Frauen reden viel, Männer denken
nach. Frauen können mit Kindern umgehen, Männer mit
Entscheidungen. Die Psychologin Claudia Quaiser-Pohl erklärt,
was in unseren Köpfen wirklich vorgeht.
Frau Quaiser-Pohl, eine populäre
Unterscheidung zwischen Männern und Frauen lautet: Männer
sind rational Frauen emotional.
Das ist ein Klischee. In der
Entwicklungspsychologie geht man davon aus, dass es eine Eigenschaft
des Temperaments ist, ob jemand stark emotional reagiert. Und
Temperamentsmerkmale sind angeboren. Der eine ist eher ein cooler
Typ, den so schnell nichts aus der Reserve lockt, der
andere kann von einer Sekunde auf die andere sehr schnell emotional
reagieren. Ganz egal,ob man nun eine Frau oder ein Mann ist. Es ist
ja wirklich nicht so, dass Männer keine Emotionen haben. Gehen
Sie mal in ein Fußballstadion: Da können Männer sehr
wohl jubeln und heulen.
Aber Frauen weinen mehr und
schneller als Männer?
Emotionales Verhalten wird bei Frauen
stärker toleriert, deshalb sind sie aber nicht häufiger
traurig. Aber wer wann Emotionen zeigt, das unterliegt
gesellschaftlichen Regeln. Jungen lernen aufgrund gesellschaftlich
vermittelter Rollenverhältnisse, dass sie nicht weinen dürfen,
wenn sie sich wehgetan haben. Wenn aber Mädchen sofort
weinen,wenn sie sich stoßen zum Beispiel,ist das völlig in
Ordnung. Emotional zu reagieren hat bei Frauen auch oft eine
Funktion. Sie haben nämlich gelernt, dass sie mit Heulen etwas
erreichen: Die Männer werden dann weich.
Es ist neurowissenschaftlich
bewiesen, dass Gehirne von Frauen besser vernetzt sind.
Ein Gehirn ist bei der Geburt nicht
genauso zusammengesetzt wie im Alter von 60 Jahren, man nennt das die
Plastizität des Gehirnes. Neurowissenschaftliche Untersuchungen
setzen dann ein,wenn die Umwelt schon Einfluss auf das Gehirn
genommen hat. Es gibt zwar vor der Geburt hormonelle Einflüsse,
durch die weibliche Organismen leichter auf verbale Stimulation
ansprechen. Aber schon gleich nach der Geburt wird mit Mädchen
viel gesprochen und mit Jungen wird körperlicher umgegangen. Die
Eltern geben ihr erlerntes Rollenverhalten
weiter. Das führt dazu, dass sich in weiblichen Gehirnen bessere verbale
Fähigkeiten bilden, die man an der größeren
Vernetzung des Gehirnes erkennt.
Seit
wann spricht man von der Ungleichheit von Mann und Frau?
Es
gab schon immer Bücher über den Schwachsinn des Weibes und
damit eine Grundlage dafür,dass in der Gesellschaft schon früh
von der Ungleichheit von Mann und Frau gesprochen wurde. Schon weit
vor dem 17. Jahrhundert.
Wie
kam es dazu?
Sicher
nicht,um die körperlich schwache Frau zu schützen.
Eigentlich sind Frauen stärker als Männer.Männer haben
durch das verkümmerte Y-Chromosom weniger genetische
Informationen, sie sind häufiger von Krankheiten betroffen, und
Missbildungen vor der Geburt findet man auch öfter bei
männlichen Föten. Meiner Meinung nach wurde von Anfang an
die Schwäche der Männer kompensiert, indem Frauen Schwächen
zugeordnet wurden.
Es
liegt wohl daran, dass dort, wo räumliche Vorstellung verlangt
wird – in technischen Berufenoder in der Mathematik – , Frauen
schon immer weniger vertreten waren. Man hat also nicht den Grund
gesucht, warum es weniger Mathematikerinnen gibt, sondern hat einfach geschlossen:
Es gibt wenige Frauen in technischen Berufen, also haben Frauen ein
schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen. Dass die
Frauen, statt an Hochschulen technische
Fächer zu studieren, daheim auf die Kinder aufgepasst haben, hat
niemand berücksichtigt. Aber das ist auch ein Grund,warum den
Frauen bessere verbale Fähigkeiten
zugeordnet wurden.
Können
Sie das genauer erklären?
Frauen
sprechen häufiger und besser, weil sie ja mit der Pflege und
Erziehung der Kinder zu tun
haben, da hilft Kommunikation ungemein.Und weil sie viel mehr soziale
Kontakte pflegen müssen. Deshalb ist die Begründung ganz
einfach: Übung macht den Meister.
Dann
sind Männer doch Denker und Frauen Quasselstrippen?
In
der Aussage ist das nicht falsch. Man muss nur beachten, wie es dazu
gekommen ist:weil von den Frauen eine Kommunikationsfähigkeit
erwartet wird und von Männern das Denken. Ich muss nicht
erwähnen, dass es sehr viele brillante Mathematikerinnen gibt,
die im stillen Kämmerlein sitzen und nicht viel sprechen.
Es
gibt auch diese These: Männer gingen auf die Jagd,weil sie
kräftiger waren. Und so wurden Rollenverteilungen über die
Jahrhunderte weitergegeben.
Das
ist inzwischen in der Wissenschaft sehr stark hinterfragt. Es gab
auch Frauen, die körperlich
in der Lage waren zu jagen. Ich wehre mich dagegen, die Ungleichheit
durch die Evolution zu begründen.Wir können uns in diese
Zeit gar nicht zurückversetzen, und es gibt kaum Dokumente: So
kann man schön spekulieren, was da in der Steinzeit alles an
Schwächen und Stärken gewesen ist und sich bis heute
auswirkt.
Es
gibt viele Berufe, die überwiegend von Männern oder von
Frauen ausgeführt werden. Warum
gibt es immer noch kaum Kindergärtner?
Das hat wieder mit gesellschaftlichen
Erwartungen zu tun. Frauen wird eher die Fürsorge und der Umgang
mit kleinen Kindern zugeschrieben. Das heißt aber nicht, dass
Männer sich schlechter um Kinder kümmern als Frauen.Weil es
aber bisher immer so war, dass der Beruf des Mannes auch ein
gesellschaftliches Ansehen haben und den Unterhalt der Familie
sichern sollte,gab es keine Kindergärtner:Als Erzieher bekommt
man zu wenig Ansehen und zu wenig Geld.Oder:Inzwischen gibt es,anders
als früher, kaum noch Grundschullehrer.Weil man zu wenig
verdient und das Ansehen dieses Berufes gesunken ist.
Wie unterscheiden sich das
Geschlechterverhalten und Klischees in anderen Kulturen?
Auf der koreanischen Insel Chejudo
ziehen die Männer die Kinder groß.Die Frauen sind den
ganzen Tag unterwegs,um nach Perlen zu tauchen. Da sie zierlicher
sind als die Männer, können sie das viel besser. So hat
sich über die Jahrhunderte herausgestellt, dass es sinnvoller
ist, wenn Frauen den Lebensunterhalt verdienen. Und natürlich
werden die Kinder nicht schlechter oder besser von ihren Vätern
erzogen als woanders von Müttern.
Gibt es auch Unterschiede innerhalb
Europas?
Die Kinderbetreuung ist zum Beispiel in
Frankreich und Skandinavien besser geregelt als in Deutschland.
Deshalb haben Frauen dort auch die Möglichkeit, weiterhin zu
arbeiten, auch wenn sie Kinder haben. Die Folge ist, dass sich Frauen
auch in Berufen durchsetzten, die eigentlich als männlich
galten.
Unterscheiden sich Ost- und
Westdeutschland?
Ja.Weil die Gleichstellung von Mann und
Frau ein politisches Ziel war, gab es in der DDR eine
Gleichberechtigung im Beruf. Es gab mehr Frauen in wichtigen
Positionen als in Westdeutschland, weil die Kinderbetreuung besser
organisiert war. Die Kehrseite darf man aber nicht vergessen: Die
Frauen konnten sich nicht entscheiden, sie mussten
arbeiten.Frauen,die in der DDR aufgewachsen sind,gehen daher
selbstverständlicher mit Macht und leitenden Positionen um. Eine
Frau im Kanzleramt ist sicher eine Auswirkung davon.
Wann ist es sinnvoll, die
Ungleichheit zu akzeptieren?
Es muss eine Rollenaufteilung geben,in
jeder Partnerschaft und auch in der Gesellschaft. Es ist nur die
Frage, ob man als Begründung für eine Aufteilung immer das
Geschlecht heranziehen muss. Untersuchungen von Paarbeziehungen
zeigen,unabhängig vom Geschlecht, ganz klar: Gleich und Gleich
gesellt sich nicht gern. Man sollte sich gegenseitig ergänzen.Aber
jeder sollte die gleichen Chancen haben, sich und seine Fähigkeiten
zu entwickeln.
Also ist es nicht in allen
Situationen sinnvoll, wenn sich die Geschlechter immer mehr
angleichen?
Es hilft niemandem, wenn jeder
versucht, alles zu können und alles zu machen.
Was ist das Gefährlichste an
der gelernten Ungleichheit von Mann und Frau?
Es ist zwar schwierig,aber man sollte
sich mehr bemühen,genau hinzuschauen,und die Individualität
des Einzelnen in den Vordergrund stellen. Allein mit dem Geschlecht
Stärken und Schwächen zu begründen, damit sollte man
einfach aufhören.
Claudia Quaiser-Pohl, 41, ist
Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität
Siegen. Von ihr erschien zuletzt: Warum Frauen glauben, sie könnten
nicht einparken – und Männer ihnen Recht geben (2004).
Illustration: Thomas Kartsolis
Kommentare
Dein Kommentar