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Denis Johnson: Train Dreams

Mit den Wölfen heulen

 sterne

Christoph Braun | 30.1.2005

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, tief im Nordwesten der USA: Der Tagelöhner Robert Grainier, Denis Johnsons Romanheld, verdient den Unterhalt für sich und seine Familie mit der Instandhaltung und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes. Einmal, als er mit der Zuglinie “Spokane International“ nach Hause fährt, in das Eisenbahnstädtchen Meadow Creek, sieht er bereits auf der Wegstrecke, wie die ganze Region von einem Feuer verwüstet wird - seine Frau und das erst vier Monate alte Baby sind verloren. Wo einmal das Haus der Grainiers stand, herrscht nun eine Einöde in Grau.

Schwarz auf Grau

Mit "Train Dreams" hat der längst etablierte US-Schriftsteller Denis Johnson eine Novelle verfasst, und tatsächlich erzählt sie den Stoff auf verdichteten 110 Seiten: die Geschichte eines einfältigen Mannes und seines Leben, das plötzlich eine existentielle Wendung erfährt. Denn Grainier, der noch "nie in seinem Leben betrunken" war, "nie eine Waffe besessen" und "kein einziges Mal in einen Telefonhörer gesprochen" hat, siedelt sich nun an genau der Stelle im Grau des Waldes wieder an, wo einst sein Haus stand. Aus schierer Einsamkeit beginnt er, in der Nacht mit den Wölfen zu heulen. Seine Frau erscheint ihm im Traum und erzählt, das Kind habe auf der Flucht vor dem Feuer überlebt.

Folk-Sound

Der spezifische Klang von Johnsons Schreiben entfaltet eine starke Dynamik. Anfangs scheint der Ton noch zu sehr dem mündlichen Erzählen nachempfunden - doch gerade das scheint Johnson zur Charakterisierung seines Protagonisten zu benötigen. Die Mündlichkeit führt auch zu einer zunehmenden Sympathie mit dem Witwer – und gegen Ende von “Train Dreams“ wird das Lesen dadurch zu einer wundersamen Erfahrung. Johnson ist bekannt dafür, den Schrecken seiner Geschichten in Zärtlichkeit gegenüber seinen Figuren aufgehen zu lassen. Bei allen Schrecklichkeiten, die Granier wiederfahren, klingt "Train Dreams" wie ein langer Folksong mit offenem Ausgang.

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Der bibelfeste Autor packt viel christliche Mythologie in diese Arbeiterbiografie: Zu Beginn der Geschichte macht sich Grainier schuldig, indem er sich an der Verfolgung eines unschuldigen chinesischen Bahnarbeiters beteiligt. Und während des großen Feuers erscheint Grainier der Tod in Gestalt eines ermordeten Landstreichers, der im Sterben eine Beichte ablegt. Im Christentum gibt es aber nach der Schuld die Läuterung, und dann auch die Erlösung. Hier nähert sich die Erzählung dem Unwirklichen, wenn die Geschichte der Tochter mit dem Heilungsprozess Grainiers verwoben wird.

Der Waldsiedler baut den Unterschlupf nach und nach zu einer ansehnlichen Hütte aus und er gründet ein bescheidenes, aber immerhin eigenes Fuhrunternehmen. Auf seinen Fahrten stößt er hin und wieder auf die Geschichte vom Wolfsmenschen, der in den Wäldern der Gegend hause. In einem ungeheuer tröstlichen Augenblick wird dem Fuhrmann bewusst, dass es sich dabei um sein Kind handelt. Nach dem Feuer ist es von einem Wolfsrudel aufgenommen worden.

Denis Johnson: Train Dreams
(Mare Buchverlag 2004, 18 €)




Christoph Braun schreibt über Popmusik und alles Interessante.

Foto: "Denis Johnson" / © Kevin Scanlon

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