Internationaler Jugendgipfel in Südafrika

The logic of illogic

29.8.2002 | Jonas Meckling | Kommentar schreiben
Wenn die Lieder enden, beginnt die Arbeit. Danach wird wieder gesungen.
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Jonas Meckling ist einer von drei deutschen Jugenddelegierten, die zum "World Summit 2002" in Johannesburg zugelassen wurden. Er berichtet in Fluter und anderen Jugendmedien über seine Erfahrungen. Diesmal: Der "International Youth Summit", eine Vorveranstaltung für Jugendliche aus aller Welt.

Soll ich? Oder soll ich nicht? Fragen, die mich in den letzten Stunden vor dem Abflug quälten. Seit Wochen waren die Informationen zum "International Youth Summit" mehr als knapp gehalten. Und nun diese Mail. Séna aus Togo, ein Mitstreiter aus Bali, hatte halb frohen Mutes, halb enttäuscht geschrieben, dass der "African Youth Summit" nicht stattfinde und das internationale Treffen um einen Tag nach hinten und auch ortsmäßig verlegt wurde. Nun denn, nach der Devise "Jetzt oder nie!" ging es zum Flughafen Berlin-Tegel. Dort angekommen, habe ich zunächst die Touchscreen-Internetmaschine (schreckliches Gerät) der Telekom malträtiert und bin schließlich zu meinen Mails durchgedrungen. Gott sei Dank, es sollte eine Unterkunft und auch einen Jugendgipfel geben.

Die Maschine der South African Airlines mit der Flugnummer SA 261 taucht durch dicke graue Watte, 10° Celsius empfangen uns in Johannesburg (kurz Joburg) und ich bin mitten drin - mitten auf dem schwarzen Kontinent mit seinen 700 Millionen Menschen, 54 Staaten und 1000 verschiedenen Sprachen. Eine lange Reihe freundlicher Südafrikaner leiten mich im Namen von JOWSCO, der Logistikgesellschaft des Gipfels, durch den Flughafen und überschütten mich mit "warm welcomes".

Kontakte abroad

Einen Jugendgipfel soll es geben? Nein, davon wüssten sie nichts. Nach langer Telefoniererei wird mir versprochen, dass ich bald abgeholt werde. Es dauert nicht lange und ich teile mein Schicksal mit bekannten und neuen Gesichtern des Youth Caucus. Carolin, die schwedische Jugenddelegierte von der letzten PrepCom, Jon aus Schweden, Camila aus Brasilien, sozusagen unsere Rio-Botschafterin, und Irene aus Kolumbien sind angekommen. Philip, einer der Organisatoren des Jugendgipfels, bringt uns schließlich in ein Hotel im Herzen Johannisburgs, soll heißen in das berühmt-berüchtigste Viertel.

Der Blick nach innen zeigt gut hundert südafrikanische Jugenddelegierte, die allesamt die neun Provinzen der Republik vertreten, gepflegte Räume und kosmopolitische Buntheit; der Blick nach draußen triste Häuserblöcke, die, wenn nachts warmes Licht aus ihnen scheint, recht freundlich aussehen, Schulkinder in gebügelter Uniform, fast zahnlose Menschen ohne Dach über dem Kopf. Dorthin dürfen wir nicht gehen, man sagt uns, dass es gefährlich sei.

Der Tag gehört den Südafrikanern. Anstelle des dreitägigen "African Youth Summit" treffen sie sich nur diesen einen Tag, um ihre Erwartungen an den Gipfel zu formulieren und den Weg vorwärts vorzugeben. Die Kontakte sind gleich überschwenglich und zahlreich; internationaler Jugendaustausch ist ein großes Thema. Viele wollen Kooperationen mit "abroad" starten.

Ab jetzt mit Musik

Auch auf der Südhalbkugel begrüßt uns die Sonne mit warmen 25° Celsius und setzt die Landschaft, die wir auf unserem Zug gen Nordwest passieren, in Szene. 200 km sind es bis Mogwase, Northwest Province; wir brauchen gut sechs Stunden dafür. Johannesburg ist riesig, hügelig, krass in seinen Gegensätzen. Die breiten Motorways erinnern an die USA. Die Viertel der Wohlhabenden offenbaren dem Beobachter Mauern jeglicher Farbe und Form. An fast jedem prangt in großen Lettern der jeweiligen Sicherheitsfirma "Armed Response" (etwa: Achtung, wir schießen!). Die Townships ziehen sich weit ins Land, als ob mehrere Städte ineinander übergehen. Stadtplaner schätzen, dass Johannesburg und Pretoria; Südafrikas Hauptstadt und nördlich von Joburg gelegen, in einigen Jahren ein einziges Konglomerat bilden.

Afrika ist Rhythmus! Wenn unserem Bus auch sonst einiges fehlt, so hat er doch eines: dicke Boxen. Auf vollen Touren hämmern sie den Rhythmus in die singende, tanzende Masse. Die Stimmung ist bombig, die gesamten sechs Stunden wird im Gang getanzt und gerappt. Es gibt immer einen Vortänzer, der johlend und mit kreischenden Zwischenrufen angefeuert wird. Wenn wir an Ampeln warten, wippt der ganze Bus. Die Leute am Straßenrand winken uns zu. Wow! Nachdem wir noch eine kleine Reifenpanne behoben haben, kommen wir in ein bergiges Gebiet, die Ausläufer der Pilanesberge. Die Schatten werden länger, die Häuser und Hütten seltener. Endlich fahren wir auf den Campus der Northwest University.

Lokale Größen

Die nächsten Tage sind ein wahres Improvisationskunstwerk. Wir wissen weder, wer und wo die Organisatoren sind, noch wie der weitere Ablauf aussehen soll. Der Dienstagabend wird zu einer Geduldsprobe der besonderen Art. Den Duft eines reichhaltigen Buffets in der Nase, hören wir die Reden der lokalen und regionalen Größen. Nach den Begrüßungsworten des Generalsekretärs des südafrikanischen Jugendrings sprechen der Bürgermeister und der Premier der Provinz (entspricht wohl unserem Ministerpräsidenten). Sie reisen mit Kind und Kegel an und ziehen triumphal in den Saal ein. Nun ja, es sind vor allem ihre Frauen, die beeindrucken. Großzügigkeit in der Leibesfülle symbolisiert - zumindest in der Provinz - Wohlstand und ist offensichtlich ein Ideal.

Als Loyalitätsbekundung stehen viele Südafrikaner auf und stimmen ei-nen Song nach dem anderen an, wenn ein Redner die Bühne betritt. Überhaupt gibt es viele gemeinschaftsbetonende Bräuche: Der Ruf "Viva, viva, viva!" schwört die Gruppe aufeinander ein. Am kommenden Tag spricht sogar der lokale König Pilane zu uns.

Am Mittwoch riecht es erstmal nach Arbeit. In regionalen Gruppen diskutieren wir den Follow-up von Joburg, wie es jetzt weitergehen kann. Nicht ganz zu Unrecht macht das Wort der "regional segregation" die Runde. Ich gehöre zur Gruppe "Westeuropa und Nordamerika". Wir wollen vor allem mehr Leute auf den Listserver bekommen, die Kommunikation auch gerade mit Jugendlichen aus Entwicklungsländern stärken. Internationale Jugendkampagnen zu einzelnen Themen wären auch möglich. Mehr vages Gerede als konkrete Aktionspläne.

Wertvoller Dung

Wild wedelnde, mit orangefarbenen Gummihandschuhen bestückte Arme strecken sich aus zwanzig Minibussen. Im Affenzahn und unter Gesang und Gejohle geht es zum "community service". Die Gemeinde soll sehen, dass in Mogwase ein internationaler Jugendgipfel stattfindet. Wie die Bienen schwärmen wir an den Straßenrändern aus, um den Müll in unsere großen grauen Müllsäcke zu packen. Angesichts der Mengen von verrosteten Dosen, Papier, Glas und anderem ist das mehr Symbol als reale Säuberung. Lehrreich war es allemal: "Den Rinderdung bitte liegen lassen, der wird für's Feuermachen und Färben gebraucht."

Als uns abends die "Queen" auch noch musikalisch einheizt, klingt wirk-lich nur noch Musik in meinen Ohren. Die Rhythmen sind zur Dauerbe-gleitung geworden. Den richtigen Namen der "Queen" - so nennt sie sich selbst - hab ich leider vergessen, aber sie ist wohl die populärste Pop-Sängerin von Südafrika. Das Beste: Sie singt und tanzt mitten in der Menge.

Da war doch was

Plötzlich erinnern sich die Organisatoren daran, dass der Jugendgipfel zu einer Deklaration führen sollte. Also müssen wir 36 Stunden vor der geplanten Abreise mit dem Arbeiten anfangen. Dieser Arbeitsprozess wird spontan angepackt, was sich böse rächen wird. In regionalen Gruppen sammeln wir Input. In thematischen Arbeitsgruppen wurden dann Themen wie Gesundheit, Armutsbekämpfung, Konsum, Energie und Go-vernance ausgearbeitet. Jede Regionalgruppe ernannte einen Vertreter für die "drafting commission" - ich vertrat die westeuropäische Gruppe. Von mittags um zwölf bis abends um zehn arbeiteten wir nahtlos an der Integration der regionalen und thematischen Inputs. Es war großartig, mit Clarisse aus Kanada, Julia aus Rußland, Irene aus Kolumbien, Innocent (ja er heißt in der Tat "Unschuldig") aus Nigeria und einem südafrikanischer Vertreter, dessen Name ich bis heute nicht schreiben kann, an der Deklaration zu arbeiten.

Kurz bevor ich ins Bett falle, meldet der Flurfunk, morgen solle ein "game drive", eine Art Safaritour, stattfinden. Also heißt es um sechs Uhr Betten lüften. Und in der Tat warten offene Jeeps auf uns. Um die zwanzig Leute sind wir, die dann in Richtung Pilanesberg Game Resort aufbrachen. Der Fahrtwind ist brutal kalt. Ohne die Sonne kann es gerade im Nordwesten starke Temperaturabstiege geben.

In einer sanften goldbraunen Hügellandschaft mit einigen grünen Tupfen begrüßen uns Elefanten, Giraffen, Zebras, Paviane, Nashörner, Nilpferde, wilde Schweine, Antilopen und Büffel - die sehen wir zumindest. Die 550 Quadratkilometer des Parks beherbergen viele weitere Tiere, aber allen voran die "big five": eben Elefanten, Büffel und Nashörner, Löwen und Geparden.

Nichts ist einfach

Die Zeit rennt uns davon, mittags soll es zurück nach Joburg gehen. Im Plenum stellen wir unseren Draft vor. Ein Meer an Händen schießt empor und mein Blutdruck gleich mit. Es gibt tausend Veränderungsvor-schläge, vor allem von afrikanischer Seite. Über Mittag arbeiten wir alle schriftlich eingereichten Vorschläge durch. Nach dem Prinzip "take it or leave it" wird jede Veränderung abgehakt. Doch Theorie und Praxis sind zweierlei. Dem Diskussionsdrang vieler Südafrikaner können wir uns nicht verschließen und der ein oder andere Punkt wird wieder aufge-macht. So geht es recht gut voran, bis von Yoliswa, der südafrikanischen Co-Moderatorin des Youth Caucus, der Vorschlag kommt, wir sollten ein eigenes Kapitel zu "Solidarität" eröffnen. Sie zählt vom Nahost-Konflikt über den Konflikt in der West-Sahara und die politische Unterdrückung in Swaziland ein Dutzend Konflikte auf; alle sollen explizit erwähnt und einseitig parteilich behandelt werden. Amerika geht eigene Wege: Lauren, die US-Jugenddelegierte, reicht beim Drafting Committee schriftlich ein, dass sie nicht hinter dieser Deklaration stehen könne. She feels sorry for "being so american".

Anyway: Auch viele der Nicht-Afrikaner wollen nicht mehr mitziehen und verabschieden sich von der heftigen Diskussion. Durch Lautstärke will eine kleine afrikanische Delegation die Deklaration verabschieden, der Bus lässt dabei den Motor warmlaufen. Uns, sprich der "drafting commission", bleibt nur festzustellen: Es gibt keine gemeinsame Deklaration, zumindest sind das Solidaritätskapitel und der abschließende Absatz noch nicht beschlossen. Ungefähr zehn afrikanischen Jugendfunktionären geht der Hut hoch. Wutentbrannt stürmen sie unseren Tisch, verlangen die Deklaration auf Diskette, bezichtigen uns des Amtsmissbrauchs, der Respektlosigkeit gegenüber dem südafrikanischen Chair, der den Beschluss der Deklaration eigenmächtig festgestellt hat. Es fließen erste Tränen, eine ganz toughe Gruppe macht sich an meinem Laptop zu schaffen. Fast schon fluchtartig packen wir unsere Sachen und ab in den Bus.

Mehr als sechs Stunden werden wir durch die Nacht gekarrt und mor-gens um ein Uhr dreißig mitten in Joburg ausgesetzt, im Hintergrund tönt das "welcome concert" des Gipfels im Stadium. Ein waschechter Joburger rät uns nur, uns nicht vom Fleck zu bewegen und als Gruppe zusammen zu bleiben. Irgendwann komme ich dann per Taxi in das Delegationshotel. Geschafft!

Rundumschlag

Was liegt hinter mir? Sicherlich ein großartiges Multikulti-Abenteuer ohne intensive politische Auseinandersetzung. In kurzen Konfrontationen haben sich die Differenzen explosionsartig ausgedrückt. Wir haben uns alle in das Experiment geschmissen, als globale Jugend mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. In weiten Teilen zu ökologischer Gerechtigkeit und zum Nord-Süd-Ausgleich stimmen wir überein, aber ad hoc lassen sich auch unter uns nicht über alle Gräben Brücken schlagen. Es war ja auch mutig: Weit über die Themen des Gipfels hinaus haben wir unsere Vorstellung einer generationengerechten Weltpolitik am Reißbrett skizziert, einen Rundumschlag sozusagen.

Konflikte sind "catchy". Deshalb berichte ich hier darüber, deshalb nimmt die Presse sie gleich neugierig auf. Doch der bei weitem größte Teil des Jugendgipfels waren wunderbare gemeinsame Gespräche, Gejohle und Tanz - das darf nicht vergessen werden.

Vielleicht liegt der Sinn des "Youth Summit" ja auch gerade in diesen Erlebnissen. Für manche mögen auch die Ungewissheit und Improvisation dieser Tage eine Erfahrung gewesen sein. Drei "spoiled brats" (verwöhnte Blagen) von Mauritius sind nach dem ersten Tag in ein Hotel umgezogen, weil sie mit den an und für sich sehr guten Schlafmöglichkeiten nicht zurechtkamen.

Aus einem Englisch-Sonne-Rhythmus-Rausch rutsche ich nun mehr in den Joburg-Gipfel hinein, als dass ich einen bewussten Schritt von einer profunden Vorbereitung zum Gipfel selbst tue. Aber wie bringt es Howard vom European Youth Forum so schön auf den Punkt: "We are at a global meeting. We have to understand the logic of illogic."

Jonas Meckling, 23, studiert Wirtschafts- und Politikwissenschaft und ist Mitglied bei Futur X - Gesellschaft für Generationengerechtigkeit e.V.

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www.jugendbuendnis.org
Homepage des Jugendbündnisses für Johannesburg.

www.futur-x.de
Homepage der Initiatororganisation des Jugendbündnisses für Johan-nesburg - Futur X - Gesellschaft für Generationengerechtigkeit.

http://weltgipfel2002.de
Eine gemeinsame Seite des Bundesumweltministeriums (BMU) und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zum Johannesburggipfel.

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