Keine Gnade für Herrn Korbes

Gerechtigkeitssinn in Märchen

20.12.2006 | Jörg Sundermeier | Kommentar schreiben | Artikel drucken
"Erzähl keine Märchen", sagt manch eine/r genervt, wenn jemand anderes offenkundig lügt. Tatsächlich fußt das Märchen nicht wie die Legende oder die Sage auf einer wahren Begebenheit, es ist zeitlich und räumlich nicht verankert. In Märchen wird geflogen, wiederauferstanden, verhext und verwandelt und niemand stört sich daran. Allerdings gelten die Märchen, die in Frankreich zum Volksmärchenschatz gezählt werden, andererseits auch in Deutschland als hiesige, fest in der deutschen Märchentradition verankerte Texte. Und diese Tradition gilt bis heute als wichtig.

Das Gesicht einer Nation


Dabei waren Märchen ursprünglich gar keine Texte. Niemand schrieb sie auf, stattdessen wurden Märchen erzählt. Ob nun in Afrika, Asien, Amerika oder hierzulande. Auch die Brüder Grimm zogen ja bekanntlich im 19. Jahrhundert über die Dörfer, um sich Märchen erzählen zu lassen, und schrieben diese dann erstmals auf. Auch in anderen Ländern wurden Märchen von Dichtern und Forschern gesammelt. Die vermeintlichen Volksmärchen, in denen die jeweiligen Sammler ein Abbild der Landesmentalität finden wollten, dienten gewissermaßen dazu, den damals gerade entstehenden Nationalstaaten ein "Gesicht" zu geben; eine Tradition und eine Mentalität. In den Märchen sollten sich Ansichten und Denkweisen einer Nation widerspiegeln. Und zugleich sollten diese Märchen den Kindern – und den Menschen von kindlichem Gemüt –, denen sie vorgetragen werden, auch die Ansichten und Denkweisen einer Nation vermitteln.

Ein recht böser Mann

Daher finden sich auch einige zunächst wirr anmutende Märchen in den Grimmschen "Kinder- und Hausmärchen", wie etwa "Herr Korbes": "Es war einmal ein Hühnchen und ein Hähnchen, die wollten zusammen eine Reise machen. Da baute das Hähnchen einen schönen Wagen, der vier rote Räder hatte, und spannte vier Mäuschen davor. Das Hühnchen setzte sich mit dem Hähnchen auf, und sie fuhren miteinander fort. Nicht lange, so begegnete ihnen eine Katze, die sprach 'wo wollt ihr hin?', Hähnchen antwortete: 'als hinaus nach des Herrn Korbes seinem Haus.' 'Nehmt mich mit', sprach die Katze. Hähnchen antwortete 'recht gerne, setz dich hinten auf, dass du vornen nicht herabfällst. Nehmt euch wohl in acht dass ihr meine roten Räderchen nicht schmutzig macht. Ihr Räderchen, schweift, ihr Mäuschen, pfeift, als hinaus / nach des Herrn Korbes seinem Haus.' Danach kam ein Mühlstein, dann ein Ei, dann eine Ente, dann eine Stecknadel, und zuletzt eine Nähnadel, die setzten sich auch alle auf den Wagen und fuhren mit. Wie sie aber zu des Herrn Korbes Haus kamen, so war der Herr Korbes nicht da. Die Mäuschen fuhren den Wagen in die Scheune, das Hühnchen flog mit dem Hähnchen auf eine Stange, die Katze setzte sich ins Kamin, die Ente in die Bornstange, das Ei wickelte sich ins Handtuch, die Stecknadel steckte sich ins Stuhlkissen, die Nähnadel sprang aufs Bett mitten ins Kopfkissen, und der Mühlstein legte sich über die Türe. Da kam der Herr Korbes nach Haus, ging ans Kamin und wollte Feuer anmachen, da warf ihm die Katze das Gesicht voll Asche. Er lief geschwind in die Küche und wollte sich abwaschen, da spritzte ihm die Ente Wasser ins Gesicht. Er wollte sich an dem Handtuch abtrocknen, aber das Ei rollte ihm entgegen, zerbrach und klebte ihm die Augen zu. Er wollte sich ruhen und setzte sich auf den Stuhl, da stach ihn die Stecknadel. Er geriet in Zorn, und warf sich aufs Bett, wie er aber den Kopf aufs Kissen niederlegte, stach ihn die Nähnadel, so dass er aufschrie und ganz wütend in die weite Welt laufen wollte. Wie er aber an die Haustür kam, sprang der Mühlstein herunter und schlug ihn tot. Der Herr Korbes muss ein recht böser Mann gewesen sein."
Doch selbst in diesem Märchen wird Gerechtigkeit hergestellt. Auch wenn man nicht weiß, welcher Vergehen sich Herr Korbes eigentlich schuldig gemacht hat. Der Satz "Der Herr Korbes muss ein recht böser Mann gewesen sein" reicht als Begründung, er entspricht der Logik der Grimm'schen Märchen. Dass Herr Korbes gewissermaßen "sinnlos" gequält und ermordet wird, ist nicht denkbar.

In den bekanntesten Märchen, etwa "Schneewittchen", "Frau Holle", "Dornröschen" oder "Aschenputtel", ist das Vergehen, das abgestraft wird, bekannt. Auch Täter und Opfer sind eindeutig zu benennen. Daher erscheint in diesen Märchen alles entwirrt und konsequent. Während die Bösen, die meistens Schwiegermütter sind, böse Onkel, Zauberer und Fremde, bestraft werden – oftmals werden sie getötet, nicht selten auch durch einen anderen, Guten, ermordet –, erhalten die Guten nach Jahren des Elends endlich zurück, was ihnen zusteht: die Krone, den Prinz, das Erbteil.

So versuchten die Vermittler dieser vermeintlichen Volksmärchen zu erziehen. In ihren Märchen werden stets die vorherrschenden Werte bewahrt. Die Ehe ist ein wichtiges Gut, Treue wird belohnt, Geldgier wird bestraft, Arbeit ist gut, Müßiggang schlecht. Rotkäppchen hört nicht auf die Mutter, kommt vom Wege ab und wird bestraft, der Wolf aber hat ein größeres Verbrechen begangen und wird daher ärger bestraft, Rotkäppchen kommt noch einmal mit dem Leben davon. So lernt sie, nicht vom Wege abzukommen. Allerdings sind Frauen in Märchen grundsätzlich Opfer – schön, jung, Prinzessin – oder Täterinnen – Hexe, Stiefmutter –, während Männern ein Lernprozess zugebilligt wird ("Der Eisenhans").

Vorurteile und Volksglauben

Nicht selten wird in diesen Märchen auch eine Minderheit, die von vornherein als verdächtig gilt, diskriminiert. Etwa in dem Märchen "Das Zigeunerfeld", das sehr unschuldig in der Sammlung "Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen" (von Josef Haltrich versammelt) zu lesen ist. Es lautet folgendermaßen: "Die Zigeuner hatten einmal auch ein eigenes Dorf und Grundeigentum, bauten das Feld und säten Korn. Als aber einmal die grüne Saat vom Winde bewegt wurde, dass sie Wellen schlug, fürchteten sie, das Korn werde ihnen weglaufen. Da gingen sie hin und schnitten die junge Saat. Natürlich trug ihnen der Acker nun nichts als Stoppeln und Disteln. Darüber wurden sie ärgerlich, gingen hin und verkauften ihren Acker, und so kommt es, dass seit der Zeit die Zigeuner weiter keinen Grund und Boden haben und dass sie bloß am Ende der Ortschaften sich angesiedelt finden, wo sie nur geduldet werden."

Vergleichbares gibt es auch über Juden. Mit diesem Märchen wird die Gerechtigkeit anders vermittelt – die bereits stattfindende und für "normal" geltende Ausgrenzung der "Zigeuner" wird zu einer quasinatürlichen Reaktion. Da "die Zigeuner" die Böden nicht richtig beackert haben, hat das Schicksal, beziehungsweise Gott, sie gestraft. Die Gerechtigkeit also, die das Märchen herstellt und als Happy End anbietet, ist vom heutigen Standpunkt aus also nicht immer zu rechtfertigen. Trotzden werden diese Hausmärchen bis heute in Kinderzimmern vorgelesen.

Gutes Ende ohne bürgerliche Moral

Anders ist es in den Kunstmärchen, die in der Epoche der Romantik entstanden. In diesen Märchen, bei denen nicht behauptet wird, dass ihnen eine "authentische" Volkserzählung zugrunde läge, entfaltet sich völlige dichterische Freiheit. Es gibt zwei Typen von Kunstmärchen. Die einen, etwa die berühmten von Hans Christian Andersen, wenden sich an Kinder. Auch sie übermitteln Werte und gehen zumeist gut aus. Doch die Gerechtigkeit, die sich einstellt, entspricht nicht zwingend der "göttlichen Ordnung" oder dem bürgerlichen Wertekanon. Im Märchen vom "Hässlichen Entlein" etwa wird zwar das Entlein belohnt, die anderen Enten aber nicht bestraft. Ihnen bleibt nur die Scham.

Dann gibt es noch Märchen für Erwachsene, etwa von Ludwig Tieck, Wilhelm Hauff oder Oscar Wilde, die oft das "Grauen" bedienen und nicht unbedingt eine Lehre vermitteln wollen. Oder es gibt solche wie das folgende von Georg Büchner (aus dem Stück "Woyzeck"), mit denen der Dichter auf die hoffnungslose Situation der Armen und Nichtprivilegierten aufmerksam machen will: "Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sternen kam, waren's kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein."

In diesen Märchen gibt es keine Gerechtigkeit. Das Schicksal hilft niemandem, so wie es die Bösen auch nicht unbedingt abstraft. Diese Märchen sind dem wahren Leben dann doch viel näher.

Jörg Sundermeier lebt als freier Autor in Berlin.

Foto oben: ©Labbé Verlag, www.lesekorb.de
Foto unten: Kinder u. Hausmärchen, Gebr. Grimm


www.uni-essen.de
Eine Definition des Märchens

http://de.wikipedia.org
Mehr zum Kunstmärchen

www.maerchen-emg.de
Die Seite der Europäischen Märchengesellschaft e.V.

www.1000-maerchen.de
Auf 1000maerchen.de gibt es unzählige Märchen online und gratis.

http://die-maerchen.de.vu
"Dieters Märchenseite" - eine Sammlung von alten und neuen Märchen




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