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Habe ich nicht schon genug?

Der Philosoph Thomas Schramme über die Gleichheit

4.12.2006 | Dominik Fehrmann | Kommentar schreiben | Artikel drucken
"Gleichberechtigung von Mann und Frau", "Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West", "Chancengleichheit in der Bildung" – Gleichheit scheint weithin als Bedingung für eine gerechte Gesellschaft zu gelten. In der philosophischen Diskussion über Gerechtigkeit ist der Begriff der Gleichheit dagegen umstritten. Einige Philosophen meinen, Gerechtigkeit habe mit Gleichheit nicht viel zu tun. Thomas Schramme ist einer dieser Philosophen.

Jahrhundertelang ist für die Anerkennung der Gleichheit aller Menschen gekämpft worden. Im Grundgesetz ist diese Gleichheit als Gleichheit vor dem Gesetz garantiert. Und Sie wollen diese Gleichheit in Frage stellen?

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Nein, überhaupt nicht. Die Gleichheit vor dem Gesetz beruht auf der richtigen Überzeugung, dass alle Menschen denselben moralischen Status haben. Allen Menschen gebührt dieselbe Achtung, allein aufgrund ihres Menschseins. Aber das bedeutet nicht, dass allen Menschen gleich viel zusteht. Ich stelle in Frage, dass Gleichheit ein Kriterium für gerechte Verteilung ist.

Aber folgt aus der moralischen Gleichheit nicht, dass alle Menschen gerechterweise Anspruch auf ein gleich gutes Leben haben?

Nein. Meiner Meinung nach heißt jeden zu achten eben nicht, dafür zu sorgen, dass er gleich viel hat wie andere. Zudem lässt sich kaum bestimmen, wann verschiedene Leben gleich gut sind. Völlige Gleichheit der Lebensumstände gäbe es nur, wenn alle Menschen dasselbe Leben führten. Das will ernsthaft niemand. Deshalb geht es in der politischen Debatte wie auch in der philosophischen Gerechtigkeitsdiskussion meist um Gleichheit in einer bestimmten Hinsicht, etwa um Gleichheit der Chancen oder der verfügbaren Mittel. Aber auch hier ist es nahezu unmöglich zu wissen, was Gleichheit tatsächlich erfordern würde.

Die Forderung nach Chancengleichheit aber ist doch nachvollziehbar. Nehmen wir das Beispiel Bildung. Ein Arbeiterkind hat in Deutschland weniger Chancen auf ein Studium als ein Professorenkind. Ist das nicht ungerecht?

Zunächst einmal: Die formalen Bedingungen für ein Studium – in erster Linie das Abitur – sind ja durchaus dieselben. Man kann allerdings sagen, dass ein Arbeiterkind eine statistisch geringere Wahrscheinlichkeit hat zu studieren. Das aber hat mit Schwächen unseres Bildungssystems zu tun, nicht mit vergleichsweise besseren Möglichkeiten von Professorenkindern. Der Punkt ist: Ich halte es für einen grundsätzlich falschen Ansatz, nach der Gleichheit von Chancen zu fragen. Ob irgendetwas gleich verteilt ist, scheint mir für die Frage nach der Gerechtigkeit nicht entscheidend.

Was dann?

Entscheidend ist, ob jeder Einzelne genug hat. Zum Beispiel, ob jeder Zugang zu Bildung und Kultur hat. Dahinter steckt folgende Idee: Worauf jemand gerechterweise Anspruch hat, bemisst sich nicht an seiner Situation im Verhältnis zu anderen, sondern nur an seiner eigenen Situation.

Also: Nicht gleich viel für alle, sondern genug für jeden.

Genau. Wenn jemand genug hat, ist es gut, und dann hat er keinen Anspruch auf mehr, nur weil andere mehr haben.

Und was heißt "genug"? Genug wovon? Und wie viel davon?

Darüber kann man natürlich streiten. Genug kann nicht heißen: genug, um sich alle Wünsche zu erfüllen. Schließlich reden wir über begrenzte Güter. Was für mich in unserer Gesellschaft mindestens dazu gehört, sind Nahrung und Wohnung, eine elementare Gesundheitsversorgung, eine elementare Schulbildung, Zugang zu den Medien, Mobilität, Möglichkeiten der politischen Mitbestimmung. Und von all dem genug, um in unserer Gesellschaft ein eigenes, unabhängiges Leben zu führen.

Würde diese – sagen wir – "Grundversorgung" für alle Menschen auf der Welt dieselbe sein?

Man kann sicherlich für kulturell und gesellschaftlich bedingte Unterschiede argumentieren. Einige Bedürfnisse sind aber überall identisch, weil sie damit zu tun haben, was für eine Art von Wesen wir sind. Nahrung und Schutz vor Krankheit benötigen Menschen überall; ob sie überall Zugang zu Medien bedürfen, scheint mir weniger klar.

Dann gäbe es in gewisser Hinsicht doch Gleichheit bei der Verteilung.

Schon, aber Gleichheit wäre in diesem Fall nur eine Begleiterscheinung der gerechten Verteilung, nicht das Kriterium oder das Ziel.

Nehmen wir an, diese Grundversorgung ließe sich in einer Gesellschaft für jeden gewährleisten. Und nehmen wir zudem an, darüber hinaus gäbe es große Ungleichheiten. Einige hätten mehr als andere – sei es durch eigenes Verdienst oder durch Glück, etwa das Glück, reiche Eltern zu haben. Das hielten Sie dann für gerecht?

Ich hielte es nicht für ungerecht. Trotzdem kann sich eine Gesellschaft natürlich entscheiden, solche Ungleichheiten nicht zu dulden. Sie kann entscheiden, Vermögen im Sinne einer Angleichung umzuverteilen, oder Arbeiter- und Professorenkinder im gleichen Verhältnis studieren zu lassen – so, wie mancherorts ja auch eine Frauenquote eingeführt worden ist. Dafür mag es gute Gründe geben. Etwa dass man glaubt, zu große Ungleichheiten führten zu Neid auf der einen und Arroganz auf der anderen Seite. Oder dass man glaubt, durch eine Quote Fehler in der Ausbildung wieder gutmachen zu können. Nur: Diese Gründe haben mit Gerechtigkeit im engen Sinn – soweit sie nämlich philosophisch begründbar ist – nichts mehr zu tun.

Ist das nicht ein zu enges Verständnis von Gerechtigkeit? Schließlich regt sich das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen gerade angesichts von großem Überfluss auf Seiten einiger weniger.

Ich würde umgekehrt argumentieren. Gerade wer sich an Gleichheit orientiert, lässt die Frage nach dem allgemeinen Überfluss außer Acht. Denn wo Gleichheit als Kriterium der gerechten Verteilung gilt, gibt es keinen Grund, sich mit weniger als dem Maximum zufrieden zu geben. Die Frage "Habe ich nicht schon genug?" stellt sich nicht. Das aber ist problematisch im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung, auf ökologische Gerechtigkeit, auf Gerechtigkeit zwischen den Generationen.

Inwiefern?

Nehmen wir das klassische Kuchenbeispiel: Wer sich davon leiten lässt, dass alle gleich viel vom Kuchen erhalten, der backt ihn so groß wie möglich, weil jedem so viel zusteht wie dem größten Vielfraß. Wer sich dagegen davon leiten lässt, dass alle satt werden, der backt den Kuchen nicht größer als nötig und hebt damit womöglich wertvolle Zutaten für künftige Generationen auf.

(Das Interview führte Dominik Fehrmann)

Der Philosop Thomas Schramme (geb. 1969) ist zurzeit Senior Lecturer an der University of Wales in Swansea. Dieser Tage erscheint zum Thema Gerechtigkeit und Gleichheit sein Buch "Gerechtigkeit und soziale Praxis".

Am 20. Dezember erscheint das neue fluter-Heft zum Thema "Gleichheit". Das Heft könnt ihr HIER abonnieren.

Foto: ©Dominik Fehrmann



www.bpb.de/Die_Französische_Revolution
Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit: Die Forderungen der Französischen Revolution und ihre Geschichte




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