Nein, der "Neue Mann" sei ihm noch nicht über den Weg gelaufen, meint Alexander Bentheim. "Den halte ich für eine Erfindung, das ist mir zu plakativ." Seit 18 Jahren beschäftigt sich der 44-Jährige mit dem Leben von Männern. Genauer: Er sucht nach einer neuen Männerkultur, einer, die sich von traditionellen Rollenentwürfen abhebt und dem Leben von Männern mehr Vielfalt eröffnet. "Alte Vorstellungen wie 'immer seinen Mann stehen zu müssen' oder das Einzelkämpfertum mögen eine Qualität haben, in ihrer Einseitigkeit führen sie jedoch in die Sackgasse."
Alexander Bentheim arbeitet als Männerberater, ist Dozent und Gender-Trainer und außerdem Herausgeber von "Switchboard", einer Fachzeitschrift für Jungen- und Männerarbeit. Bentheim kennt die Szene, hat neue Entwicklungen im Blick, verfolgt die aktuellen Diskussionen. "Wenn man einmal erkennt, wie sehr sich das Geschlecht auf alle Lebensbereiche auswirkt, kann man nicht mehr geschlechtsneutral sein."
Gewalt ist Männersache
Angefangen hat alles um 1980. Ihre Wurzeln hat die Männerberatung unter anderem in einem bundesweiten Treffen der Männerprojektszene. "Das war sehr politisch", sagt Bentheim. Erstmals wurde Gewalt von Männern nicht mehr als individuelle Störung begriffen, sondern danach gefragt, wie sie immer wieder neu entstehen kann, wo ihre Ursachen liegen. In den Jahren zuvor hatte die Frauenbewegung Druck gemacht: 1976 war in Berlin-West das erste Frauenhaus entstanden. Heute sind zahlreiche, über das gesamte Bundesgebiet verteilte Zufluchtsstätten hinzugekommen. Jährlich suchen in der Bundesrepublik circa 42.000 Frauen in einem Frauenhaus Schutz vor ihren misshandelnden Vätern, Freunden und Ehemännern. Laut polizeilicher Kriminalitätsstatistik ist die Anzahl der angezeigten Vergewaltigungen und schweren sexuellen Nötigungen im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um mehr als neun Prozent gestiegen. Bei der Gewaltkriminalität stellen gefährliche und schwere Körperverletzungen immerhin zwei Drittel der erfassten Fälle dar: Die allermeisten Täter sind Männer.
"Gewalt ist noch heute einer der wichtigsten Bereiche von Männerberatung", bestätigt Alexander Bentheim. Erst dann folge die Beratung von Vätern, die intensiv über ihre Rolle als Erziehender nachdenken, die Begleitung Jugendlicher bei ihrem Coming-out oder die Beratung erwachsener verheirateter Männer, die plötzlich ihr Schwulsein entdecken, und männerspezifische Gesundheitsberatung - von Verhütung bis hin zur Gesundheit am Arbeitsplatz. Alexander Bentheim, der Diplom-Pädagogik studiert hat, versteht sich gleichzeitig als Lernender und Lehrender. An keiner Uni oder Fachhochschule ist ein entsprechender Schwerpunkt bislang zu finden. "Die Fort- und Weiterbildungen zum Männerberater werden von denen getragen, die schon lange im Thema drin sind."
Das Destruktive verschwinden lassen
Einer von ihnen ist Burkhard Oelemann. Er hat nicht nur die Beratungsstelle "Männer gegen Männergewalt" in Hamburg mitaufgebaut, sondern in den letzten zehn Jahren mehr als 200 angehende Männerberater ausgebildet. "Es sind Männer, die auch in ihrem eigenen Leben erkannt haben, wie sie sich aufgrund ihrer Sozialisation im Weg stehen, die selbst Krisen erlebt haben. Sie haben die Sehnsucht, das Destruktive im Mann, wenn nicht gar verschwinden, so doch kleiner werden zu lassen und wollen dies weitergeben", beschreibt er ihre Motivation für die berufsbegleitende Weiterbildung, die er zusammen mit Kollegen am eigenen Institut durchführt.
Zum Inhalt des über maximal drei Jahre laufenden Trainings im Blockformat gehört die Reflektion der eigenen Erziehung und des eigenen Männerbildes. Man(n) lernt professionelle Kommunikation ebenso wie mehr über sich selbst auszudrücken, erlernt Methoden der Krisenintervention und viel über den Umgang mit Opfern und Tätern von Männergewalt. Die Bereitschaft zur Selbsterfahrung wird vorausgesetzt. "Ohne eigenes Wachstum kann man nicht arbeiten", sagt Oelemann.
Für ihn steht fest, dass Männer gemeinhin nicht in Lebensberatungsstellen gehen - selbst dann nicht, wenn sie in der tiefsten Krise stecken. Die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, würde sich bei ihnen auf "Augen zu und durch" beschränken. "Will man sie mit Beratung erreichen, müssen sich Männer in ihrem gesamten Mannsein angesprochen fühlen, und das mit einer positiven Vision." Öffentliche Kampagnen gegen Männergewalt würden häufig nur anklagen, aber keine Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, kritisiert der Diplom-Pädagoge, der selbst sieben Jahre lang mit gewalttätigen Männern und Jungen gearbeitet hat.
Der Täter geht, das Opfer bleibt
Seit am 1. Januar 2002 das neue Gewaltschutzgesetz in Kraft getreten ist, steigt nicht nur der Beratungsbedarf in der Hamburger Beratungsstelle. Durch das neue Gesetz können die Täter häuslicher Gewalt der Wohnung verwiesen werden. Statt in ein Frauenhaus flüchten zu müssen, können die Opfer per Eilanordnung vor Gericht erreichen, dass sie die Wohnung zeitlich befristet oder dauerhaft alleine nutzen dürfen.
Quer durch alle sozialen Schichten zieht sich das Klientel in der Gewaltberatung, vom Türsteher aus dem Rotlichtmilieu bis zum bekannten Rundfunkmoderator. Die Männer würden zuschlagen, weil Angst und Hilflosigkeit ihre Identität bedroht. "Gewalt ist Kompensation. Sie stellt ein selbstschädigendes Verhalten dar, für das ein Mann mindestens mit Isolation bezahlt", so Oelemann. Gewalttätiges Verhalten würde schon nach wenigen Beratungsstunden verschwinden - sobald ein Mann Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht überhaupt wahrnehmen kann. In der Beratung wird die Gewalttätigkeit des Klienten offen thematisiert, der gewalttätige Mann wird mit seinem Verhalten konfrontiert.
Mehr Flirtschulen und Angebote für Jungen
"Ein guter Männerberater ist jemand, der die Männer erreicht und auch in der Beratung halten kann", bestätigt Alexander Bentheim. Weil Männer normalerweise nicht in Beratungsstellen kommen, werde viel geforscht und experimentiert. "Sogar an Stammtischen und in Werkstätten hat man(n) schon Beratungsangebote gemacht." Während Frauen über Gefühle sprechen und emotionalen Ballast loswerden wollen, kommen Männer oft mit dem Anspruch, der Männerberater solle die Problemlösung präsentieren. Und das bitte subito. "Es ist schon vorgekommen, dass ein Mann in die Beratung kam und gesagt hat: Meine Frau ist weg, sie ist im Frauenhaus. Könnt ihr sie zurückbringen?" Bis solche Männer begreifen, dass ein Problem etwas mit ihrem eigenen Verhalten zu tun hat, haben die Berater viel zu tun.
Wo viel in Bewegung ist und Neues entsteht, fehlen natürlich politische Forderungen nicht. Eine von ihnen ist die flächendeckende Versorgung mit Beratungsangeboten für Jungen. "Man kann nicht nur verlangen, dass Männer sich ändern sollen. Ihnen muss auch gezeigt werden, wohin sie gehen können", sagt Bentheim. Zu den entsprechenden Angeboten für Jungen gehören manchmal "Flirtschulen". Liebeskummer tut schließlich weh und wie einer mit dem Gefühl fertig wird, wenn man(n) gerade einen Korb bekommen hat, wird ihnen normalerweise nicht beigebracht. "Die Jungen lernen mit Männern über ihre Gefühle zu reden, den Emotionen überhaupt eine Sprache zu geben." Ist die erst mal vorhanden, klappt's auch mit den Respekt vor den Mädchen besser.
Sabine Schrader schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine. Sie lebt in Hamburg.
www.maennerzeitung.de
Hier gibt's Switchboard zum Online-Schmökern
www.oelemann.de Website von Burkhard Oelemann mit Infos über Seminare zu Gewaltberatung/Gewaltpädagogik
www.gewaltberatung.org Netzwerk von Gewaltberatungsstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
www.maennerfragen.de Im Frankfurter Männerzentrum finden Männer Ansprechpartner für die unterschiedlichsten Lebenssituationen, angeboten werden unter anderem Fortbildungen und Vorträge