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Frau Krebs,Politiker scheinen
„Gleichheit“ als Zauberformel zu sehen – ob bei
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So weit gibt es auch noch kein Problem
mit der Gleichheit. Spannend wird es, wenn wir nach Gerechtigkeit
fragen.Da sagen die einen: Eine gerechte Gesellschaft ist eine,die
Gleichheit zwischen den Menschen in einer bestimmten Hinsicht
anstrebt. In der Philosophie sind das die Egalitaristen.
Gleichheit in welcher Hinsicht?
Die typische Antwort der Egalitaristen
ist: Freiheit. Denn die Menschen wüssten selbst am besten, wie
sie glücklich werden. Eine gerechte Gesellschaft sei eine,die
allen Menschen gleichermaßen die Freiheit gibt zu leben, wie
sie es möchten. Gerechtigkeit verlange gleiche Lebensaussichten
auf ein glückliches Leben für alle.
Aber jeder kann immer noch selbst
entscheiden, wie er leben möchte?
Ja, deswegen: Freiheit. Die Hinsicht
ist die Freiheit und nicht irgendeine Vorstellung,wie die Menschen zu
leben haben. Den Egalitaristen kann man also nicht vorwerfen,dass es
ihnen um Gleichmacherei geht,dass alle grüne Anzüge tragen
oder in der Stadt leben müssen. Zudem sollen nach
egalitaristischer Ansicht nicht nur alle die gleiche Freiheit
genießen,sondern auch möglichst viel Freiheit. Denn gar
keine Freiheit für alle, das wäre ja auch eine Form von
Gleichheit. Schließlich ergänzen die Egalitaristen
noch:Wenn wir manchen Menschen, sehr talentierten etwa, doch mehr
Ressourcen als Anreiz dafür geben,dass sie ihre Talente für
das Gemeinwohl einsetzen,steigt das Lebensniveau eines jeden. Gewisse
Abstriche an Gleichheit sind daher im Egalitarismus durchaus
vorgesehen.
Kann man sich das bildlich
vorstellen?
Könnte man die Lebensaussichten
der Menschen mit Waagen abwiegen, würde der Egalitarismus mit
einer Balkenwaage operieren. Diese Waage müsste dann möglichst
gerade sein,wenn man die Lebensaussichten verschiedener Menschen
misst. Im Egalitarismus kommt es darauf an, wie der eine im Vergleich
zum anderen abschneidet – das ist die eine Idee der Gleichheit.
Dem kann man doch nur zustimmen!
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Genau.Im
Herzen der Gerechtigkeit steht das menschenwürdige Leben für
alle. Meinetwegen kann man dies auch in der Gleichheitsterminologie
ausdrücken.Wenn alle genug zu essen haben, sind alle in der
Hinsicht gleich, dass sie genug zu essen haben. Aber es kommt auf das
Essen an,nicht die Gleichheit!
Ich
kann am Egalitarismus noch immer keine Schwäche sehen.
Egalitaristen
betrachten alle Ungleichheiten unter dem folgenden Aspekt: Heben sie
das Lebensniveau aller oder nicht? Und wenn nicht, müsse man sie
nivellieren. Das ist ein ganz anderer Blickwinkel als der
non-egalitaristische. Die Egalitaristen sagen nicht: Wenn jeder ein
Auto hat, kann einer auch drei haben. Die Egalitaristen zwingen
denjenigen, der drei Autos hat, das zu rechtfertigen, obwohl die
anderen auch fahren können. Egalitaristen geht es nicht um die
Tugend der Gerechtigkeit,sondern um Gier und Neid. So wie bei dem oft
zitierten Kuchenbeispiel.
Das
Kuchenbeispiel?
Der
Egalitarismus arbeitet gern mit dem Kuchenbeispiel, weil er ja
irgendwie begründen muss,warum Gleichheit eine so zentrale Rolle
spielen soll in der Gerechtigkeit. Es gibt einen Kuchen, am Tisch
sitzen die Kinder. Die Egalitaristen behaupten:Die Mutter muss
offensichtlich jedem der Kinder ein gleich großes Stück
Kuchen geben, dann kann man immer noch überlegen, ob es
Ausnahmen gibt, auf die reagiert werden muss: Hat ein Kind mehr
Hunger oder den Tisch gedeckt oder Geburtstag? Non-Egalitaristen
lehnen das Kuchenbeispiel als irreführend ab.Kinder können
von Süßigkeiten nie genug kriegen – was man ihnen, da
sie Kinder sind, auch nicht verdenken kann.Gerechtigkeit handelt
vorwiegend von der Verteilung von Lebensgütern unter
Erwachsenen.Erwachsene wissen oder sollten wissen, wann sie genug
haben. Außerdem suggeriert das Kuchenbeispiel eine
unterkomplexe Situation. Kinder backen zum Beispiel nicht mit. Es
gibt keine vergangenen oder zukünftigen Generationen, die zu
berücksichtigen wären, und so weiter.
Aber
erst mal ist doch einfach wichtig, dass alle was vom Kuchen haben.
Sicher.
Egalitarismus und Non-Egalitarismus können im konkreten Fall zum
selben Ergebnis führen: Der Kranke bekommt Medizin, der Arme
Brot.Aber für eine Gesellschaft macht es einen Unterschied, ob
sich die Politik darauf konzentriert, dass alle die Schwelle des
menschenwürdigen Lebens erreichen. Oder ob sie viel Zeit und
Ressourcen dafür aufwendet, Ungleichheiten einzuebnen. Reden wir
über die Menschenwürde und darüber, was jemand
wirklich braucht? Oder darüber,was wir im Vergleich zu anderen
haben? Das muss eine Gesellschaft klären. Die Philosophie stellt
in diesem Punkt ein gewisses Unterscheidungswissen zur Verfügung.
Das
Bundessozialgericht hat entschieden, dass 345 Euro im Monat für
ein Leben in Menschenwürde ausreichen.Wie bestimmt man die
Grenze zwischen rotem und grünem Bereich?
Es
gibt anthropologische Einsichten. Kein Mensch will hungern oder
stigmatisiert werden. Konkreter muss man schauen,was man in einem
Land wie Deutschland alles benötigt, um nicht ausgeschlossen zu
sein.Man muss sich fragen:Braucht man ein Auto,einen Fernseher, eine
Tageszeitung, wie groß muss die Wohnung sein,muss sie eine
Dusche haben etc.?
Kann
man die Schwelle der Menschenwürde beliebig herabsetzen, wenn
sich die Gesamtsituation verschlechtert?
Es
gibt durchaus einen gewissen Spielraum bei der materiellen Bestimmung
der Schwelle. Mitunter ist der Gürtel tatsächlich enger zu
schnallen.Die materielle Ebene wird aber überlagert von der
immateriellen Ebene. Die entscheidende Frage lautet hier: Zählt
man noch als volles Mitglied der Gesellschaft, wenn man keinen
schwarzen Anzug für eine Beerdigung hat? Oder sich als Schülerin
keine Markenjeans leisten kann?
Was
ist mit der Arbeitslosigkeit?
Das
Hauptproblem mit der Arbeitslosigkeit ist der soziale Ausschluss der
Arbeitslosen in einer Gesellschaft wie der unsrigen, die Anerkennung
oder soziale Zugehörigkeit über Arbeit vermittelt.Wenn
Millionen von Menschen gar nicht die Chance haben zu arbeiten, ist
dies ein moralischer Skandal. Damit befinden wir uns im roten
Bereich.
Wo
ist der Millionär, der keine sozialen Kontakte hat? Roter
Bereich? Grün?
Gerechtigkeit
verlangt nur, dass wir allen den Zugang zu einer bestimmten Schwelle
des guten Lebens eröffnen. Der Millionär könnte sich
ja bemühen, ein netter Mensch zu sein, und so Freunde oder einen
Liebespartner finden. Solange er die Möglichkeit dazu hat, gibt
es kein Gerechtigkeitsproblem. Also grün.
Gehen
wir noch ein paar Beispiele unter dem Aspekt der Gleichheit durch:
Behandlung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz.
Wenn
Frauen für die gleiche Arbeit immer noch schlechter bezahlt
werden als Männer, haben wir es mit der Verletzung eines
bestimmten Gerechtigkeitsstandards zu tun,nämlich dass Menschen
nach Leistung zu bezahlen sind, nicht nach Geschlecht.Geschlecht,
Hautfarbe und derartige Kriterien sollten für die Entlohnung
irrelevant sein. Sie sehen, ich muss hier gar nicht über
Gleichheit reden,weil es nicht darum geht,dass die Leistung der einen
an der Leistung des anderen gemessen wird. Ein anderer Punkt kommt
hinzu: Angesichts der Geschichte der Frauendiskriminierung ist auch
heute noch mit ungleicher Entlohnung das Signal verbunden, dass
Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Dies wiederum hat mit der
Menschenwürde zu tun, mit dem Recht der Frau auf volle
gesellschaftliche Zugehörigkeit und nicht mit Gleichheit.
Sind
Frauenquoten dann sinnvoll?
Wie
brauchbar Quoten sind, ist eher eine soziopolitische Frage denn eine
philosophische. Die Philosophin fragt: Gehört es zur
Menschenwürde, nicht diskriminiert zu werden, und warum? Welche
anderen Gerechtigkeitsstandards werden durch Diskriminierung
verletzt? Sitzt eine Diskriminierung in einer Gesellschaft so tief,
dass man für ihre Bekämpfung zu radikalen Maßnahmen
greifen muss, dann können, für eine gewisse Zeit, Quoten
gerechtfertigt sein.Aber kein Non-Egalitarist hat ein ungebrochenes
Verhältnis zu Quoten.Denn es ist gerecht, dass sich Leistung
auszahlt, nicht etwas anderes. Mit Quoten verunreinigen wir den
Gerechtigkeitsstandard, der sagt: Es geht nur nach Leistung.
Weiter:
Managergehälter im Vergleich zum Durchschnittsangestelltenlohn.
Neben
den Kriterien des menschenwürdigen Lebens gibt es noch ein
komplexes Netz von Verteilungskriterien,etwa das Leistungskriterium
oder das Kriterium der Kompensation für besonders unangenehme
Arbeit. Man muss sich fragen: Ist die Leistung eines Managers so viel
größer? Muss er für seinen besonderen Stress
Kompensation bekommen? Diese Fragen gehören in die
Wirtschaftsethik. Was soll der Markt,was kann er? Wie bringt man
Moral und Markt zusammen? Vor naiver Moralisierung und allzu
einfachen Antworten muss man sich hier hüten.
Zum
Dritten: Muss das Arbeitslosengeld im Westen und Osten gleich hoch
sein?
Man
kann das wollen, weil man gegen Diskriminierung ist und findet, dass
ein signifikanter Unterschied im Arbeitslosengeld einen Status
zweiter Klasse für die Menschen im Osten markiert. Auf der
anderen Seite steht die größere Kaufkraft eines Euro im
Osten. Man muss also beide Seiten prüfen und abwägen.Konkrete
Beispiele werfen uns in eine komplexe Argumentationslandschaft.
Sobald man diese Komplexität berücksichtigt, verlieren
einfache Lösungen nach dem Motto „Gleichheit“ ihre
Schlagkraft.
Werden
sich Egalitaristen und Non-Egalitaristen auf einen Umgang mit dem
Begriff „Gleichheit“ einigen?
Es
wird vielleicht noch zehn oder zwanzig Jahre dauern, aber dann wird
es argumentativ durchdekliniert sein:dass es der Gerechtigkeit im
Kern um Menschenwürde und Verteilungsgerechtigkeit geht. Und
dass Gleichheit damit nichts zu tun hat
Angelika
Krebs, 45, ist Professorin für Philosophie an der Universität
Basel. Zuletzt erschien von ihr Arbeit und Liebe. Die philosophischen
Grundlagen sozialer Gerechtigkeit.
Fotos: Anja Frers
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