Manche Germanist/innen zählen ihn zu den “wenigen bedeutenden deutschsprachigen Autoren der Gegenwart“. Doch es gibt nicht viele solcher Stimmen. Zwar beträgt die Gesamtauflage der Bücher von Edgar Hilsenrath knapp fünf Millionen Exemplare, und seine Bücher haben international Erfolg - in Deutschland jedoch tut man sich noch immer schwer mit diesem Autor. Der Piper Verlag, bis vor ein paar Jahren Rechteinhaber an seinen Werken, gab dem Autor die Rechte zurück. Doch statt sich beirren zu lassen, nutzte Hilsenrath die Gelegenheit und lässt die Bücher nun in einer von seinem Freund Helmut Braun betreuten Werkausgabe in einem Kölner Kleinverlag erscheinen.
Denn Edgar Hilsenrath kennt einen solchen Umgang mit seinen Büchern. Sein erster Roman, “Die Nacht“, war in der Bundesrepublik der 60er-Jahre nur kurz lieferbar, während er in den USA einen Achtungserfolg landete. Das nächste Buch, “Der Nazi & der Friseur“, das 1971 in den USA erschien und Furore und Millionenauflage machte, wollte kein Großverleger in Deutschland drucken. Erst der bereits genannte Helmut Braun, damals noch selbst Verleger, brachte das Buch mit sechs Jahren Verspätung heraus.
Freunde, auch im Frisiersalon
Dieser satirische Roman ist ein Meisterwerk der Verdrehung. Der spätere SS-Mann Max Schulz wächst in ärmlichen Verhältnissen in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Jugendfreund Itzig Finkelstein auf. Finkelstein sieht “arisch“ aus, ist blond und groß. Schulz dagegen ist dunkelhaarig und empfindet sich als hässlich. Schon früh beneidet er den Freund, der sich ihm gegenüber generös verhält. Beide beginnen eine Lehre im Friseursalon der Finkelsteins. Dann kommt die Nazizeit und Schulz nimmt sich die Chance. Er und seine Familie beteiligen sich an den Arisierungen, Schulz tritt in die SS ein und ist williger Helfer bei Judenerschießungen. Bei einer dieser Blutorgien beobachtet Schulz, dass Itzig Finkelstein mitsamt seiner Familie erschossen wird - es bleibt offen, ob Schulz selbst der Mörder ist.
Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur
(Dittrich Verlag 2004, 22.80 €)
Jörg Sundermeier schreibt unter anderem für die tageszeitung und die Jungle World.
Foto: "Edgar Hilsenrath" / © Dittrich Verlag
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