
"Es tut mir leid, ich kann mir das Buch vor dem nächsten Ersten nicht kaufen", sagt Susanne, während der Kommilitone neben ihr sein nagelneues Multimedia-Handy klingeln lässt. Eine Szene wie es sie an jeder deutschen Universität gibt. Hier sitzen Studenten, die sich nur ein winziges Zimmer im Studentenwohnheim leisten können, dort cabriofahrende Polohemdträger. Gleicher Studiengang, anderes Leben. Zum Beispiel die Universität Mannheim: Nur 15 Prozent aller Mannheimer Studenten bekommen BaföG. Der Großteil finanziert das Studium durch zeitintensive Nebenjobs, Arbeit während der Semesterferien oder eben mit Hilfe der Eltern. Das geht natürlich nur, wenn man aus einem Elternhaus kommt, in dem nicht jeder Cent zweimal umgedreht werden muss. Es gibt Studiengänge, in denen mehr als zwei Drittel aller Studenten und Studentinnen aus gut situierten Akademikerfamilien stammen - zum Beispiel Jura, BWL, Kunstgeschichte und Zahnmedizin.
Neid und Missgunst?
Markus studiert Medizin. Er kommt aus einer klassischen Akademikerfamilie: Vater Arzt, Mutter Lehrerin. Markus wird später die Praxis seines Vaters übernehmen "und noch zusätzlich Botox to go" anbieten. Er sieht die Unterschiede kritisch: "Meine Eltern finanzieren mein Leben, damit ich das Studium zügig abschließen kann. Kommilitonen, die nebenbei viel arbeiten müssen, um sich über Wasser halten zu können, haben es schwerer. Da kommt schnell Neid auf. Ich habe mir schon oft den Vorwurf anhören müssen, dass mir eh alles in den Arsch gesteckt wird. Klar, dass ich mit jemandem, der mir so was unterstellt, nicht befreundet sein möchte."
Die sozialen Unterschiede im Studium sind auch ein Problem, wenn jede/r fünfte Student/in kein unbezahltes Vollzeitpraktikum machen kann, weil er/sie in dieser Zeit nichts verdient. Ein Nachteil, weil Personalchefs heute praktische Erfahrungen voraussetzen. Nur wer Eltern hat, die kräftig zuzahlen, kann das dreimonatige Praktikum in der fremden Stadt antreten und zwei Wohnungen bezahlen; wer dagegen aus einfachen Verhältnissen kommt, kann vom Auslandssemester in Melbourne nur träumen.
Oder auf ein Stipendium hoffen. Wie Julia, die in Berlin Romanistik studiert. Ohne ein Stipendium wird sie ihr Studium wahrscheinlich nicht abschließen können - sie bekommt keine Unterstützung von ihren Eltern und kellnert deshalb sechzehn Stunden pro Woche. Trotzdem reicht das Geld kaum aus. Außerdem ist der Job so anstrengend, dass sie oft übermüdet über den Büchern sitzt: "Neulich musste ich beim Studentenwerk ein Darlehen beantragen, damit ich meine Miete zahlen kann. Wenn ich dann im Hörsaal mitbekomme, wie Kommilitonen von der Eigentumswohnung erzählen, die sie von ihren Eltern bekommen haben, tut mir das natürlich weh. Ich frage mich dann manchmal schon, ob ich an der Uni überhaupt richtig bin."
Gleich und gleich gesellt sich gern
In Deutschland hängt die Chance auf Bildung wieder stärker von der Herkunft ab: Kinder aus bildungsfernen Schichten haben laut PISA-Studie zehnmal schlechtere Chancen, aufs Gymnasium zu gehen, als Kinder aus Akademikerfamilien. Eine OECD-Studie hat ergeben, dass in Deutschland ärmere Jugendliche besonders selten zur Hochschule gehen. Ab 2007 sind in vielen Bundesländern Semestergebühren fällig, die für viele Studenten zusätzlich zum Hindernis werden könnten. Aus dem gut betuchten Bürgertum gehen bis zu 80 Prozent der Kinder studieren, aus Arbeitnehmerfamilien nur knapp 12 Prozent.
Die Kluft zwischen Arm und Reich spielt auch außerhalb der Seminarräume eine Rolle. Kann eine Akademikertochter auf dem Campus mit einem Handwerkersohn glücklich werden? Die Ergebnisse einer Studie der Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Forschung sind ernüchternd: Liebe und Beziehung ist eine Frage der Klasse. Die Distanz zwischen den oberen und unteren Bildungsgruppen ist in den vergangenen Jahren noch größer geworden. Über eine glückliche Beziehung entscheiden ähnliche Lebenserfahrungen und Vorlieben. Auf Dauer ist es zu wohl anstrengend, als Bafög-Empfänger mit der Freundin mithalten zu wollen, die am Wochenende zum Golfen fährt. Genauso ermüdend mag es sein, als Kind aus gutem Hause nur mit dem Freund etwas unternehmen zu können, wenn Kinotag ist. Gleich und gleich gesellt sich gern, Freundschaft und Liebe findet an deutschen Universitäten fast immer innerhalb des eigenen Milieus statt. Romantisch ist das nicht, sondern eine Frage des Geldes.
Christine Knust schreibt als freie Autorin für Zeitungen und Magazine. Außerdem promoviert sie gerade an der Universität Mannheim.
Fotos: sxc.hu
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Ein Schwerpunkt der Bundeszentrale für politische Bildung zur sozialen Lage in Deutschland. Welche gesellschaftlichen Kosten verursacht Arbeitslosigkeit? Wie viele Menschen leben im Jahr 2050 in Deutschland? Was werden wir verdienen? Antworten auf diese Fragen geben Auskunft über die Zukunft Deutschlands, Zahlen und Fakten erklären die soziale Situation in Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
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