Julia Gerlach: Zwischen Pop und Dschihad
Der “Pop-Islam“ kommt
Kerstin Fritzsche | 5.1.2007
"Jung. Männlich. Muslim."
Diese drei Schlagworte reichen aus, meint die Journalistin Julia Gerlach, um im
Westen Angst und Zurückhaltung zu verbreiten. Eine paradoxe Situation: Kaum jemand kennt die hier lebenden Muslime und Muslimas wirklich. Jedoch ist der
Schock aufgrund der Anschläge in New York, Madrid,
Istanbul und London so groß,
dass sich kaum eine/r mehr die Mühe machen will, das eigene Misstrauen zu
überwinden und die türkische Nachbarsfamilie oder den Studienkollegen aus dem
Irak kennen zu lernen.
"Nach einer Umfrage des Allensbach-Instituts vom Mai 2006
rechnet knapp die Hälfte der Befragten mit einem größeren Anschlag in der
Bundesrepublik", schreibt Gerlach, "42 Prozent vermuten unter den in
Deutschland lebenden Muslimen Terroristen." Das ist sozialer Sprengstoff; ein
Teufelskreis, wenn wir nicht handeln, so Gerlach. Denn: "Die Angst hat reale
Ursachen." Aber die Angst macht auch misstrauisch – und zieht die Ausgrenzung
junger Muslime und Muslimas mit sich.
Aus beiden Welten das Beste?
Dabei bietet gerade die
jetzige Generation muslimischer Jugendlicher unglaubliche Chancen für Integration und
Verständigung, verdeutlicht Gerlach. Denn diese Generation geht gleichermaßen
selbstverständlich mit traditionellen familiären Werten aus dem Orient um wie
mit kulturellen Praktiken und Attributen einer globalisierten Popkultur aus dem
Okzident. "Du kannst beides haben", zitiert Gerlach den jungen Moez Massoud,
der in
Kairo die
Amerikanische Universität besuchte und danach ein
IT-Unternehmen gründete: "Es ist genau diese Dualität, welche die islamische
Welt braucht, damit sie vorankommt und ihr schlechtes Image los wird. Religiös
zu sein bedeutet nicht, dass man sich von der Welt abschottet." Denn das machen ja
christliche Jugendliche auch nicht.
Vor allem
junge Muslime und Muslimas sehen sich als Opfer. Es ist kein Wunder, so
verdeutlicht Gerlachs Beschreibung vom Jungsein in der arabischen Welt, dass
viele denken, der Westen führe Krieg gegen den Islam, während ihr Bild des
Palästinakonflikts durch die einseitige Berichterstattung der arabischen Medien
weiter eindimensional bleibt.
Ein frei gewählter Lebensstil
Daher lassen sich wieder mehr
muslimische Jugendliche auf den Islam ein. Auf einen Islam, der ihrer Meinung
nach die Welt verbessern kann und sollte. Der mit eigenen TV-Sendern und
witzig-frommen TV-Serien der Freizügigkeit westlicher Fernsehsender
entgegentritt. Der Stiftungen und Koran-Schulen gründet und so Unsicherheiten
aus dem Weg räumt und Orientierung bietet. Und der Engagement fördert, um
Vorurteile abzubauen.
"Pop-Islam" nennt die Autorin
diese neue Bewegung, die mehr ist als der Spagat zwischen Tradition und
Moderne: nämlich ein zunehmend frei gewählter und selbst erworbener Lebensstil.
Natürlich hat die rasante Digitalisierung ihre Finger mit im Spiel: "Der
Pop-Islam ist global: Egal ob die jungen Muslime in Kairo, Singapur oder
Berlin zu Hause sind, sie fühlen sich zugehörig zu einer großen Gemeinschaft.
Sie schauen die gleichen TV-Programme, hören die gleiche Musik und tragen
ungefähr die gleiche Mode. Sie verbindet, dass sie im Koran nach dem Sinn des
Lebens suchen, die moralische Dekadenz des Westens ablehnen und sich über die
Nahostpolitik der USA ärgern."
Muslimische Jugendliche in
Deutschland
Auch in Deutschland macht
sich dieser Pop-Islam bemerkbar. Die Zusammenhänge dieser Bewegung sind
allerdings global: Amr Kahled, der in einer eigenen Sendung im saudisch
finanzierten
Iqra-TV eine Art Mitmach-Islam predigt, und Scheich Yusuf al
Qaradawi, einer der bekanntesten Islamgelehrten der arabischen Welt mit einer wöchentlichen
Sendung auf
Al Dschasira, sind wie überall auf der Welt auch die Stars der
deutschen Pop-Muslime. Mögen ihre Wurzeln die in vielen Ländern offiziell
verbotenen
Muslimbrüder sein, oder bei türkisch geprägten Initiativen die vom
Verfassungsschutz kritisch beäugte Organisation
Milli Görüs – die meisten
Jugendlichen, die Gerlach befragte, fühlen sich irgendeiner Vereinigung
verpflichtet oder gründen sogar selbst eine.
Die am schnellsten wachsende neue
Vereinigung sind die Lifemakers nach dem Vorbild der von Amr Khaled in Ägypten
gegründeten gleichnamigen Bewegung. Die Lifemakers haben keine festen
Strukturen und sind je nach lokaler Lage in jedem Land anders ausgeprägt. Die
Idee dahinter ist simpel: die Welt verändern. Lifemakers Deutschland versucht
das hauptsächlich durch Speisungen von Obdachlosen, betreibt aber auch in
München Computerkurse für arbeitslose Jugendliche und organisiert
Besuchsdienste für Ältere. Unter jungen Muslimen und Muslimas ist die Gruppe so
populär, weil sie hier Glauben mit Handeln verbinden können und Brücken bauen helfen. "Wenn wir etwas für die Menschen tun, werden wir Wohlgefallen erlangen",
beschreibt es der 19-jährige Mimoun.
Zum anderen ist
Bikulturalität für die meisten ein wichtiger Faktor. Immer mehr junge Muslime
und Muslimas fühlen sich auch als Deutsche und wollen das zeigen. Sie haben
genau wie andere Jugendliche offene Fragen, wollen sich abgrenzen von alten
Traditionen und halten diesen gleichzeitig die Treue. Diese Neuorientierung
nutzen Organisationen wie die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) und die
Jugendorganisationen von Milli Görüs mit ihren Angeboten, was viele Deutsche
sehr kritisch sehen. Zwar distanzieren sich alle von Gerlach befragten
Jugendlichen von Gewalt. Aber wie soll man von außen erkennen, ob ein Muslim
nur die Moschee einer Organisation nutzt oder ob er sich bereits für den
Dschihad hat "missionieren" lassen? Überall dort, wo dem Religiösen viel Platz
eingeräumt wird, kann die Demokratie, die auf der Trennung von Religion und
Staat beharrt, in Gefahr sein.
Mehrdeutige Positionen
Julia Gerlach findet es
selber mitunter schwierig, Tendenzen in der arabischen Welt angemessen zu
beurteilen – schließlich sind die Wertigkeiten oft andere als in Europa.
So wäre es etwa möglich, meint sie, sich "in Glaubens- und Lebensstilfragen auf
Scheich Qaradawi zu berufen und zugleich seine Befürwortung von
Selbstmordattentaten gegen israelische Bürger abzulehnen" – man sollte nur
unbedingt diese Differenzierung einfordern und als muslimische Jugendliche gegenüber den
Deutschen deutlich machen.
Das Thema Israel, findet
Gerlach, ist überhaupt eine Art Gradmesser für das Verhältnis von Islam und
Gewalt. Und warnt: Wenn wir uns diesem Thema nicht ernsthaft stellen,
überlassen wir das Feld selbst ernannten Propheten und Verschwörungstheoretikern
– und die Jugend, auf beiden Seiten, den Missionaren. Und ebenfalls kritisch
sieht die Autorin das Wiedererstarken von Religion und Vorurteilen auch auf
christlicher Seite. Umso wichtiger sei es, dass der Staat seine Neutralität
bewahre und ein Forum biete für das Miteinander verschiedener Lebenskonzepte.
Der ernsthafte Dialog mit dem
Pop-Islam wäre ein Weg – auch wenn er bis jetzt als Jugendbewegung eine
Minderheit ist. Noch. Handfeste Lösungen erwartet Gerlach allerdings von der
deutschen Politik: die Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft in
Deutschland, Islam-Unterricht auf Deutsch, die Berücksichtigung von
Herkunftsvielfalt in Lehrplänen und eindeutige Regelungen anstatt generelles
Kopftuchverbot. Genau das macht Gerlachs Buch so unglaublich interessant: Sie
erkennt nicht nur eine neue Bewegung, sie setzt sich auch vielschichtig mit den
Problemen auseinander und spricht ohne Scheu auch kritische Punkte an.
Gleichzeitig ist ihr Buch – ergänzt durch ein umfangreiches Glossar – auch
leicht verständlich.
Der Kulturkonflikt existiert
nicht
Gerlachs Buch ermutigt zu
Blicken über den Tellerrand. Denn, so Gerlachs Fazit: "Das Erschreckende […]
ist, dass der Kulturkonflikt nur dadurch existiert, dass die Menschen an ihn
glauben. Bei genauerer Betrachtung sind es weniger die kulturellen und
religiösen Unterschiede, welche die Ursache für die Konflikte in und mit der
islamischen Welt sind. Machtpolitik, Rohstoffverteilung und
Wirtschaftsinteressen verbergen sich dahinter. Wir können es uns nicht leisten,
in die Falle des Kulturkonflikts zu tappen."
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Julia Gerlach:
Zwischen Pop und Dschihad. Muslimische Jugendliche in Deutschland (Christoph
Links Verlag 2006, 16.90 €)
Kerstin
Fritzsche ist Literaturredakteurin des hannoverschen Stadtmagazins Stadtkind.
www.was-haeltst-du-vom-westen.de
Julia Gerlachs Foto-Interview-Projekt "Was hältst du vom Westen?" (deutsch, englisch, arabisch)
www.mj-net.de
Muslimische
Jugend in Deutschland e.V.
www.qantara.de
Ein Artikel auf qantara.de
über Amr Khaled und die Lifemakers
www.goethe.de/li-lak
"Li-Lak", die
deutsch-arabische Jugendwebsite des Goethe-Instituts (deutsch, arabisch)