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Texte zur Gewalt

Aus dem Kopf

30.9.2003 | Ronald Düker | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wenn von Gewalt die Rede ist, meint erst einmal jeder zu wissen, worum es geht. Assoziiert wird zunächst körperliche Gewalt, die in den medial überlieferten Berichten über Kriege oder Terrorismus ununterbrochen ihren Weg in die Nachrichten findet. Auch wird an Gewalt als Gegenstand kultureller Produktionen wie Filme oder Videospiele gedacht, die sich stets einer Debatte um die Berechtigung ihrer Thematik ausgesetzt sehen: Denn wenn Blut fließt, dann mit gutem Grund - unabhängig vom Wissen darum, dass es sich bloß um eine simulierte Gewalt handelt und das Blut nicht echt, das Leiden nur gespielt ist.

Komplizierter wird es, wenn nicht mehr von einer als real vorgestellten Gewalt die Rede ist, wenn die Gewalt nicht sichtbar ist. Denn nicht erst der Krieg bringt Gewalt mit sich, schon der zugrunde liegende Konflikt, die Differenzen in der Sprache und Kultur sind gewaltförmig. Gewalt geht der Kultur nicht wie ein Naturphänomen voraus, sondern sie ist immer etwas Gemachtes: Bestandteil und Resultat des Denkens und der Sprache.

So gut wie tot

In seinem philosophischen Hauptwerk "Masse und Macht" beschreibt der Schriftsteller Elias Canetti, wie sich körperliche Gewalt transformieren lässt in ein strukturelles Machtverhältnis. Zunächst steht der bloße Überlebenskampf, der Kampf bis aufs Messer. "Die niedrigste Form des Überlebens ist die des Tötens", sagt Canetti und erkennt in der Figur des Überlebenden den ersten Helden. Indem dieser andere Menschen tötet, verleiht er dem grundlegenden Wunsch nach Unsterblichkeit eine gewaltsame Form. Die Leiche seines Opfers gilt ihm als Trophäe und Garant einer unvergleichlichen eigenen Kraft. Je blutiger und gewalttätiger der Sieg errungen wurde, umso besser. Denn es ist erst dann "ein glorreicher Triumph, wenn der Feind sich tapfer gewehrt hat, wenn der Sieg schwer erstritten wurde und ein große Zahl von Opfern gekostet hat".


Ab einem bestimmten Punkt jedoch manifestiert sich die Macht über Leben und Tod gerade im Verzicht auf tödliche Gewalt. Canetti verdeutlicht das an dem römischen Kaiser Domitian und seinem so genannten Leichenbankett. Domitians Gäste, Senatoren und Ritter, mussten eine furchteinflößende Veranstaltung ertragen: In einen schwarzen Raum gesperrt mussten sie neben einem Grabstein lagern, in dem bereits ihr Name eingraviert war, den Selbstgesprächen des Herrschers über Tod und Hinrichtung lauschen. Eine ganze Nacht lang ließ der Kaiser seine Gäste in dem Glauben, dass ihnen gleich die Kehle durchgeschnitten werde, dass sie bereits im Reich des Todes angekommen seien. Am nächsten Morgen begnadigte und beschenkte er sie reich und entließ sie mit dem demütigenden Gefühl, so gut wie tot gewesen zu sein. Durch diesen Gnadenakt erhob der Kaiser die Gewalt der Tötung, die ihn als triumphalen Überlebenden zurückgelassen hätte, auf die Ebene einer bloßen Möglichkeit. Seine Macht, die auf der ständigen Überlebensangst der Untergebenen basierte, war damit auf einer strukturellen Ebene gefestigt.

Macht über die Sprache

Eine andere Beschreibung struktureller Gewalt kommt von der amerikanischen Philosophin Judith Butler. In ihrem Buch "Hass spricht" untersucht sie, wie sich auf rein sprachlicher Ebene bereits Verletzungen ereignen können. Wenn Kultur sprachlich strukturiert ist, sagt sie, dann kann Sprache auch ein Instrument von Gewaltausübung sein. Ausgehend von der amerikanischen Sprechakttheorie untersucht sie die sogenannte "Hate Speech", die etwa auf dem Gebiet der Rapmusik gerade in den USA immer wieder zum Gegenstand erbitterter Debatten wird. Es geht dabei um beleidigendes und diskriminierendes Sprechen, insbesondere in rassistischer oder sexistischer Hinsicht.

Butlers Analyse hat weniger die Sprachakteure der "Hate Speech", also beispielsweise die Rapmusiker selbst, im Auge, sondern den staatlichen Zugriff auf sie. Denn während den Sprechern allgemein eine Souveränität zugeschrieben würde, die die Würde anderer Menschen nach Belieben verletzte, so kritisiert die Philosophin, sei es doch erst der Staat und sein juristischer Zugriff, der tatsächlich Gewalt ausübe. Wenn Gerichte entscheiden könnten, welches Sprechen gewalttätig sei und welches nicht, dann handele es sich dabei um die verbindlichste Form von Gewalt. Gerade im Fall der häufig angeprangerten Rapmusik werde dieser Zugriff der flexiblen, flüssigen Funktion von Sprache nicht gerecht. Denn tatsächlich tauchten Begriffe hier oft im Bereich des Zitats und der Umwertung auf, und so könne ein Wort, das einmal eine verwundende Wirkung hatte, bereits morgen zum Instrument des Widerstandes erhoben werden.

Die Oberfläche der Dinge

In der Literatur ist der von Butler beschriebene Mechanismus besonders deutlich geworden bei Bret Easton Ellis' Roman "American Psycho". Es geht um das Doppelleben eines erfolgreichen New Yorker Börsenmaklers. Patrick Bateman ist in Manhattans Society unterwegs, verbringt seine Zeit mit koksenden Geschäftspartnern; in Luxusrestaurants und Boutiquen. Über hunderte von Seiten sind Aufzählungen von Designerlabels, Speisekarten, Kosmetikartikeln und Wohnungseinrichtungen zu lesen. Das Differenzierungsvermögen ist in der Oberfläche dieser Warenwelt aufgegangen: Die Personen erkennen sich eher an modischen Accessoires wieder als an ihren Gesichtern.

Cool Killer

In seinem "anderen Leben" - und das trug dem Roman in Deutschland eine vorübergehende Indizierung ein, er durfte nicht mehr verkauft werden - ist Bateman ein Serienkiller. Er bringt Prostituierte und Obdachlose auf brutalste Weise um, und Ellis schildert die Gewalt ebenso exzessiv wie die Luxusszenerien. Ellis ist ein hochmoralischer Autor. Es geht ihm darum zu zeigen, wie die geschilderte körperliche Gewalt den sprachlichen Oberflächen der beschriebenen Warenwelt selbst eingeschrieben ist. Wenn er haarklein die Markennamen von Batemans Mordinstrumenten aufzählt, steht dies in einem unterschiedslosen Verhältnis zu einer Welt, die sich nurmehr aus Konsumartikeln zusammensetzt. Ellis' Thema ist die Gewalt, die dieser Oberfläche und der Sprache selbst eingeschrieben ist. Die Gewalt des Killers gehört keiner anderen Ordnung an und bringt konsequent auf den Punkt, was der Autor den Protagonisten seines letzten großen Romans "Glamorama" wie ein Mantra unablässig wiederholen lässt: "We'll slide down the surface of things."

Ronald Düker ist 31 und schreibt auch für "Voice of Germany", die Kulturseite der netzeitung.

Foto: Ole Brömme


Elias Canetti: Masse und Macht (Fischer Taschenbuch Verlag 1996, 14.90 €)



Judith Butler: Hass spricht. Zur Politik des Performativen (Berlin Verlag 1998, 7.95 €)



Bret Easton Ellis: American Psycho (Kiepenheuer & Witsch Verlag 2002, 12.90 €)





www.dhm.de/lemo/html/biografien/CanettiElias/
Eine Biographie von Elias Canetti

www.freitag.de/1998/52/015.htm
Über Judith Butlers "Hass spricht"

www.come.to/breteaston
Eine nicht ganz frische Fanpage zu Bret Easton Ellis

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