolitik ("Ski fahren auf dem Kreuzberg") über Gender ("Männerballett und Frauenfußball") bis zu Migration und Integration ("Andi oder Ali – wer macht hier Karriere?"). Auch über die erst wenige Wochen alte Schulreform, über Wählen ab 16 und Feindbilder in der Musik wird diskutiert.
Von der großen Menge an Jungen und Mädchen, die man auf dem jugendFORUM sieht, besucht jedoch nur ein überschaubarer Anteil die Diskussionen. Mangelt es generell an Interesse, sich mit den Politikern auszutauschen? Oder sind die Themen zu allgemein gefasst – vielleicht sogar langweilig?
Gerade in der Diskussionsrunde zum Motto der Veranstaltung "Berlin for sale" erfüllt sich leider das Klischee vom Politiker, der viel spricht, ohne dabei etwas zu sagen. Die jungen, interessierten Teilnehmer treffen auf erstaunte Politiker, die den Heimvorteil für sich nutzen und tatsächlich parteipolitische Werbung machen. Doch auch die Jugendlichen kommen vom Thema ab: Sie fragen nach Möglichkeiten der Partizipation der Jugend an politischen Entscheidungen oder sprechen das Thema Schulreform an. Schade – nur hier und da fällt mal ein Satz zu Mediaspree, zum Tempelhofer Flugfeld oder zu der Privatisierung der Berliner Wasserwerke. Die Anfangsfrage, ob und inwieweit es in Ordnung ist, dass die Stadt immer mehr Flächen an Großfirmen verkauft und ob und inwieweit es in Ordnung ist, wenn Berliner Subkultur verschwindet, weil sie sich nicht mehr finanzieren kann, geht schlicht unter.
Der CDU-Abgeordnete Uwe Goetze findet eine so glasklare wie emotionslose Begründung, warum mehr Steuern eingenommen werden müssten: Schließlich sei die Stadt "milliardenhoch verschuldet" und die Arbeitslosenquote sehr hoch. Grünflächen würden eben keine Steuern bringen, also müssten sie verkauft werden. Dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann, zeigen die Proteste der Bürger und Bürgerinnen gegen das Investorenprojekt Mediaspree und gegen die Schließung von Jugendeinrichtungen in den Bezirken.
Human Beatbox im Plenarsaal
Zum Abschluss finden die Teilnehmer/innen der Diskussionsrunden sich im Plenarsaal zu einem Fazit zusammen. Die Reihen haben sich merklich gelichtet, doch Moderatoren und Abgeordnete resümieren mit zufriedenen Gesichtern. Jede Gruppe hat fünf Minuten. Heiteres Gelächter kommt auf, wenn sie ihre zuvor vereinbarte Redezeit überschreiten und der Berliner Beatboxmeister King ExXx einen entsprechenden Warnton von sich gibt.
Als dann die Stände abgebaut sind und langsam wieder Ruhe einkehrt, ist es Zeit für ein erstes Resümee. Politik ist für den Großteil der Jugendlichen weder besonders attraktiv noch kommen sie damit oft in Berührung. Darum ist es wichtig, ihnen zu zeigen, dass die Abgeordneten auch ihre Vertreter sind und sich mit Sachthemen auseinander setzen, die sie betreffen. Und darum ist es ebenso wichtig, sie dorthin zu bringen, wo Politik gemacht wird, um Berührungsängste für die Zukunft gleich von Anfang an zu vermeiden. Das schafft man leider nicht, indem man einmal im Jahr die Jugend zum Austausch in das Abgeordnetenhaus bittet. Da müsste es schon einmal im Monat ein jugendFORUM geben – mit großen, gut vorbereiteten Diskussionsrunden zu verschiedenen Berlin-spezifischen Themen.
Eindrucksvoll angekommen ist hingegen die Botschaft, dass Berlin ein bunter, kreativ gewürzter Cocktail an unterschiedlichen Projekten der vielfältigsten Art ist. Erst die Mischung aus Schul-, Medien-, Musik-, Geschichts- und Kunstprojekten macht die Einzigartigkeit der Berliner Jugendkultur aus. Und wenn jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin ein Stück dieser lebendigen und wichtigen Projekte als Anregung und Inspiration mitnimmt, bis in den Freundeskreis, ist das sicher ein erster guter Schritt mit Perspektive.
Christin Sandow (23) studiert Politikwissenschaft an der FU Berlin und ist Redakteurin des polli-magazins (dem Magazin zum jugendFORUM, in dem sowohl junge Journalisten wie auch Abgeordnete schreiben).
Fotos: ©Laura Krispin
www.berliner-jugendforum.de
Die Seite zum Berliner jugendFORUM
http://wannseeforum.de
Jugendbildungsstätte wannseeFORUM
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