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Kopfsache

Die Psychologin Claudia Quaiser-Pohl über Frauen und Männer

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Julia Decker | 15.1.2007

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Frauen reden viel, Männer denken nach. Frauen können mit Kindern umgehen, Männer mit Entscheidungen. Die Psychologin Claudia Quaiser-Pohl erklärt, was in unseren Köpfen wirklich vorgeht.

Frau Quaiser-Pohl, eine populäre Unterscheidung zwischen Männern und Frauen lautet: Männer sind rational Frauen emotional.

Das ist ein Klischee. In der Entwicklungspsychologie geht man davon aus, dass es eine Eigenschaft des Temperaments ist, ob jemand stark emotional reagiert. Und Temperamentsmerkmale sind angeboren. Der eine ist eher ein cooler Typ, den so schnell nichts aus der Reserve lockt, der andere kann von einer Sekunde auf die andere sehr schnell emotional reagieren. Ganz egal,ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Es ist ja wirklich nicht so, dass Männer keine Emotionen haben. Gehen Sie mal in ein Fußballstadion: Da können Männer sehr wohl jubeln und heulen.

Aber Frauen weinen mehr und schneller als Männer?

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Emotionales Verhalten wird bei Frauen stärker toleriert, deshalb sind sie aber nicht häufiger traurig. Aber wer wann Emotionen zeigt, das unterliegt gesellschaftlichen Regeln. Jungen lernen aufgrund gesellschaftlich vermittelter Rollenverhältnisse, dass sie nicht weinen dürfen, wenn sie sich wehgetan haben. Wenn aber Mädchen sofort weinen,wenn sie sich stoßen zum Beispiel,ist das völlig in Ordnung. Emotional zu reagieren hat bei Frauen auch oft eine Funktion. Sie haben nämlich gelernt, dass sie mit Heulen etwas erreichen: Die Männer werden dann weich.

Es ist neurowissenschaftlich bewiesen, dass Gehirne von Frauen besser vernetzt sind.

Ein Gehirn ist bei der Geburt nicht genauso zusammengesetzt wie im Alter von 60 Jahren, man nennt das die Plastizität des Gehirnes. Neurowissenschaftliche Untersuchungen setzen dann ein,wenn die Umwelt schon Einfluss auf das Gehirn genommen hat. Es gibt zwar vor der Geburt hormonelle Einflüsse, durch die weibliche Organismen leichter auf verbale Stimulation ansprechen. Aber schon gleich nach der Geburt wird mit Mädchen viel gesprochen und mit Jungen wird körperlicher umgegangen. Die Eltern geben ihr erlerntes Rollenverhalten weiter. Das führt dazu, dass sich in weiblichen Gehirnen bessere verbale Fähigkeiten bilden, die man an der größeren Vernetzung des Gehirnes erkennt.


Seit wann spricht man von der Ungleichheit von Mann und Frau?

Es gab schon immer Bücher über den Schwachsinn des Weibes und damit eine Grundlage dafür,dass in der Gesellschaft schon früh von der Ungleichheit von Mann und Frau gesprochen wurde. Schon weit vor dem 17. Jahrhundert.

Wie kam es dazu?

Sicher nicht,um die körperlich schwache Frau zu schützen. Eigentlich sind Frauen stärker als Männer.Männer haben durch das verkümmerte Y-Chromosom weniger genetische Informationen, sie sind häufiger von Krankheiten betroffen, und Missbildungen vor der Geburt findet man auch öfter bei männlichen Föten. Meiner Meinung nach wurde von Anfang an die Schwäche der Männer kompensiert, indem Frauen Schwächen zugeordnet wurden.

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Dann ist das angeblich schlechtere räumliche Vorstellungsvermögen der Frauen auch ein Klischee?

Frauen haben im Durchschnitt genauso viele Fähigkeiten, die man beim räumlichen Denken braucht,wie Männer.Nehmen wir zum Beispiel das Problem mit dem Einparken.Frauen parken schlechter ein, wenn sie dabei beobachtet werden. Und zwar nur deshalb,weil beim Einparken eine Schwäche von ihnen erwartet wird. Ein Mann kann vielleicht gar nicht so toll parken, aber weil er sich sicher fühlt und stolz ist auf seine Einparkfähigkeiten,wird es ihm gelingen, fehlerfrei zu parken. Ausschlaggebend ist also mehr die Einstellung zur Stärke und Schwäche als die tatsächlichen Stärken und Schwächen. Untersuchungen haben gezeigt: Transsexuelle Männer, die sich zu Frauen haben operieren lassen, konnten nach der Operation schlechter räumlich denken.Weil es von ihnen als Frau erwartet wurde, schlechter räumlich zu denken.

Wer hat damit angefangen, den Frauen zu erzählen, dass sie nicht so gut parken können?

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Es liegt wohl daran, dass dort, wo räumliche Vorstellung verlangt wird – in technischen Berufenoder in der Mathematik – , Frauen schon immer weniger vertreten waren. Man hat also nicht den Grund gesucht, warum es weniger Mathematikerinnen gibt, sondern hat einfach geschlossen: Es gibt wenige Frauen in technischen Berufen, also haben Frauen ein schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen. Dass die Frauen, statt an Hochschulen technische Fächer zu studieren, daheim auf die Kinder aufgepasst haben, hat niemand berücksichtigt. Aber das ist auch ein Grund,warum den Frauen bessere verbale Fähigkeiten zugeordnet wurden.

Können Sie das genauer erklären?

Frauen sprechen häufiger und besser, weil sie ja mit der Pflege und Erziehung der Kinder zu tun haben, da hilft Kommunikation ungemein.Und weil sie viel mehr soziale Kontakte pflegen müssen. Deshalb ist die Begründung ganz einfach: Übung macht den Meister.

Dann sind Männer doch Denker und Frauen Quasselstrippen?

In der Aussage ist das nicht falsch. Man muss nur beachten, wie es dazu gekommen ist:weil von den Frauen eine Kommunikationsfähigkeit erwartet wird und von Männern das Denken. Ich muss nicht erwähnen, dass es sehr viele brillante Mathematikerinnen gibt, die im stillen Kämmerlein sitzen und nicht viel sprechen.

Es gibt auch diese These: Männer gingen auf die Jagd,weil sie kräftiger waren. Und so wurden Rollenverteilungen über die Jahrhunderte weitergegeben.

Das ist inzwischen in der Wissenschaft sehr stark hinterfragt. Es gab auch Frauen, die körperlich in der Lage waren zu jagen. Ich wehre mich dagegen, die Ungleichheit durch die Evolution zu begründen.Wir können uns in diese Zeit gar nicht zurückversetzen, und es gibt kaum Dokumente: So kann man schön spekulieren, was da in der Steinzeit alles an Schwächen und Stärken gewesen ist und sich bis heute auswirkt.

Es gibt viele Berufe, die überwiegend von Männern oder von Frauen ausgeführt werden. Warum gibt es immer noch kaum Kindergärtner?

Das hat wieder mit gesellschaftlichen Erwartungen zu tun. Frauen wird eher die Fürsorge und der Umgang mit kleinen Kindern zugeschrieben. Das heißt aber nicht, dass Männer sich schlechter um Kinder kümmern als Frauen.Weil es aber bisher immer so war, dass der Beruf des Mannes auch ein gesellschaftliches Ansehen haben und den Unterhalt der Familie sichern sollte,gab es keine Kindergärtner:Als Erzieher bekommt man zu wenig Ansehen und zu wenig Geld.Oder:Inzwischen gibt es,anders als früher, kaum noch Grundschullehrer.Weil man zu wenig verdient und das Ansehen dieses Berufes gesunken ist.

Wie unterscheiden sich das Geschlechterverhalten und Klischees in anderen Kulturen?

Auf der koreanischen Insel Chejudo ziehen die Männer die Kinder groß.Die Frauen sind den ganzen Tag unterwegs,um nach Perlen zu tauchen. Da sie zierlicher sind als die Männer, können sie das viel besser. So hat sich über die Jahrhunderte herausgestellt, dass es sinnvoller ist, wenn Frauen den Lebensunterhalt verdienen. Und natürlich werden die Kinder nicht schlechter oder besser von ihren Vätern erzogen als woanders von Müttern.

Gibt es auch Unterschiede innerhalb Europas?

Die Kinderbetreuung ist zum Beispiel in Frankreich und Skandinavien besser geregelt als in Deutschland. Deshalb haben Frauen dort auch die Möglichkeit, weiterhin zu arbeiten, auch wenn sie Kinder haben. Die Folge ist, dass sich Frauen auch in Berufen durchsetzten, die eigentlich als männlich galten.

Unterscheiden sich Ost- und Westdeutschland?

Ja.Weil die Gleichstellung von Mann und Frau ein politisches Ziel war, gab es in der DDR eine Gleichberechtigung im Beruf. Es gab mehr Frauen in wichtigen Positionen als in Westdeutschland, weil die Kinderbetreuung besser organisiert war. Die Kehrseite darf man aber nicht vergessen: Die Frauen konnten sich nicht entscheiden, sie mussten arbeiten.Frauen,die in der DDR aufgewachsen sind,gehen daher selbstverständlicher mit Macht und leitenden Positionen um. Eine Frau im Kanzleramt ist sicher eine Auswirkung davon.

Wann ist es sinnvoll, die Ungleichheit zu akzeptieren?

Es muss eine Rollenaufteilung geben,in jeder Partnerschaft und auch in der Gesellschaft. Es ist nur die Frage, ob man als Begründung für eine Aufteilung immer das Geschlecht heranziehen muss. Untersuchungen von Paarbeziehungen zeigen,unabhängig vom Geschlecht, ganz klar: Gleich und Gleich gesellt sich nicht gern. Man sollte sich gegenseitig ergänzen.Aber jeder sollte die gleichen Chancen haben, sich und seine Fähigkeiten zu entwickeln.

Also ist es nicht in allen Situationen sinnvoll, wenn sich die Geschlechter immer mehr angleichen?

Es hilft niemandem, wenn jeder versucht, alles zu können und alles zu machen.

Was ist das Gefährlichste an der gelernten Ungleichheit von Mann und Frau?

Es ist zwar schwierig,aber man sollte sich mehr bemühen,genau hinzuschauen,und die Individualität des Einzelnen in den Vordergrund stellen. Allein mit dem Geschlecht Stärken und Schwächen zu begründen, damit sollte man einfach aufhören.

Claudia Quaiser-Pohl, 41, ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Siegen. Von ihr erschien zuletzt: Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben (2004).

Illustration: Thomas Kartsolis

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Kommentare (4)

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dein bild Salvatore | 09.11.2007 16:59:23

Wenn ich dieses Interview so lese, habe ich das Gefühl, dass Männern in der Öffentlichkeit sehr viel zugetraut wird: sie sind rational, sie sind Denker, sie können gut einparken usw, Frauen hingegen wird eher wenig zugetraut. Komisch. Bisher hatte ich den Eindruck, die Öffentlichkeit(vertreten durch Medien, aber auch in alltäglichen Situationen) sei der Meinung, Männer seien dumpfe, triebgesteuerte, gewalttätige, irgendwie defizitäre Wesen, während Frauen vernetzt, empathisch, sozial und ähliche schöne Dinge sind. Wenn jetzt die Interviewte sagt, Frauen seien besser als ihr Ruf, Männer nicht so gut, wundere ich mich doch. Der Ruf, den Männer in unserer Gesellschaft geniessen, kann doch eigentlich eigentlich schlechter gar nicht mehr sein. Währeddessen kommen Frauen so gut weg, dass es schon fast unwirklich erscheint. Wie kommt denn eine solche Diskrepanz zustande?
Ein wenig habe ich das Gefühl, es wird gesagt: "Männer und Frauen sind genau gleich, allerdings sind Frauen besser." Tut mir leid. Mit meiner unvernetzt-eingleisigen männlichen Logik komm ich auf den Gedanken: Da stimmt doch was nicht.

Ciao
Salvatore

dein bild Nickname | 10.11.2007 18:13:09

Da geht es mir ähnlich. Ich dachte ja, die Sache mit dem "verkrüppelten Y-Chromosom" sei längst unumstritten widerlegt.

Es will sich mir nicht erschließen, warum einerseits alles Kopfsache sein soll, andererseits bei Männern in die biologistische Mottenkiste gegriffen wird.

Wir Männer scheinen da tatsächlich ein eklatantes Erkenntnisproblem zu haben..

dein bild Nickname | 13.11.2007 10:48:26

Also, je länger ich darüber nachdenke, umso größer wird mein Erkenntnisproblem! Eine Frage treibt mich dabei fast zur Verzweiflung: Woher haben Frauen ihr Mehr an Genen?

Wie ich aus dem Biologieunterricht in der 10. Klasse weiß, kommt Geschlechtschromosom doch vom Vater. Im X-Chromosom, dass ja das Mehr an Genen enthalten müsste, können also nur Gene vom Vater sein. Was der nicht hat, das kann der doch eigentlich auch nicht weitergeben, oder?

Oder denkt sich die weibliche Evolution die Gene stets aufs Neue aus, um die vermeintliche Unterlegenheit des 23. XX-Chromosoms zu kompensieren?

Liest hier ein Mensch mit XX-23-Alphamädchenchromosom mit, und kann das Rätsel lösen?

Verzweifelt,

Nickname

dein bild Kim | 14.04.2009 17:57:22

"Untersuchungen haben gezeigt: Transsexuelle Männer, die sich zu Frauen haben operieren lassen, konnten nach der Operation schlechter räumlich denken.Weil es von ihnen als Frau erwartet wurde, schlechter räumlich zu denken."

Das Problem dabei ist: Diese umoperierten Männer waren gar keine Männer sondern Frauen, da man das Geschlecht eines Menschen nicht wandeln kann sondern höchstens die Genitalien, Hormonwerte etc. Solange Geschlecht am Vorhandensein oder Fehlen eines Penis fest gemacht wird, kann es mit einem starken Frauenbewusstsein, das nötig ist sich von patriarchalem Denken zu lösen, nicht weit her sein.

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