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Mark für Leben

Leukämie ist kein Todesurteil

15.3.2006 | Jörg Wild | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Omid läuft mit federndem Schritt auf seinen Gesprächspartner zu, und man sieht einen fröhlichen, strahlenden jungen Mann nahen. Der Kerl strotzt vor Energie und Lebensfreude, doch: Omid hat Leukämie. Sein unbändiger Wille hilft ihm, seine Familie ist der Rettungsanker, drei Chemotherapien haben seine Lebensfreude nicht brechen können. Wirklich helfen aber würde ihm wohl nur eine Stammzelltransplantation. Doch dafür bräuchte Omid einen Spender, und der ist zurzeit noch nicht ermittelt - vielleicht weil er zu viele südländische Gene in sich trägt. Deshalb setzt der Schüler aus Brühl Himmel und Hölle in Bewegung, um einen geeigneten Spender zu finden.

Omid war 18, als er die Diagnose erfuhr. Er hatte schon längere Zeit viel Kopfweh, war nach der Schule schlapp und schlief viel. Als auch die vom Hausarzt verschriebenen Kopfschmerztabletten nicht halfen, stellte eine Neurologin "komische Blutwerte" fest und schickte ihn ins Krankenhaus. Dort blieb Omid sofort für viereinhalb Wochen. "Das war eine echt heftige Chemotherapie", fasst der junge Mann die Zeit zusammen, in der ihm durch einen zentralen Venenkatheter von der Vene zum Herzen die Chemie in den Leib floss. "Man weiß ja, dass es das pure Gift ist. Aber wenn's hilft. Haarausfall, Kotzerei. Klar. Aber sonst kaum Schmerzen, zum Glück", erläutert Omid seinen Einstieg ins Leben mit Leukämie.

Krank und unglaublich optimistisch

Es folgte eine kurze Erholungsphase daheim, dann wieder vier Wochen Chemo. Wieder daheim, dann wieder Chemo. Solche Prozeduren zählen für viele andere Chemo-Patienten zu den traumatischsten Lebenserfahrungen überhaupt. Omid lächelt und erzählt stattdessen, wie unglaublich wichtig der fantastische Zusammenhalt der Familie wurde, und wie ihm seine Freunde geholfen haben. "An meinem Geburtstag haben sie eine Stretch-Limousine geliehen, und wir sind nachts über die Ringe von Köln gefahren." Aber Omid ist sowieso nicht der Typ, der sich und sein Leben hängen lässt: Er weiß, dass nur eine Stammzelltransplantation ihm helfen würde. Knochenmark eines "genetischen Zwillings", medizinisch aufbereitet und in seinen Körper transplantiert, könnte die Rettung werden. Also machte sich Omid auf den Weg, einen Spender zu finden.

Er organisierte zusammen mit der DKMS Deutschen Knochenmarkspenderdatei eine Typisierungsaktion in Brühl, an deren Ende 1000 neue Spender und 31 000 € Spenden standen. Flyer verteilen, Schulen ansprechen, Firmen besuchen, Interviews geben, Freunde um Hilfe bitten, und den Brühler Oberbürgermeister als Schirmherren gewinnen. Das alles packte Omid neben Schule und zwischen seine Chemotherapien.

Die DKMS mit Sitz in Tübingen und Köln ist die größte ihrer Art weltweit. Sie verwaltet die Blutwerte von knapp 1 347 000 registrierten Spendern. Durchschnittlich vier bis fünf Spender vermittelt sie täglich, und dank ihrer Hilfe finden heute dreiviertel aller Patienten einen Spender. "In den letzten 14 Jahren konnten DKMS-Spender in über 8740 Fällen Patienten im In- und Ausland eine Chance auf ein neues Leben geben", erklärt die DKMS-Mitarbeiterin Silvia Marcello.

Helden gesucht

Es werden "Helden gesucht", so ein Slogan der DKMS. Dabei geht das Registrieren selbst, die so genannte Typisierung, flott und schmerzfrei über die Bühne: Ein Pieks und 5 ml Blut genügen für eine erste Bestimmung der Gewebemerkmale. Die Unterschrift unter eine Einverständniserklärung zur Spende führt den Helden in die DKMS. Es folgen Briefwechsel, Infos von der DKMS, Einladungen zu Informationsveranstaltungen - und vielleicht eines Tages die Mitteilung, dass ein Patient auf die Spende angewiesen ist. Fünf Jahre lang schon war Hansjörg Reetz aus Bonnregistriert, als er eine Spendenbitte bekam. "Natürlich hatte ich am Anfang ein bisschen Schiss", gibt der 31jährige Projektingenieur aus Bonn zu. Aber die Aufklärungsarbeit vorher und die intensiven Untersuchungen nehmen viel von der Angst.

Der Eingriff selbst ist unkompliziert - einziges Risiko ist die Vollnarkose. Aber dass die "nicht ausgesprochen gefährlich" sind, bestätigen auf Anfrage auch mehrere Ärzte. Es wäre ethisch ja auch gar nicht vertretbar, die Gesundheit eines Menschen zu gefährden, um einen anderen zu heilen! Im Rückblick schildert Hansjörg Reetz, der sich übrigens nicht als "Held" empfindet, den Eingriff "als eine kleine Sache". Schon kurz nach dem Aufwachen aus der Narkose saß er am Tisch, scherzte mit dem Pflegepersonal und konnte am nächsten Tag nach Hause gehen. Reetz wurde - wie fast alle Stammzellspender - von seiner Firma für die Zeit der Stammzellentnahme und für die verordnete Erholungswoche freigestellt. "Ansonsten hätte ich mir eben Urlaub genommen!"

Hochgefühl und Stolz

Schmerzen? "Nein, das Pflaster hat gezwickt, und es war einen Tag lang ein kleiner Druck auf dem Becken. Mehr nicht." Anders dagegen das Wissen um die eigene Hilfsleistung. "Das ist schon ein richtig tolles Hochgefühl", sagt Reetz, der zu Recht mit einigem Stolz erzählt. Namen und Anschrift seines Transplantat-Empfängers kennt er nicht - der fällt unter die Schweigepflicht. In zwei Jahren dürfen er und der Patient sich kennen lernen, wenn beide es wollen. Bislang weiß Reetz nur, dass er für einen fünfjährigen Jungen aus Deutschland gespendet hat, dem es inzwischen gut geht.

Gut gehen sollte es auch Omid aus Brühl. Sein "Pech" bislang ist zumindest in diesem Fall seine Herkunft. Durch seinen Vater, einen Iraner, hat er "wahrscheinlich zu viele südländische Gene" mit auf den Lebensweg bekommen, und noch gibt es in der DKMS-Datei zu wenige Spender mit Herkunft vorderer Orient oder Südeuropa. So setzt auch Omid seine Suche fort, hilft bei der Öffentlichkeitsarbeit der DKMS, geht in Schulen und Betriebe und ruft die Menschen auf, sich typisieren zu lassen. Leukämie macht keinen Halt vor Nationalitäten oder Ländergrenzen. "Ich fände es schön, wenn sich mehr Migranten zur Spende bereit erklären würden", sagt Omid. "Nicht nur wegen mir!"

Jörg Wild lebt als freier Journalist in Bonn.

Fotos: Jörg Wild



www.dkms.de
Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei mit Informationen und Adressen

Info Leukämie und Knochenmark- oder Stammzelltransplantation

An Leukämie erkranken jährlich ca. 11000 Menschen in Deutschland. Gründe können hohe ionisierende Strahlung, also z.B. radioaktive oder Röntgenstrahlen aber auch bestimmte chemische und biologische Stoffe sein. Etwa zehn Prozent sind durch Rauchen verursacht. "Leukämie ist keine bösartige Erkrankung des Blutes selbst sondern der Blutbildenden Organe des Körpers. Dazu gehören das Knochenmark und das Lymphsystem", beschreibt das Heft "Leukämie bei Erwachsenen" der Deutschen Krebshilfe. Entsprechend müssen vor allem diese Organe behandelt werden. Dies geschieht in erster Linie mit Chemotherapien, die krankes Gewebe abtöten und mit Bestrahlungen. Hilft keine dieser Therapien mehr, bleiben die Knochenmark- oder Stammzellspende.

Knochenmarkspende: Unter Vollnarkose wird dem Spender mit einer Punktionsnadel aus dem Beckenknochen (nicht aus dem Rückenmark, wie oft behauptet wird!) eine kleine Menge Mark entnommen und dann aufbereitet. Der Spender bleibt mit Vor- und Nachbereitung zwei Tage im Krankenhaus. Der Körper hat das Knochenmark nach zwei Wochen wieder selbst hergestellt.

Bei der Stammzellspende wird dem Spender zunächst beim Hausarzt ein hormonähnlicher Stoff unter die Haut gespritzt, der die Produktion der Stammzellen im Knochenmark anregt, so dass diese ins periphere Blut ausgeschüttet und anschließend durch ein spezielles Verfahren abgeschöpft werden können. Am eigentlichen Spendetag wird dem Körper aus einem Arm drei bis vier Stunden lang Blut entzogen, dem in einem speziellen Verfahren Stammzellen entnommen werden. Das Blut gelangt über eine Kanüle im anderen Arm zurück in den Kreislauf des Spenders. Diese Prozedur erfordert keinen stationären Klinikaufenthalt und wird inzwischen häufiger angewandt als die Knochenmarktransplantation.

Kritisch ist die Transplantation für den Patienten: Sein Körper wird mit einer aggressiven Chemotherapie auf die Behandlung vorbereitet. Dabei sollen zwar alle Krebszellen zerstört werden, aber auch der Rest des Körpers ist extrem krankheitsanfällig. Bis zu vier Wochen muss der Patient dann in einer Sonderstation unter besonderen Hygienebedingungen bleiben. Als besonders gefährlich gilt die GvHD (Graft versus Host Disease), nach der das Implantat den Körper abstößt und sich gegen Haut, Leber und Darm richten kann.

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