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Medien und Gewalt

Die Entzauberung von fünf Mythen

12.10.2003 | Ein Kommentar von Oliver Gehrs | Kommentar schreiben | Artikel drucken
1. Gewaltdarstellungen machen aggressiv

Als Robert Steinhäuser an einem Erfurter Gymnasium Amok lief, waren die Schuldigen schnell gefunden: die Medien in Form brutaler Videos und menschenverachtender Computerspiele. Auf Steinhäusers Homepage wurde ein Link zum zeitweise indizierten Baller-Spiel "Counterstrike" gefunden, sowie die Eintragung: "Manchmal habe ich das Gefühl, daß ich jetzt Amok laufen müsste, wenn mir die egoistischen Stasi-Lehrer wieder den ganzen Tag mit ihren Integralrechnungen versaut haben! Ab und zu tue ich das sogar im Wald, dass ich so ein wenig schiessen gehe, ich habe dabei auch schon viele Rehe und Wildschweine getötet, ich hasse Tiere nämlich. Und die Tierschützer sollte man auch gleich abknallen! Die einzigen Tiere die ich mag sind Haie." Das reichte "Bild" und "Glotze", um ihre Monokausalkette zu knüpfen: Böse Medien machen böse Menschen. Dass die Homepage nach Steinhäusers Tod aktualisiert worden war, fiel da nicht weiter ins Gewicht. Auch, dass 99,99 Prozent der Jugendlichen nicht Amok laufen, obwohl sich in ihren Regalen Horror-Videos und Gewaltspiele finden, passte nicht in die Recherche. Dabei könnten ja eigentlich auch die "No-Angels"-Poster Schuld sein oder die Sammlung hässlicher Schlumpf-Figuren, wenn ein Teenager ausrastet. Aber die sind seltsamerweise unverdächtig.

2. Gewalt in den Medien führt zur Triebabfuhr

Am liebsten würden die Anhänger der Nachahmer-These (siehe oben) ihre Gegner erschießen: Die nämlich behaupten, dass Gewalt in den Medien nicht nur nicht agressiv macht, sondern im Gegenteil: weniger aggressiv. Die so genannte Katharsis-Theorie besagt, dass auf dem Bildschirm die eigenen Gewaltfantasien stellvertretend ausgelebt werden und man das Sofa dadurch als friedliebender Mensch verlässt. Der Beweis für diese steile These ist bisher aber ebenfalls ausgeblieben - es sei denn, man betrachtet als solchen die große Menge der Splatterfreunde, die nach einem Videoabend unter Gleichgesinnten nicht gleich losziehen, um ihre Nachbarn zu häuten und zu vierteilen. Skeptisch stimmt dann allerdings der Fall jenes Jungen, der als "hollywoodeske" Gruselfigur loszog und ein Kleinkind in seinem Zimmer ermordete. Der Film mit dem Vorbild für diese Tat steckte noch im Rekorder. Es ist wohl eher so, dass es keine simplen Kausalitäten gibt, sondern von Fall zu Fall einen Mix aus Gründen: Sozialisation, Fähigkeit zur Emotionalität, affektbedingte Auslöser und so weiter. Und natürlich auch der Medienkonsum.
3. Früher wurden in den Nachrichten weniger Leichen gezeigt.

Als neulich der ARD-Reporter Gerd Ruge einen ganzen Abend lang im Ersten auf sein journalistisches Schaffen in den Krisenregionen dieser Welt zurückblickte, zeigte er auch Ausschnitte aus alten Beiträgen: minutenlange Sequenzen von zerschossenen Körpern, Leichen im Rinnstein, erschossene Kinder. Das alles ist früher über den Sender gelaufen (wohlgemerkt: Es gab kein RTL; sondern nur ARD und ZDF) und würde heute einen Sturm der Entrüstung nach sich ziehen. Anrufe in den Sendern, Eingaben von Politikern und Briefe entrüsteter Zuschauer. Derart sensibilisiert ist die Öffentlichkeit mittlerweile bei dem Thema. Als neulich die "Tagesschau" Bilder von einem Selbstmordanschlag in Israel zeigte - darunter schwer verletzte Kinder auf einer Bahre -, da wurde die Redaktionsleiterin am nächsten Tag von der "Frankfurter Rundschau" gefragt, wie weit das Fernsehen gehen dürfe. So weit wie früher anscheinend nicht mehr.

4. Es gibt mehr Gewalt in der Gesellschaft, deswegen berichten die Medien verstärkt darüber

Das Gegenteil ist der Fall: Wer täglich die "Bild"-Zeitung oder den Kölner "Express" liest und noch dazu die Boulevardmagazine im Fernsehen schaut, könnte glauben, dass mittlerweile jeden Tag ein Kind entführt und missbraucht wird. Stattdessen hat die Zahl der Missbrauchsfälle seit 1970 kontinuierlich abgenommen und sich nahezu halbiert. Nur wurde früher nicht jeder Fall zum Anlass genommen, wochenlang eine Stimmung der Selbstjustiz zu erzeugen und den armen Eltern zudem jeden Tag aufs Neue ihr totes Kind aus der Zeitung entgegenlächeln zu lassen. So wird eine Angststimmung in der Bevölkerung erzeugt, die faktisch keine Entsprechung hat. Es ist ein bisschen so wie bei der ZDF-Sendung "XY ungelöst". Wer die zu oft guckt, lässt irgendwann automatisch am frühen Abend die Rolläden runter und meidet den Kontakt zu fremden Leuten.

5. Die ganze Diskussion über Gewalt und Medien bringt gar nichts

So, wie die Diskussion stattfindet, stimmt das. Denn was völlig fehlt, sind die Opfer der Medien. Dabei wird das Ausbreiten menschlicher Schicksale mittlerweile mit Methoden betrieben, die weder journalistisch noch moralisch und ethisch einer Überprüfung standhalten und zu rechtfertigen sind. Die Rügen beim Presserat - ein wahrlich stumpfes Schwert, aber immerhin ein Indikator für die Zunahme von zu kritisierenden Fällen - sind mittlerweile Legion und werden von den Boulevardmedien gern in Kauf genommen, weil sie keine wirklichen Sanktionen nach sich ziehen. Diese Art der Berichterstattung hat dazu geführt, dass Menschen, deren Leid für Auflage und Quote verarbeitet wird, oftmals einen zweiten Schicksalsschlag erleiden, Psychologen sprechen von einem zweiten traumatischen Erlebnis, wenn das noch nicht Verarbeitete in Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehbeiträgen noch einmal ausgebreitet wird.

Die Konfrontation mit dieser Art von Journalismus, dem Geschäft mit dem Leid, führt dazu, dass aus den Opfern auch noch Medienopfer werden. So wurde etwa in einem Beitrag für das RTL-Magazin "Explosiv" über eine in Berlin lebende, junge Iranerin berichtet, die auf einer Reise in ihr Heimatland von der eigenen Mutter angezeigt und ins Gefängnis gesteckt wurde. RTL strahlte trotz Bitten der Ausländerbeauftragten von Berlin und des Mädchens, von einer Berichterstattung abzusehen, einen Beitrag aus, in dem die drohende Strafe, nämlich die Steinigung, thematisiert wurde. Da der Beitrag auch zeigte, dass die Iranerin in Deutschland in einer Band Musik macht und hier einen Freund hat, führte er dazu, dass sich ihre Lage im Iran dramatisch verschärfte. Erst ein Jahr nach Ausstrahlung des Beitrages durfte sie das Land verlassen. Dieser Fall hat einen langen Schmerzensgeldprozess nach sich gezogen (der am Hamburger Landgericht noch anhängig ist). Der Autor des Beitrags wechselte später zum Sender Sat.1 - wo er zum Redaktionsleiter des Boulevardmagazins "Blitz" aufstieg.

Oliver Gehrs hat die Medienseiten der tageszeitung und der Berliner Zeitung geleitet und als Medienredakteur für den Spiegel gearbeitet sowie der Berlin-Seite der Süddeutschen Zeitung verantwortet. Ende Oktober erscheint sein neues Magazin Dummy.



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