Konzentriert hört Reena der Stimme über Kopfhörer zu: "Following the three plane localizer, T1 axial T2 Flair diffusion sequenzes of the posterier fossa..." Das ist keine Geheimsprache, sondern der Fachjargon eines amerikanischen Arztes aus Chicago. Die junge Inderin weiß, dass seine Patientin Alice, deren klinische Krankengeschichte sie niederschreibt, an einem Gehirntumor leidet. Während draußen die Temperaturen über 44 Grad steigen, sitzen Reena und vierzig Kollegen in einem voll klimatisierten, weiß getünchten Raum vor Bildschirmen. Reena hat gerade erst mit medizinischen Übersetzungen für die Firma SAR SOFTTECH in Neu Dehli angefangen und stöhnt: "Manchmal verstehe ich nur Kauderwelsch. Der Akzent ist so extrem, oder es gibt Störgeräusche im Hintergrund. Übersetzte ich auch nur ein Wort falsch, könnte das den Tod des Patienten bedeuten. Aber wir sind viel besser als die Amerikaner, weil wir die englische Grammatik gut drauf haben."
Indien liegt um die Ecke
Längst sprechen heute viele Ärzte Krankendiagnosen nicht mehr auf Diktafon. Mittlerweile ist es Praxis an Hospitälern in den Staaten, dass der Arzt stattdessen zum Telefon greift. Er wählt eine Nummer und gibt den Bericht durch, der sogleich als Audiofile auf einen Zentralcomputer gespeichert und via Internet nach Neu Delhi geschickt wird. Nicht nur bei medizinischen Übersetzungen ist der indische Dienstleister SAR SOFTECH in den USA und Europa erfolgreich. Firmengründer Siddhartha Nayak schwärmt: "Wir machen 1 Million Dollar Umsatz und expandieren jedes Jahr." Er war 1997 nach dem Studium am Indian Institute for Technology, der Eliteschmiede für IT-Fachpersonal, mit vier Mann gestartet. Heute beschäftigt er 270 Leute, davon 80 in Neu Delhi. Auf seinem Laptop ist eine weitere Spezialisierung der Firma zu sehen: Eine dreidimensionale, detaillierte Stadtkarte von New York, die nach Satellitenbildern erstellt wurde. Digitale Karten - ein Bombengeschäft für beide Seiten: Der amerikanische Auftraggeber verkaufte schon an CNN, an Telefongesellschaften, die Polizei und Logistik-Firmen. Jetzt arbeitet ein Team von Nayak daran, 17.000 Golfplätze in den USA zu digitalisieren.
Auf dem deutschen oder amerikanischen Arbeitsmarkt würde eine Arbeitskraft vier Mal so viel kosten wie in Indien. "Globalisierung bedeutet, dass alle verfügbaren Arbeitskraft-Ressourcen global genutzt werden können", sagt Nayak. "In den Industrienationen ist es einfach ein Problem, innerhalb kurzer Zeit 50 qualifizierte Leute zu organisieren, die für befristete Zeit an einem einzigen Projekt arbeiten. Und wer will das Risiko eingehen, nach einem Projekt arbeitslos zu sein?"
Reena arbeitet acht Stunden, sechs Tage die Woche. Ihr monatliches Einstiegsgehalt von 5000 Rupies (125 Euro) findet sie für indische Verhältnisse "ok". In den USA würde sie locker 2000 Dollar verdienen, weshalb Arbeiten in den Staaten auch ein Traumziel ist. Ihr hartes Trainingsprogramm bei SAR SOFTECH umfasst das Büffeln von Fachausdrücken und Abkürzungen. "Der medizinische Fortschritt ist so rasant, dass wir uns permanent informieren müssen, täglich gibt es etwas Neues."
Obwohl sie nur ein mittelmäßig gutes College besucht hat, bekam sie den Job. Die 20-Jährige sieht Vorteile in der Globalisierung für Indien vor allem, weil viele neue Jobs entstehen. Tatsächlich war die Berufsauswahl noch vor zehn Jahren extrem eingeschränkt. Als erstrebenswert galten unkündbare Jobs im öffentlichen Dienst, zum Beispiel bei der Indian Railways, der mit 1.400.000 Beschäftigen größten "Firma" der Welt. Heute boomen neue Branchen wie Werbung und Medien - 80 Fernsehkanäle sind in Indien auf Sendung. Private Institutionen reagierten Anfang der 90er-Jahre auf die verstärkte Nachfrage nach Ausbildung im IT-Sektor. So bot das legendäre National Institute of Technology Computerkurse zu erschwinglichen Preisen an und erhöhte damit Aufstiegschancen auch der unteren Mittelschicht und der unteren Kasten.
Die Masse lebt ohne Aufstiegschancen
Reena gehört zur wachsenden Mittelschicht in den urbanen Zentren Neu Delhis, Bombays, Madras' oder Bangalores. Diese hat von der Globalisierung und der wirtschaftlichen Liberalisierung des Landes am meisten profitiert. Mit Hundert Millionen, rund zehn Prozent der Bevölkerung Indiens, bildet sie ein enormes Potenzial. Gleichzeitig arbeiten noch immer 75 Prozent der Inder auf dem Land, müssen 350 Millionen hungern und ist die Hälfte der Bevölkerung nicht alphabetisiert. Der IT-Sektor macht nur zwei Prozent der Wirtschaft aus. Die Masse der Inder ist nach wie vor im informellen Sektor beschäftigt. Da sind zum Beispiel die vielen Kleinverkäufer. Sie bieten in Neu Delhi für fünf Rupies gebratene Maiskolben auf der Straße an oder quälen sich im Verkehrsstau durch Abgase, um Staublappen loszuwerden. Viele Millionen Inder arbeiten als Billigköche, Fahrradflicker und Schuhputzer. Sie haben kaum eine Wahl, kein soziales Netz, das sie auffängt, und oft nicht mal das bisschen Geld, um ihre Kinder auf eine öffentliche Schule zu schicken.
Im Gegensatz zu ihnen kann Reena von einer besseren Zukunft träumen, von einem Maruti-Familienauto, einem Kühlschrank und der Klimaanlage. Wie die dynamischen, modernen jungen Inderinnen aus der glatten Werbewelt auf ZEE-TV trägt Reena selbstbewusst Jeans und ein knappes T-Shirt. Ansonsten denkt sie aber traditionell. Die Freizeit verbringt sie zu Hause mit der Familie und guckt am liebsten MTV. Manchmal leistet sie sich eine Kinokarte für ein neues Bollywood-Movie. Ausgehen oder Party? Der Eintritt von 500 Rupies in eine der Fünf-Sterne-Hotel-Diskotheken und ein Bier für 300 Rupies sind unerschwinglich. Lieber spart sie ihr Geld. Natürlich will sie irgendwann heiraten. Eine arrangierte Hochzeit durch die Eltern gilt als ausgemacht. "Auf Liebe kommt es so sehr nicht an. Wir vertrauen und respektieren die Eltern. Sie sind für uns wie die Götter. Nachdem wir uns blind am Westen orientiert haben, kommt meine Generation auf die alten Werte zurück." Tradition und Materialismus sind für Reena, die regelmäßig einen hinduistischen Tempel besucht, kein Widerspruch. Im Gegenteil, sagt sie, "die Religion gibt uns die Stärke, in der veränderten Welt besser zu bestehen."
Susanne Gupta lebt als Journalistin in Neu Dehli.
www.sai.uni-heidelberg.de
Die Auswirkungen der Gobalisierung auf Indien. Wissenschaftlicher Vortrag - ein wenig trocken, aber sehr informativ.
www.oeh.tu-graz.ac.at
Ein Blick auf die indische Geschichte der vergangenen 50 Jahre.
Buchtipp:
Tetzlaff, Rainer (Hrsg.)
Weltkulturen unter Globalisierungsdruck. Erwartungen und Antworten aus den Kontinenten
Bonn 2000, Bestell-Nr. 2.131
Der Band aus der Reihe "Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden" beleuchtet die Auswirkungen der Globalisierung aus dem Blickwinkel der asiatischen, afrikanischen und südamerikanischen Staaten. Einer Analyse der Globalisierungsfolgen im Allgemeinen folgt zunächst die Untersuchung zweier zentraler Globalisierungsdeterminanten: des Bevölkerungswachstums und der Kommunikationsrevolution. Anschließend wendet sich der Band der Globalisierungsproblematik in Asien zu, die auf der Ebene der Staaten China und Indien nochmals präzisiert wird. Ebenso brechen die Kapitel drei und vier die Globalisierungsfrage auf die je anders gelagerten Verhältnisse in Afrika und Lateinamerika um. (Dieses Buch könnt ihr bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellen.)
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