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Wachen für den Weltfrieden?

Von Deutschland nach Israel

23.11.2010 | Lea Hampel | Artikel drucken

Es hört sich anfangs schon ein bisschen naiv an. Die Welt will Lars verbessern, oder vielmehr, "die Einheit der Menschheit fördern". Sonderbar klingt das, weltfremd, und wie er da so sitzt, in dem großen Ledersessel, im blitzsauberen Besprechungsraum innerhalb dieses Gebäudes, das nahezu vollständig aus weißem Marmor zu bestehen scheint, ist das Stichwort "Sekte" nahe liegend. Doch er macht neugierig, denn Lars ist ein Bahá'i, und von dieser Religion hört man in Deutschland meist nur, wenn ihre Anhänger im Iran im Gefängnis landen.

Bahá'i glauben, dass die Menschheit ein Reifezeitalter erreicht hat, das im Weltfrieden enden wird. Gestiftet wurde die neue Religion im 19. Jahrhundert von Bahá'u'lláh, einem 1817 geborenen Perser. Weltweit gibt es über sechs Millionen Baha'i, in Deutschland leben zwischen 5.000 und 6.000 Anhänger. Das Besondere: Sie respektieren alle anderen monotheistischen Religionen. In ihren Zentren lehren sie neben den Schriften des Bahá'u'lláh aus den heiligen Büchern von Islam, Christentum und Judentum. Neben modernen Werten wie der Gleichstellung von Mann und Frau und der individuellen Weiterentwicklung haben alle Bahá'i die von Lars zitierte "Einheit der Menschheit" als Ziel, etwas, das die Bahá'i so ähnlich wie Weltfrieden definieren. Erreicht werden kann das ihrer Meinung nach durch gute Taten jedes einzelnen Menschen und hohe moralische Prinzipien, durch Ordnung im Geist und der menschlichen Umgebung.

Beten nach Wunsch

Drei Jahre ist es mittlerweile her, dass Lars sich entschieden hat, sein Leben diesen Prinzipien unterzuordnen. Den Glauben mit seinen hohen Ansprüchen an den Einzelnen, den Kinderklassen, in denen von früher Jugend an Werte vermittelt werden, den Gebeten und Schriften kannte er schon lange. Freunde der Familie sind Bahá'i. Sie hatten auch von einer Bahá'i-Schule in Tschechien erzählt, die Lars Eltern neugierig machte. Als die Familie gemeinsam dorthin fuhr, um die Schule für Lars Schwester zu besichtigen, gefiel es dem damals 12-Jährigen wesentlich besser als seiner Schwester. Ab 2001 besuchte er gemeinsam mit Kindern aus Honduras, dem Kongo und Mexiko gemeinsam die Townsend International School, hatte Unterricht auf Englisch und lernte weit weg von zu Hause die Grundsätze des Bahá'i-Glaubens von Lehrern und Mitschülern.

Noch heute denkt er gerne an diese Zeit mit den 120 anderen Kindern zurück, schmunzelt über den Harry-Potter-Vergleich, wenn er von dem Internat in dem großen weißen Schloss erzählt, wo er über das gesamte Moldautal schauen konnte. Einfach war die Zeit dennoch nicht. Weil die Schüler von überall her kamen, war die Fluktuation groß. "Es war schwierig für mich, meinen Platz an der Schule zu finden." Eine wichtige Rolle spielte dabei auch, dass die meisten Kinder dort bereits mit Eltern aufgewachsen waren, die ebenfalls Bahá'i waren, Lars dagegen kannte nur die Theorie.

Dennoch – formell Bahá'i war auch keiner der anderen Schüler. Um das zu werden, muss man sich schriftlich dazu erklären. Keine Rituale, kein Gespräch mit Geistlichen. Möglich ist das erst ab 15 Jahren, damit die Entscheidung selbstständig getroffen wird. Typisch, denn die Bahá'i-Religion ist ziemlich pragmatisch. Einen Klerus, wie bei uns Pfarrer und Bischöfe, gibt es nicht, Kirchen ebenso wenig, stattdessen Orte der Andacht. Zwar sollte täglich gebetet werden – wie lang diese Gebete sind, kann sich jeder Gläubige jedoch selbst aussuchen, je nach Zeitfenster und Bedürfnis.

Lars hat nicht gleich mit 15 Jahren die Gelegenheit genutzt, offiziell Bahá'i zu werden. Für ihn habe Religion damals einfach keine Rolle gespielt, erzählt er. "Ich hatte so viel um den Kopf, bestimmte Fragen habe ich mir nicht gestellt." Antworten hat er dennoch bekommen. "In den fünf Jahren auf der Bahá'i-Schule habe ich Antworten auf Fragen bekommen, die ich mir zuvor nie gestellt hatte." Erst Anfang 2008, mit 18 Jahren, hat er sich entschieden. Nach mehreren Wochenenden, an denen er gemeinsam mit Mitschülern Unterschriften für die Registrierung einer Bahà'i-Gemeinde in der Slowakei gesammelt hatte. 20.000 Unterschriften brauchten die Schüler – dafür mussten sie Leute nach ihrer Adresse, ihrem Namen, ihrem Geburtsdatum und ihrer Unterschrift fragen.

Eine Beschäftigung, die dem zurückhaltenden Lars schwer fiel. Stundenlang sprach er Menschen an, an Bushaltestellen, auf Märkten, bei Regen und Kälte. "Ich habe das gehasst", sagt Lars, und noch heute hört man der Betonung an, wie groß seine Abneigung war. Dennoch – die Atmosphäre, das gemeinsame Engagement haben Lars überzeugt. Und nicht zuletzt eine ältere Dame seiner Gruppe. "Die hat sogar Skinheads überredet, ihre Unterschrift zu geben", sagt er und lacht. Es war dieselbe Dame, die ihn beim anschließenden Zählen der Unterschriften fragte, warum er noch kein Bahá'i sei. "Und dann? Hab' ich einfach unterschrieben", erzählt Lars.

"Als würden wir uns schon ewig kennen"

Damit war auch klar, dass er nach seinem Zivildienst in Ruanda ein "Jahr des Dienstes" ableisten würde, in einer der vielen Bahá'i-Institutionen weltweit. Wie alles ist es nicht verpflichtend, aber selbstverständlich, vor allem für Jugendliche. Lars ist dafür nach Haifa gegangen, in die Stadt, wo die sterblichen Überreste des Religionsstifters sind, die größten Heiligtümer stehen und die Versammlungen stattfinden. 600 Freiwillige arbeiten im Bahá'i-Weltzentrum, in den für ihre Exaktheit bekannten Gärten, in der Bibliothek und den Büros.

Lars war im Sicherheitsdienst. Ein Jahr lang musste er im Schichtdienst acht Stunden am Stück das Gelände bewachen. Seine Arbeitstage begannen in der Nacht und er ging ins Bett, wenn alle aufstanden. Eine Zeit, die er genossen hat, körperliche Arbeit und viel Gelegenheit, über seinen Glauben nachzudenken, die Schriften zu studieren und sich mit Pilgern aus der ganzen Welt auszutauschen. Dass er die Welt mit seinem Wachdienst verbessert hat, zumindest indirekt, davon ist Lars überzeugt. "Es geht ja nicht darum, welche Arbeit du verrichtest, sondern mit welcher Einstellung du an deine Arbeit gehst." Für seine Arbeit hat er kein Geld bekommen – die Wohnung wurde ihm gestellt, Lebensmittel konnte er sich im "Laden" im Bahá'i-Zentrum abholen, wo die Währung Vertrauen ist, nicht Münzen. Jeder nimmt sich dort nur das, was er braucht. "Das ist einfach ein faszinierendes System, wie das alles funktioniert", sagt Lars.

Es wundert ihn jedoch nicht. Menschen, die sich für diesen Glauben entschieden haben, ticken alle ähnlich, ist Lars überzeugt. "Bei den meisten Bahá'i, die ich getroffen habe, hat es sich angefühlt, als würden wir uns ewig kennen." Genau das trennt ihn auch manchmal von anderen, zum Beispiel von alten Freunden. Zwar akzeptieren sie, dass er keinen Alkohol trinkt oder raucht, Verständnis ist aber nicht immer da. Genauso wenig versteht er aber die Stimmung, wenn alle schon ein wenig angeheitert sind. Für ihn ist es dennoch die beste Entscheidung seines Lebens. "Davor habe immer etwas gefehlt", sagt er. "Das ist vorbei." Dafür schiebt er auch gerne mal Wachdienst.

Lea Hampel lebt in München und Jerusalem. Sie schreibt für Zeitungen und Magazine.

Foto, oben: In Budapest, Hungary, people break into small groups to study a message from the Universal House of Justice, the international governing council of the Baha'i Faith, about the nature of Baha'i elections. Participants then elected their local council for the coming year / ©2008, Baha'i International Community / www.bahai.org

Foto, mitte: Participants in the 2004 Changing Times European Youth Forum in the Czech Republic / Photo: Kamran Granfar / ©2006, Baha'i International Community / www.bahai.org

Foto, unten: The International Teaching Centre building, Haifa, Israel / ©2006, Baha'i International Community / www.bahai.org



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