Eine Frau? Später, nicht jetzt!

Der Student Mohamad über sein Leben nach dem Islam

16.12.2006 | Nicole Asmuth
Mohamad Abdel Rahim, 21, aus Kairo, über sein Studium, Jobs und den Islam.
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"Religion ist das Wichtigste, dann kommt die Familie und dann nichts mehr", findet Mohamad Abdel Rahim, 21, der an der Fakultät für Sprachen und Übersetzung an der Al-Azhar Universität in Kairo Deutsch studiert. Ein Gespräch über den muslimischen Glauben und das richtige Leben, Sex vor der Ehe und darüber, dass seine Ehefrau einmal wie eine Königin daheim bleiben soll.

Mohamad, warum studierst du eigentlich Deutsch?

Eigentlich wollte ich Englisch studieren. Aber dann habe ich Deutsch gehört und der Akzent hat mir so gefallen, dass ich zwei Monate lang in einem Kurs versucht habe, Deutsch zu lernen. Ich habe angefangen, mich mit der deutschen Literatur zu beschäftigen, und dann habe ich an der deutschen Abteilung der Al-Azhar begonnen zu studieren.

Ist studieren teuer in Ägypten?

In Ägypten kostet das Studium nur zehn Pfund pro Jahr. Das ist billig. Aber die Bücher kosten sehr viel und du kannst nicht viel kopieren, die Professoren wollen, dass du ihre Bücher kaufst. So ein Buch kostet zehn, zwanzig oder dreißig Pfund. Ganz teuer sind in Ägypten die Wörterbücher. Der Duden zum Beispiel kostet 300 ägyptische Pfund. Mein Vater unterstützt mich. Aber ich muss nebenher auch noch arbeiten. Ich arbeite in einer deutschen Firma als Reiseführer. Wir machen Safaris in der Wüste.

Wenn du mit dem Studium fertig bist, was willst du dann machen?

Ich werde dieses Jahr fertig. Ich mache meine Magisterarbeit. Und dann? Ein Traum von mir ist es, am Flughafen zu arbeiten. Es gibt deutsche Firmen am Flughafen, die brauchen Hilfe im Büro. Ich habe da schon nachgefragt, aber sie haben gesagt, ich muss zwei Sprachen sprechen, neben Deutsch noch Englisch, und ich muss prima am Computer sein. Deswegen beginne ich nächste Woche einen dreimonatigen Computerkurs. Dann mache ich noch einen Englischkurs.

Wie siehst du deine Zukunft?

Ich habe in einer Zeitung eine Diskussion gelesen, ob man erst heiraten oder erst sparen soll. Meiner Meinung nach muss ich zuerst arbeiten und erst, wenn ich eine Wohnung habe und einen guten Job habe und wenn ich dann eine gute Frau finde, kann ich heiraten. Vielleicht so mit dreißig. (lacht!) Aber ich muss das andere erst vorher schaffen.

Und bis dahin willst du keinen Sex haben?

Es geht dabei um die Religion. Die Religion verbietet die sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau vor der Ehe. Nach der Hochzeit können wir das machen. Ich könnte auch jetzt heiraten. Mein Vater würde mir helfen. Nichts hindert mich daran, jetzt zu heiraten. Aber ich will das nicht. Ich muss eben Geduld haben, bis ich einen guten Job habe. Außerdem habe ich noch keine passende Frau gefunden – weil ich auch noch nicht gesucht habe. Ich habe viele Freundinnen, aber das ist nicht so wie in Deutschland. Du verstehst schon. Wir unterhalten uns. Wir treffen uns im Klub. Aber eine Ehefrau? Später, nicht jetzt.

Wie sieht denn die ideale Ehefrau für dich aus?

Sie muss echte Muslima sein. Die Allah fürchtet, immer ehrlich mit mir ist. Wenn ich zum Beispiel in Deutschland wäre und sie wäre in Kairo, müsste sie mein Vermögen und meine Kinder gut behüten können.

Darf sie arbeiten?

Besser nicht. Das bringt natürlich mehr Geld, aber ich finde, sie sollte wie eine Königin in meinem Haus leben und ich verdiene das Geld für sie. Ich weiß, dass das in Deutschland anders ist.

Wie findest du es, dass Männer und Frauen in Deutschland eine Beziehung führen, ohne verheiratet zu sein?

Meiner Meinung nach ist das schlecht. Das ist nicht das Leben, das ich mir vorstelle. Du hast zum Beispiel einen Freund und nach drei Monaten streitet ihr euch und er sagt, "geh weg, lass mich in Ruhe". Was hättest du von so einer Beziehung. Dann kommt der nächste Mann dran. Und wenn da ein Kind ist und man streitet sich und dann sagt einer, nimm dein Kind und geh. Was ist dann mit dem Kind? Aber hier habe ich meine eigene Frau und sie hat ihren eigenen Mann. Das ist Liebe. Du kannst das aber nur begreifen, wenn du hier lange gelebt hast. Ein Deutscher sagt vielleicht, unsere Gesellschaft ist rückständig. Sie erlauben keine Beziehung zwischen Mann und Frau vor der Hochzeit. Sie erlauben es nicht, schwul zu sein in unserer Stadt. Aber wenn er unter uns lebte, bin ich sicher, würde er das verstehen und würde später mit uns die europäische Gesellschaft kritisieren. Das Leben hier ist ganz einfach, einfacher als in Deutschland.

Wie meinst du das?

Ich habe da eine Freundin im Internet, die hat mir erzählt, dass sie von ihrem Freund verlassen worden ist. Ich habe ihr gesagt, vielleicht findest du einen anderen Freund, der besser für dich ist. Nach einiger Zeit schrieb sie mir, sie habe einen anderen Freund gefunden. Ich habe sie gefragt, ob sie ihn heiratet. Sie hat gesagt, nein, er ist nur ein Freund. Warum ist sie dann traurig, wenn sie so einer verlässt. Sie hat mir auch etwas anderes erzählt von einem Jungen, der 17 ist und jetzt Vater geworden ist. Er will seine Freundin jetzt verlassen, weil er meint, einen großen Fehler gemacht zu haben. In unserer Gesellschaft gibt es so was nicht. Da gibt es Grenzen.

Wie wichtig ist dir Religion?

Religion ist die wichtigste Sache in meinem Leben. Ich muss das erklären, weil ihr das immer falsch versteht. Religion ist das Wichtigste, dann kommt die Familie und dann nichts mehr. Ich versuche, mich an alle Regeln zu halten, aber das ist schwer. Die kleinste Sache ist das Beten und das Fasten im Ramadan. Es ist aber auch wichtig, ein guter Mensch zu sein, ein guter Arbeiter, freundlich zu sein mit den anderen Menschen. Aber wie gesagt, du musst hier leben, um das zu verstehen.

In Europa glauben viele Jugendliche nicht mehr an Gott. Was hältst du davon?

Ich habe in Polen Jugendliche getroffen, die nicht an Gott glauben. Aber das Schlimmste ist, dass sie kein Ziel haben. Sie glauben nur an die Moral. An sonst nichts, nicht an Gott und nicht an Jesus. Ich glaube an Mohammed, für mich gibt es Allah. Ich muss also gut sein, dann wird Allah mich nicht bestrafen. Aber wenn in Polen die Jugendlichen nicht an Gott glauben, welches Ziel haben sie dann? Nur arbeiten und Geld verdienen? Was ist dann an ihrem letzten Tag, was haben sie für diesen Tag gemacht?

Welcher Unterschied besteht zwischen dir und den Jugendlichen in Ägypten, die den Muslimbrüdern nahe stehen?

Die Muslimbrüder versuchen, unsere Gesellschaft zu verbessern mit der Religion. Aber es gibt auch einige, die ganz schön anstrengend sind. Nicht radikal, aber anstrengend. Einmal war ich mit einem Freund, der sehr religiös ist, zusammen und habe durch Zufall eine Freundin auf der Straße getroffen. Ich wollte kurz mit ihr sprechen, aber er sagte: "Nein, das ist verboten." Später habe ich gefragt, ob wir in einen Klub gehen wollen. Er hat wieder nein gesagt: "Das ist Verführung." Er hat gesagt: "Später machst du etwas Falsches", und er meinte damit, später schlafe ich mit einer Frau aus dem Klub. Aber ich habe ihm gesagt, nein, so ein Mann bin ich nicht. Ich weiß, dass der Sex nach der Hochzeit kommt.

Wärst du für eine Trennung von Staat und Religion?

Jetzt gibt es in Ägypten eine Trennung zwischen Religion und Staat. Ich fände es aber anders besser. Zum Beispiel wenn ein Mann etwas stehlen will. Wenn er ein guter Moslem ist, wird er wissen, dass das im Islam verboten ist, und er wird sagen, nein, dass mache ich nicht. Aber mit der Trennung, was passiert: Er stiehlt zwei Millionen und geht ein Jahr ins Gefängnis. Ist OK. Die Religion aber macht das Volk besser.

Und was ist mit den Anschlägen im Namen Allahs?

Ich glaube, die Leute, die Terroraktionen machen, sind keine Muslime. Sie sind Anhänger einer Organisation, die eine Trennung zwischen Muslimen und Christen wollen, eine Trennung zwischen Orient und Okzident. Ich glaube, es gibt keinen Moslem, der das akzeptieren würde. Ich, mein Vater, das ganze Volk nicht.

Nutzen junge Menschen für ihre Religion das Internet?

Ich habe im Ramadan selbst einige religiöse Seiten gelesen. Zum Beispiel die Geschichte des Propheten. Das hilft mir schon. Es gibt viele arabische und muslimische Foren im Internet. Viele Fragen werden auf den Seiten beantwortet. Wie kann ein Moslem gut beten: Was nutzt ein Kopftuch für die Frauen. Warum sollen Frauen nicht in der Öffentlichkeit mit Männern sprechen. Wie sieht der Respekt für die Frauen aus. Wie die Beziehung zwischen Mann und Frau nach der Heirat. Das Internet hilft uns, solche Fragen zu beantworten.

Und liest du auch westliche Medien?

Ja, ich lese zum Beispiel Spiegel online. Jeden Morgen lese ich Al Ahram (Anmerkung: führende Zeitung des Landes) und den Spiegel, wenn ich Zeit habe. Aber nur den Spiegel. Ich interessiere mich nicht dafür, was in Amerika oder Britannien passiert. Aber ich lese die Nachrichten, um zu wissen, was in Deutschland passiert und was die Deutschen über die arabische Welt schreiben. Einmal zum Beispiel habe ich auf Spiegel online gelesen, dass ein Gebäude in Ägypten eingebrochen ist. Am nächsten Tag habe ich es hier in einer Zeitung gelesen. Da war Spiegel online schneller.

(Interview: Nicole Asmuth)

Foto: Autorin


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www.wikipedia.org
Informationen zum Land und seinen Menschen auf Wikipedia

www.auswaertiges-amt.de
Das Auswärtige Amt über Politik und Geschichte Ägyptens

www.sis.gov.eg
Und schließlich: die Homepage des ägyptischen Informationsministeriums