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Jello Biafra

Werdet die Medien!

27.11.2003 | Oliver Köhler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Nachdem Jello Biafra aus seiner legendären Punk-Band, den Dead Kennedys, rausgeekelt wurde, entdeckte er die Bühne für sich erneut. Anstatt nur gegen die Politik Amerikas lauthals zu singen, fing er an, sie in "spoken word performances" in Grund und Boden zu reden. Wie eine Punkversion von Michael Moore rügt er seit mehr als zehn Jahren republikanische und demokratische Regierungen, die religiöse Rechte und die globale Großmacht der Konzerne. Alles im Namen des für Amerika typischen, zivilen Ungehorsams. Da ist George W. Bush - als Symbol aller drei Schreckgespenster - für den Punk-Orator natürlich ein gefundenes Fressen. fluter.de fragte ihn, was ihn ärgert, was ihn freut und was er gegen "seinen" Präsidenten unternehmen will.

Seit dem Ende des Irak-Krieges hat sich die Stimmung in den USA sehr gegen den Präsidenten gewendet. Während des Krieges aber haben sich die amerikanischen Schüler/innen und Student/innen nur sehr zurückhaltend gegen George W. Bush geäußert. Haben junge Menschen in Amerika ihren Kampfgeist aufgegeben?

Natürlich sehe ich das nicht so. Bei meinen Spoken-word-Shows an den Universitäten treffe ich eigentlich nur coole Menschen. Meiner Meinung nach ist der Aktivismus an mehreren Fronten ausgeweitet: Organisationen wie "Amnesty International", die "American Civil Liberties Union" (Amerikanische Bürgerrechtsunion) und "United Students Against Sweatshops" verzeichnen alle höhere studentische Mitgliederzahlen. Das sind für mich Beispiele für kleinere, aber leichter zu gewinnende Kämpfe, an denen man sich beteiligen sollte, um das Große zu verändern.

Als Lead-Sänger der Punk Gruppe Dead Kennedys warst und bist du auch heute noch eine Ikone oder ein Vorbild für viele Menschen - jung und alt. Wirst du oft von jungen Menschen gefragt, was sie machen können oder sollen?

Am Ende meiner Shows biete ich normalerweise Ideen an, wie zum Beispiel meinen Slogan aus dem ersten Golfkrieg: "Hasst nicht die Medien. Werdet die Medien!" Damit meine ich nicht nur, dass du Untergrund-Fanzines hochziehen oder im Internet Informationen verteilen sollst - sondern, dass du dich von Angesicht zu Angesicht mit Leuten austauschst. Leuten, mit denen du zu Hause, in der Schule, bei der Arbeit und in der Familie zu tun hast. Ihnen erklärst, warum der Krieg falsch ist, dass die Konzerne ihnen ihr Geld wegnehmen und nicht die Einwanderer oder andere arme Menschen. Und ihnen beibringst, wie man sich von der Macht der Konzerne lösen kann. Deswegen appelliere ich so vehement an die Menschen, den globalen Marken oder den großen Ketten kein Geld zu geben.

Solche Argumente trägt auch Michael Moore gerne vor. Worin unterscheidet ihr euch, bis auf die Tatsache, dass Michael Moore nie in einer Punk-Band gespielt hat?

Ich glaube, Moore will Menschen wieder zu einer Art bedeutsamer Arbeit zurückbringen. Er kommt aus Flint, Michigan, einer Stadt, die komplett von den Jobkürzungen bei General Motors zerknickt wurde. Ich persönlich würde nie dort arbeiten und leben wollen. Aber mit dem, was sie zu bieten hat, könnte die Stadt genauso gut Tschernobyl heißen. Darüber ist er etwas verbittert.

In der Suche nach einen geeigneten, demokratischen Kandidaten, um George W. Bush nächstes Jahr zu ersetzen, hat Moore in einem ehemaligen General, Wesley Clark, einen Verbündeten gefunden. Teilst du diese Entscheidung?

Moore war offensichtlich davon gerührt, dass sich Clark für ihn eingesetzt hat. Das kann ich auch verstehen, dennoch gebe ich niemandem meine Stimme, der für den Krieg, gegen Drogen, für die Todesstrafe, für die Welthandelsorganisation oder für das Star-Wars-Verteidigungsprogramm ist.

Welche Chancen räumst du denn George W. Bush ein, 2004 noch mal Präsident zu werden?

Er wurde das letzte Mal nicht gewählt und ist trotzdem Präsident geworden. Selbst wenn er nur fünf Prozent aller Stimmen kriegt, seine Gangster werden schon einen Weg finden.

Im Jahr 2000 hast du dich als Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen. Dieses Jahr unterstützt du eine "Punk Voter"-Wahlkampagne. Wie funktioniert das?

Die Hauptziele dieser Aktion sind erstens, George W. Bush von seinem Amt zu vertreiben, und zweitens, dadurch Menschen zu bewegen, längerfristige Wähler zu werden. Am liebsten wäre mir, wenn sie ihre Stimme den Grünen geben würden und nicht den Demokraten. Wenn sich aufgrund von "Punk Voter" anderthalb Millionen Menschen zur Wahl registrieren und Bush zurück in seine Kinderstube schicken, dann ist das auch gut!

Oliver Köhler (30) ist zurzeit unser Mann in Indien. Er schreibt für De:Bug, telepolis und MSNBC.com.

Foto: alternativetentacles.com


www.alternativetentacles.com
Biafras Plattenlabel Alternative Tentacles

www.amnesty.de
Amnesty International

www.aclu.org
American Civil Liberties Union (Amerikanische Bürgerrechtsunion)

www.usasnet.org
United Students Against Sweatshops

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