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Gesang ist Dasein

Wie klingen eigentlich die Religionen?

17.1.2005 | Susanne Sitzler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Schon immer gehörten Gesang und Musik zu den Gottesdiensten vieler Religionen dazu. fluter stellt vier Hörproben vor.

Angelika Hilgers, 23 Jahre, hat im Sommer ihr Examen für katholische Religion abgeschlossen

Angelika hat in Köln studiert und im Wohnheim der katholischen Hochschulgemeinde (KHG) gewohnt. Irgendwann besuchte sie in der angeschlossenen katholischen Kirche den Gottesdienst. Die Atmosphäre dort und besonders der geistliche Chor haben ihr so gut gefallen, dass sie beschloss, mitzusingen. Seit 3 Jahren ist sie nun regelmäßig dabei. "Hier sind sehr viele junge Leute, nichts wird oktroyiert und es ist nicht so verstaubt wie in anderen Gemeinden“, sagt sie über die KHG.
Musikalisch war Angelika schon immer – sie spielt alle Blockflöten, von der Sopran- bis zur Bass-Flöte, außerdem Klarinette und Klavier. Aber so ein musisches Talent ist nicht Vorraussetzung, um beim Chor dabei zu sein. "Wir haben auch Leute, die keine Noten lesen können“, berichtet sie. Regelmäßiges Proben müsse aber sein.
Ihr Glaube ist für Angelika etwas Grundsätzliches, das sie nur schwer in Worte fassen kann. Er gibt ihr Halt. Gleichzeitig findet sie ihn auch faszinierend: "Man kann Glaube nicht beweisen, trotzdem tun es Millionen von Menschen.“ Gläubig zu sein hat für sie mit fromm sein nichts zu tun. Sie nimmt sich die Freiheit, sich die Gemeinde auszusuchen, in der sie sich wohl fühlt. Bei der KHG gab es jedes Semester ein Programm mit Diskussionen, Vorträgen, Musik und Literatur. Der Sonntags-Gottesdienst beginnt erst um 11.30 Uhr – "für Studenten ganz gut“, feixt sie. Im Anschluss daran gibt es immer ein gemeinsames Mittagessen, auch das schätzt sie sehr.
Wenn sie später katholische Religion unterrichtet, möchte sie vor allem eines: dass die Kinder ihren eigenen Zugang zum Glauben finden. Denn Glaube, so weiß sie, kann man nicht allein durch Sachwissen und Bibellesen erwerben. Glaube müsse man erleben.

Klangprobe / Stück aus einer Schubert-Messe

(aufgenommen im Sommer)

Eli Walles, 24 Jahre, ist Kantor in einer jüdischen Synagoge in Berlin

Eli kommt aus Jerusalem, lebt aber seit eineinhalb Jahren in Berlin. Dort arbeitet er als Kantor in der Synagoge in der Joachimstaler Straße. Eli ist orthodoxer Jude, das heißt, er lebt streng nach den Vorschriften der heiligen Schrift, der Tora. "Es gib dort viele Gebote und Verbote, nach denen ich mich richte“, sagt er. Zum Beispiel isst Eli koscher, heiligt den Sabbat und geht drei Mal am Tag in die Synagoge, um zu beten. Eli trägt die Kippa, die jüdische Kopfbedeckung. Mit seiner Familie, seiner Frau und den beiden Töchtern, spricht er zu Hause hebräisch. Es sei nicht leicht als orthodoxer Jude in Deutschland, sagt Eli, denn die meisten Juden hier seien liberal und kommen nur der Tradition wegen in die Synagoge.
Jude ist man, wenn die Mutter jüdisch ist, also von Geburt an, erklärt er. Wenn man sich später zum Judentum bekennen will, müsse das von ganzem Herzen kommen. Man müsse viel über die Religion lernen und ein Rabbiner muss seine Zustimmung erteilen, sonst gehe das nicht.
Als Kantor leitet Eli den Gottesdienst in der Synagoge. Schon sein Vater und Großvater hatten diesen Beruf. Als Diener der Gemeinde, wie Eli seine Aufgabe versteht, singt er dort Gebete und Lieder - manchmal allein, manchmal mit der Gemeinde. "Ein Kantor kann nicht jede beliebige Melodie anstimmen,“ sagt Eli, der in Israel fünf Jahre lang klassischen Gesang studiert hat. "Für jeden Gottesdienst gibt es eine eigene.“
Ein sehr bekanntes Lied ist das, welches die Juden an Jom Kippur singen – einem wichtigen jüdischen Feiertag im Monat September. An diesem Tag fasten die Juden. Sie bitten Gott im Gebet um die Vergebung aller Schuld. Eli mag dieses Lied sehr. Überhaupt singt er gern – auch zu Hause: "An allen Feiertagen, wenn wir von der Synagoge kommen, sitzen wir zusammen und singen“.

Klangprobe / Kol Nidrei – dieses Lied eröffnet den Gottesdienst am Feiertag Jom Kippur:

(aufgenommen in Elis Wohnung in Berlin, am 1.12.04)




Atilla Sentürk, 27 Jahre, arbeitet bei DITIB, der türkisch-islamischen Union, in Köln

Atilla kommt fünf Mal am Tag zum Gebet in die Moschee nach Köln-Ehrenfeld. Das tut er schon, seit er ein kleiner Junge ist. Sein Vater, so erzählt er, hat ihm das und alles andere, was für einen gläubigen Moslem wichtig ist, beigebracht – nämlich an den Koran und den Propheten Mohammed zu glauben, während des Ramadan zu fasten und die Gebote des Islam einzuhalten.
Atillas Verlobte ist ebenfalls gläubig. "Darüber bin ich sehr froh“, sagt er. "Ich könnte sie aber nicht zum Glauben zwingen, denn Glaube muss von Herzen kommen, sonst bringt er nichts“.
Das moslemische Glaubensbekenntnis, "Kelimei Sehadet“, kann er auswendig. Irgendwann einmal, wenn er sich bereit dazu fühlt, möchte er auch zu den heiligen Stätten des Islam nach Mekka fahren. Diese Pilgerfahrt, die "Hadsch“, ist Pflicht für jeden gläubigen Moslem. Dort, so Atilla, befreit man sich von seinen Sünden und muss bereit sein, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. Bei DITIB organisiert er genau diese Fahrten, und zwar für Moslems aus ganz Deutschland. Tausende wollen jedes Jahr fahren – und im Hof vor der Moschee stapeln sich die Postkisten mit Anträgen.
Weil Atilla gleich neben der Moschee arbeitet, hat er keinen weiten Weg zum Gebet. Würde er wo anders arbeiten, würde er auch dort beten, sagt er. Besonders wichtig ist das Freitagsgebet, "Salatul Cuma“, das die Gläubigen zusammen mit dem Imam sprechen. Wenn dieser in der Moschee zum Gebet ruft, ist Atilla meist schon da. Weil er streng gläubig ist, betet er alle Teile des Gebets mit, auch "Sünnet“, den Teil, der nicht zwingend durch den Koran vorgeschrieben ist. "Danach fühle ich mich immer sehr locker“, sagt er.

Klangprobe: Der Imam ruft zum Gebet

Allahu akbar,
aschhadu an la ilaha ha llah
aschhadu anna muhammada-rasuln-llah
hajja ‘ala-salah
hajja ‘ala-l-falah
Allahu akbar
la ilaha illa llah

(Allah ist groß,
Es gibt keinen Gott außer Allah
Und der Prophet Mohammad ist sein Gesandter
Kommt zum Gebet
Kommt zum Heil
Allah ist groß
Es gibt keinen Gott außer Allah)

(aufgenommen in der Moschee Köln, Venloer Str., 20.12.04)

Yvonne Hässner, 24 Jahre, studiert in Dortmund Diplom-Pädagogik

Yvonne folgt seit 4 Jahren dem spirituellen Weg der Hare-Krishna Bewegung. Mindestens drei Mal im Monat geht sie zum Sonntags-Fest im Kölner Tempel. Dort singt sie zu Ehren Krishnas, hört Vorträge über die heilige Schrift, die 3.000 Jahre alten Veden, und trifft Gleichgesinnte, die für sie mittlerweile Freunde geworden sind.
Vor Jahren hatte Yvonne sich selbst schon Bücher über die Krishna-Bewegung gekauft, sie dann aber nie gelesen. Erst als sie ein Mönch auf der Straße ansprach, begann sie sich wirklich für die spirituelle Bewegung zu interessieren. Sie hat einen spirituellen Meister aus der Vaisnava-Tradition angenommen. Wie ein Bergführer beim Besteigen eines Berges hilft der einem auf seinem Weg zu Gott, erklärt sie.
Ihr Gott, Krishna, der All-Anziehende, ist für Yvonne der selbe Gott, wie der Gott der Christen, Juden und Moslems. Yvonne hat auch muslimische Freunde, mit denen sie sich über ihren Glauben austauscht. Sie meint, dass es viele Wege gibt zu Gott: Sie habe diesen gewählt, für andere sei eben der Islam oder das Christentum der richtige Weg.
Yvonne weiß, dass manche ihrer Bekannten sie nicht verstehen, weil sie keinen Alkohol mehr trinkt, keine Drogen nimmt und sich vegetarisch ernährt. Manche fragen sie, ob man da noch Spaß haben kann. Aber Yvonne sagt: "Ich hatte nie mehr Spaß in meinem Leben! Ich bin so happy und zufrieden.“ Besonders das "chanten“ – das Singen zu Ehren Krishnas - macht sie glücklich. Mit Harmonium und einer indischen Trommel wird das "Maha-Mantra“ wiederholt gesungen. Das Mantra besteht aus Namen Gottes. Durch das Chanten soll das Bewusstsein auf Gott gerichtet werden. Deshalb rezitieren viele Hare Krishnas dieses Mantra auch zu Hause.

Klangprobe / das Maha-Mantra:
„Hare Krishna, Hare Krishna,
Krishna, Krishna, Hare Hare,
Hare Rama, Hare Rama,
Rama Rama, Hare Hare“

(aufgenommen am 19.12.04 – Tempel Köln, Taunusstr.)

Susanne Sitzler ist bpb-Volontärin.

Fotos: Susanne Sitzler




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