
Totgesagte leben länger: Denn noch trifft der Plan einer Berliner Ausstellung über die Rote Armee Fraktion, deren Kampf gegen die bundesdeutsche Gesellschaft im Herbst 1977 ihren blutigen Höhepunkt hatte, auf aufgeregten Widerstand und heftige Debatten. RAF: Das ist noch immer ein Schreckgespenst der Gegenwart.
Es ist bis heute unendlich viel geschrieben worden über den einstigen Kampf der RAF, über ihre Geschichte und über die der jungen Bundesrepublik, die 1968 den Aufstand der "Kinder" gegen die "Väter" erlebt: Väter, deren Schuld es war, Nationalsozialisten gewesen zu sein. Auch Gerd Koenen, Verfasser von "Vesper Ensslin Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus", war damals ein Teil der Revolte: In den 70er-Jahren zählte er zum linksradikalen Spektrum. Heute beschäftigt er sich als Autor mit dieser Zeit. Zuletzt tat er dies in "Das rote Jahrzehnt", ein Porträt der Jahre 1967-1977. Und schon damals wurde ihm klar, welche Bedeutung vor allem ein bestimmtes Buch und sein Autor haben, wenn man diese Zeit verstehen will: Die Rede ist von Bernward Vesper und seinem Roman "Die Reise".
Verstrickung
1977 - da hat der Autor nach Drogentrips und Wahnvisionen bereits Selbstmord begangen - erscheint "Die Reise" erstmals. Bald wird das Buch gelesen als "Generationsdokument par excellence", weil Vesper darin "die Verstrickung in die Generationenfolge als brutale Determinierung der Persönlichkeit" gegeißelt hat. Auch Koenen nimmt Vesper und seine "Reise" zum Ausgangs- und Kristallisationspunkt seiner Suche nach dem, was er die "Urszene des deutschen Terrorismus" nennt. Denn Bernward Vesper ist nicht nur der Sohn von Will Vesper, der unter den Nazis zum Nationaldichter aufsteigt. Er wird auch der Freund und Verlobte von Gudrun Ensslin, die ihn - trotz des 1967 geborenen gemeinsamen Sohns - für Andreas Baader verlässt. Baader ist da schon berüchtigt für seinen dandyhaften Anarchismus. Als Mensch der Tat ist er eine Gegenkraft zum zweifelnden Vesper (der sich in Konkurrenz zu ihm fühlt) und später zusammen mit Ensslin das schillernde Paaremblem für ein Leben, das allein dem Kampf gewidmet ist. Der Rest ist Geschichte.
Koenen glaubt, dass die schwierige Konstellation gerade dieser drei Charaktere die "wahre" Geschichte des Kampfes erzählt: die Geschichte einer Generation, die den Aufstand zwar probt, aber sich noch bis ins Vokabular der Gefühle hinein der Sprache der Väter bedient. Vor allem Bernward Vesper gilt Koenen als Inbegriff dieser Spaltung: Weil er den Vater verachtet und bekämpft - und doch bis ans Lebensende um seine Liebe ringt, wenn er noch als junger linker Student von Berlin aus die Schriften Will Vespers herauszugeben sucht. Übrigens nicht ohne die Hilfe von Gudrun Ensslin, wie Koenen anhand vieler bis dato unbekannter Dokumente nochmals belegt.
Was fehlt?
Tatsächlich ist das Buch äußerst materialreich. Ob die Publikationsgeschichte von "Die Reise" oder die Lebenswege von Ensslin, Vater & Sohn Vesper oder Baader, ob die scheiternde Ehe zwischen Vesper und Ensslin, ihr Streit um die Frage nach dem Sorgerecht für den Sohn oder Vespers Drama als ungeliebtes Kind: Koenen vergisst fast nichts. Doch gerade deswegen ufert die Lektüre aus - zumal die Eckdaten der linken Revolte als zeitgeschichtliche Fakten eher vorausgesetzt werden als wirklich erläutert. Denn letztlich argumentiert Koenen freudianisch: sprich, er behandelt seine Figuren wie Symptome, die es zu "entziffern" gilt: "Was fehlte ihnen" heißt es einmal, als wäre der Autor ein Therapeut.
Blutige "Sandkastenspiele"?
Genau deshalb befällt einen mit fortschreitender Lektüre auch ein Verdacht: dass Koenen vor allem mit seiner eigenen Geschichte aufräumen muss. Denn wann immer er die eigentliche Phase des Kampfes der RAF - in aller Kürze - beschreibt, schleicht sich merklich diffamierende Häme ein: "Sandkastenspiele" nennt er, was noch heute die Gemüter bewegt. So bleibt man - trotz der neu gewonnenen Fülle privater Details - etwas ratlos zurück. Dass das Trio, und damit Koenens Buch, auf neue Weise den Schlüssel zum Verständnis auch Nachkriegsdeutschlands eröffnet, bleibt dann nur These. Und dass wir alle die Kinder unserer Väter sind, ist - auch in der Deutungsgeschichte der RAF - nichts wirklich Neues. Dass jedoch laut Koenen "die nebligen Bilder des 'deutschen Herbstes' von 1977 von ferne noch etwas von den nibelungenhaften Untergängen des Aprils 1945" hervorrufen - Stammheim somit ein späteres Hitlerbunker-Szenario sei: Das macht eigentlich auch Koenen zu einem "Fall" ...
Claudia Kramatschek lebt als Literaturkritikerin in Berlin.
Gerd Koenen: Vesper Ensslin Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus (Kiepenheuer & Witsch Verlag 2003, 19,90 €)
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