Ich bin drei Wochen in den Vereinigten Staaten von Amerika gewesen. Dieses Land hat mich sehr bewegt und beeinflusst. Es ist ein Land der Gegensätze und der Extreme. Reichtum und Armut, viele Minderheiten, Kultur, Lifestyle und vollkommene Ödnis auf engstem Raum. Ich selbst habe zwei Wochen meiner Reise in Mukwonago in Wisconsin bei einer Gastfamilie gelebt: Jeff, der Vater, arbeitet zurzeit nicht und ist Hausmann, die Mutter Jean ist Grundschullehrerin und der 15-jährige Sohn Andy geht zur Highschool. Sein Bruder Ben ist 19 und besucht das College.
Mukwonago hat circa 20.000 Einwohner/innen und wächst sehr schnell. So normal diese Stadt ist, so langweilig ist sie auch. Doch genau das macht sie so interessant. Sie entspricht dem Klischee der amerikanischen Gesellschaft außerhalb der Städte: Es gibt nur wenige Minderheiten, Traditionen und Bodenständigkeit werden großgeschrieben. "Für uns ist die Familie sehr wichtig, und wir freuen uns immer, wenn Ben Zeit hat, bei uns zu sein", erzählt mir Jean. Sie ist vollschlank und trägt am liebsten weiße T-Shirts in XXL mit amerikanischer Flagge, dazu passend kurze Jeans und Turnschuhe.
Mit Schildern auf die Straße
Wie viele Amerikaner/innen ist sie stolz auf ihr Land. Nicht aber auf dessen Regierung. Sie hat bei der letzten Wahl für Kerry gestimmt. Wirklich wohl war ihr bei der Sache aber nicht. "Ich finde an beiden Parteien einige Dinge gut und einige nicht. Letztendlich haben dann bei mir die Zuneigungen für die Demokraten überwogen." Ihr Mann sieht es ähnlich. Da beziehen die beiden Söhne schon deutlicher Stellung: "Mein deutscher Austauschpartner spricht besser Englisch als euer Präsident Bush!", ruft Andy dem Vorsitzenden der "Jungen Republikaner", einer AG an der Mukwonago High School, zu. Er war und ist gegen den Irak-Krieg, hört Rock, spielt Volleyball sowie vier Instrumente.
Es gibt sie nicht, diese breite Masse der Amerikaner/innen, die den Irak-Krieg für richtig halten, jedoch auch keine klare Mehrheit derjenigen, die dagegen sind. Dieses System funktioniert in sich, weil sich nicht wie bei uns kleine Parteien bilden, die das Gleichgewicht durch Koalitionen auseinander bringen könnten. Menschen wie meine Gastfamilie gehen zwar im Wahlkampf mit Schildern auf die Straßen, auf denen steht "Wählt Bush" oder "Wählt Kerry", aber sie tun dies nicht aus der Grundüberzeugung heraus, dass der entsprechende Kandidat für ihr Land der Beste ist, sondern dass ihre eigene Meinung am besten durch diesen Kandidaten vertreten wird. Politisches Engagement drückt sich entweder durch kleine Gruppen von Friedens- oder Umweltaktivisten/innen oder durch die Mitgliedschaft in einer der beiden großen Parteien aus.
Das politische Leben hält auch in der Schule Einzug. Dort gibt es AGs der jungen Demokraten und der jungen Republikaner. Und bei der Pep Rallye, einer Art Karnevalszug durch die Stadt vor dem Homecoming- Footballspiel, fährt ein Army-Geländewagen durch die Straßen. Beim Footballspiel selber steht er am Spielfeldrand. Man kann einen iPod mini gewinnen und sich ganz nebenbei zum Kriegsdienst verpflichten. Neben dem Spielfeld.
Auch im Nachmittagsfernsehen wird für die Army geworben. Und in dem PC-Spiel "America´s Army", das man kostenlos im Internet runterladen kann und auch über Internet spielt, wird bei jedem Ladevorgang der Ehrenkodex der US-Soldaten angezeigt. Gehirnwäsche? Die amerikanischen Jugendlichen meinen, nein, man habe sich daran gewöhnt.
Die deutschen Wurzeln
Anfang des 20. Jahrhunderts sind viele Deutsche in die Gegend um Madison, der Hauptstadt Wisconsins, ausgewandert. Sie wollten dort neue Existenzen gründen. Mehr als die Hälfte der heutigen Einwohner/innen des Bundesstaats stammt von deutschen Einwanderern ab. So auch Jean. Sie ist sehr stolz darauf und zeigt mir alte deutsche Zeitungen, die damals in der Gegend mehr gelesen wurden als amerikanische.
Trotz der schwierigen Beziehungen zwischen unserer und der amerikanischen Regierung verhehlt hier niemand, deutsche Verwandte zu haben. Alle Amerikaner/innen, die mir begegnet sind, waren freundlich und interessiert, und irgendwie schien niemand mir gegenüber voreingenommen zu sein. Und ich wurde nie als "Kraut" beschimpft.
Milan Schnieder ist 16 Jahre alt und geht in Waldbröl zur Schule.
Fotos: © Milan Schnieder
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