Abbie Hoffman: Steal this Book

Handbuch für Schnorrer und Anarchisten

24.6.2002 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben
Kein Bock auf Geldverdienen, aber ein schlechtes Gewissen? Ein wieder aufgelegter 70er-Jahre-Bestseller weiß Rat.
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"Dear Abbie", schreibt die Aktivistin Lisa Fithian in ihrem Vorwort zu "Steal this Book", "the world is crazy as ever. We need you, man." Man meint im Hintergrund Leonard-Cohen-Musik zu hören, der Soundtrack der Love-and-Peace-Ära, aber auch fast aller Fassbinder-Filme, die zurzeit spätabends im Fernsehen wiederholt werden. Die Revolution des Abbie Hoffman endete nicht mit seinem Freitod 1989. Zahlreiche Websites, vor allem aus den USA, huldigen bis heute mit permanenten Updates dem Spirit von Hoffman, einem der prominentesten amerikanischen Bürgeraktivisten der 60er- bis 80er-Jahre, Mitbegründer der anarchistischen Yippie-Bewegung (Youth International Party) und Autor vieler Bücher. Hoffman ist für Neohippies ebenso interessant wie für Globalisierungskritiker, Kulturwissenschaftler und Hardcore-Demonstranten des Schwarzen Blocks. Vielleicht ist "Steal this Book", sein "Manifest" von 1970, daran schuld. Erst vor kurzem ist es von einem kleinen New Yorker Verlag wieder aufgelegt worden.

Support your local Dealer

"I just want to tell you to steal it!! Don't buy it here!! Steal the book and steal others too", jubelt ein Leser aus Kansas auf amazon.com. Hoffentlich hat er sein Exemplar nicht im kleinen Buchladen um die Ecke geklaut. Hoffman ruft in seinem berühmtesten Buch zwar auf 352 Seiten zum hemmungslosen Bescheißen des Staates auf - auch der Titel soll wörtlich genommen werden - der "local Dealer" wird aber in Ruhe gelassen. Es sei denn, er zeigt Anzeichen von Spießertum.

"Steal this Book" ist ein Handbuch voller detaillierter Anleitungen, die eigentlich fast alle illegal sind. Wie man umsonst und ohne zu arbeiten durchs Leben kommen kann, notfalls mit einer Waffe in der Hand: Hier steht es. Du brauchst Schuhe? Nimm Autoreifen! Du brauchst Geld? Bescheiße das Sozialamt! Du möchtest ein Haustier? Fordere deinen Gratisbuffalo vom Staat. Und vergiss dabei nicht, noch mehr Leute für diesen Lebensstil zu begeistern.

Natürlich kann man das "richtige Bewusstsein", denn darum geht es letztendlich, nicht in einem Benutzerhandbuch formen. Das Buch ist daher vor allem eine ironische Affirmation dessen, was eigentlich verachtet wird. Der Staat wird abgelehnt, indem seine Strukturen und Schwachstellen ausgenutzt werden. Die Methode zeigt dem Staat auch, wo seine Grenzen sind, in Bezug auf "Recht und Ordnung" oder Sicherheit. Nichts anderes, als was bestimmte Hacker machen. Die Parallelen der Hacker zu den Yippies sind deutlich und Thema vieler Aufsätze.

Von den Yippies zu den Yuppies

Das Ziel der revolutionären Schnorrer, deren Lebensweise Hoffman in "Steal this Book" nachdrücklich empfiehlt, ist ein demokratischer "Free State". Was da genau passieren sollte, bleibt unklar. Eine Gemeinschaft wie im dänischen Hippie-Freistaat Christiania hätte ihm bestimmt nicht gereicht: Hofman bekämpfte bis zum Schluss Staudämme, die Abholzung des Regenwalds, die Ölverschwendung in Alaska und Atomkraftwerke. Ungerechtigkeiten, Schwachpunkte, Skandale. Und das erwartete er auch von der Jugend: "Young people, don't give up hope. If you participate, the future is yours." Die Protestkultur von heute würde ihm mehr Freude machen als die schlappe Banker-Mentalität der Yuppies der 80er-Jahre.

Nicht zuletzt deshalb entwirft Lisa Fithian in ihrem Vorwort das Szenario der konzernregierten Welt von heute, der eine gut vernetzte internationale Globalisierungskritik entgegenwächst, auf bedrohliche Weise ergänzt durch die Tragödie vom 11. September und den konservativen "Kreuzzug" George Bush Jrs. Die meisten Vorschläge in "Steal this Book" sind heute hoffnungslos veraltet, aus einer sehr fernen Zeit, in der es weder Internet noch AIDS gab, dafür Schwarzweißfernsehen und Richard Nixon. Trotzdem macht das Werk Sinn, nicht zuletzt, weil es den Charme der Furchtlosigkeit versprüht. Hofmann hatte Lust auf Politik und er wusste, wie er diese Lust bei den unter Patschuli-Dämpfen wegdämmernden Hippies wecken konnte. Und wenn es nicht klappte - na, dann hatten sie es immerhin VERSUCHT.

Stephanie Wurster ist Fluter-Redakteurin.

Abbie Hoffman: Steal this Book
(Four Walls Eight Windows, ca. 18 €)




Weiter lesen:

Abbie Hoffman: The Autobiography of Abbie Hoffmann (Four Walls Eight Windows, ca. 15 €)
Luther Blissett, Sonja Brünzel: Handbuch der Kommunikationsguerrilla (Assoziation, ca. 15 €)
Stefan Römer: Künstlerische Strategien des Fake. Kritik von Original und Fälschung (Dumont 2001, 25.50 €)
Noam Chomsky: Profit Over People. Neoliberalismus und globale Weltordnung (Europa Verlag 2000, 12.90 €)


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www.pieman.org/stealthisbook.html
Digitalversion von "Steal this Book". Konsequent. Noch konsequenter: Die Vorlage ist aus der Kongressbibliothek von Washington gestohlen.

www.eden.rutgers.edu/~bbbobbb/abbie.html
Wer irgendwas über Hofmann und die Yippies wissen will: Hier wird ihm / ihr geholfen.

www.partisan.net/archive/1967/266761.html
Ein bisschen Theorie? Hier findest du einen Aufsatz von Walter Hollstein: "Untergrund und Opposition in Amerika" (1971)

www.christiania.org/
Natürlich hat der Vorzeige-Hippie-Freistaat Christiania inzwischen eine Homepage ...

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