
26 Jahre nach dem "Deutschen Herbst" und sechs Jahre nach dem offiziellen Schlussstrich, den die RAF-Mitglieder unter ihre Form des Staatswiderstandes zogen, mit einem Fax an die Nachrichtenagentur Reuters: "Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte", ist die Rote Armee Fraktion - ihre Protagonisten, Mitläufer und ihre Geschichte - vor allem eins: sehr präsent. Ein seit wenigen Jahren nicht mehr endender Materialregen - Dokumentar- und Spielfilme, Zeitzeugenbücher, Bildbände, Doku-Romane, sogar eine Audio-CD mit der Stimme Ulrike Meinhoffs ist in diesem Herbst erschienen - zeugt davon, auch die aufgeregte Diskussion um die geplante RAF-Ausstellung in den Berliner "Kunstwerken", Projekttitel "Mythos RAF". Erst recht die Versuche, eben diesen "Mythos" in Teilen als ästhetisches Phänomen zu etablieren.
Ausstrahlung wie ein Gangsterboss
An der RAF kommt man eben nicht vorbei. Ihre Biographie erzählt ja auch viel von der Studentenbewegung und der 68er-Revolte. Alleine das mystifizierte "Busenattentat" auf Adorno, an das jetzt anlässlich seines hundertsten Geburtstags wieder erinnert wurde: Drei Frauen überraschten und bestürzten den als Frauenfan bekannten Philosophen in einer Vorlesung mit dem Aufblitzen ihrer nackten Busen, ein Racheakt für die fehlende Unterstützung Adornos bei den Studentenprotesten. Auch in der Berichterstattung darüber führt eine Spur zu Andreas Baader, der in der WG einer der "Attentäterinnen" damals ein und aus ging und eine Ausstrahlung "wie ein Gangsterboss" hatte, wie sie sich erinnert.
Das war im Sommer 1969. Baader, Gudrun Ensslin, der Theatermacher Hans Söhnlein und der Aktivist Thorwald Proll waren gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, wo sie in Untersuchungshaft für die "Kaufhausbrandstiftung" von 1968 gesessen hatten, eine erste Aktion des Kerns der späteren RAF. Das Warten auf die Revision nutzten die vier Freunde für die so genannte "Lehrlingsaktion": Sie schlugen Rabauz in Fürsorgeheimen und kümmerten sich dann um die weggelaufenen Zöglinge, brachten sie in Wohngemeinschaften unter, diskutierten mit ihren Eltern und lasen ihnen aus Maos Schriften vor. Die Jugendlichen wurden zu ihren "Lehrlingen". Das alles geschah ganz kurz vor dem Umkippen in die gewalttätige Phase, ein knappes Jahr vor Gründung der RAF. "Es war eine schöne Sache", erinnert sich Thorwald Proll, "es hat echt was gebracht".
Wende in Paris
Der Journalist Daniel Dubbe hat Thorwald Proll über diese Zeit befragt. Das Buch ""Wir kamen vom anderen Stern" erzählt von der engen Freundschaft Prolls zu Baader und Ensslin, von der Kommune 1, der Kaufhausbrandstiftung und der Zeit in der U-Haft. Als Baader und Ensslin sich im Herbst 1969 nach Ablehnung des Revisionsverfahrens entschieden unterzutauchen, reiste Proll noch mit ihnen nach Paris. Thorwalds Schwester Astrid, eine Fotografin, folgte mit einigen "Lehrlingen". Astrid Proll hielt die entspannte Stimmung bei einem Pariser Caféhausbesuch in Schnappschüssen fest - man kennt sie auch aus ihrem 1998 mit großem Erfolg veröffentlichten RAF-Buch "Hans und Grete". Bei der weiteren Flucht war Thorwald Proll nicht mehr dabei. Er stellte sich im Frühjahr 1970 der Justiz und saß seine Strafe für die Anschläge auf die beiden Frankfurter Kaufhäuser ab.
Dropouts
Proll stieg also "rechtzeitig" aus, er war weiter linkspolitisch aktiv, hatte aber mit Baader und Ensslin keinen Kontakt mehr. Vor allem von der beeindruckenden Ausstrahlung Andreas Baaders erzählt Proll in dem Interviewbuch viel: der Wortführer der Gruppe als der autoritäre "Verführer", der für die Romanfiguren von Jean Genet schwärmte - der Regisseur Christopher Roth konstruierte seinen RAF-Film "Baader" von 2002 deswegen ja komplett um dessen Persönlichkeit. "We were dropouts", erinnert sich Proll, romantisch und radikal Wesen "vom anderen Stern". Die Diskussion geht weiter.

Daniel Dubbe und Thorwald Proll: Wir kamen vom anderen Stern. Über 1968, Andreas Baader und ein Kaufhaus (Edition Nautilus 2003, ca. 10 €)
Weiterlesen:
Thorwald Proll: Mein 68. Aufzeichnungen, Briefe, Interviews (Verlag auf hoher See 1994, Book on Demand, ca. 16 €)
Astrid Proll: Hans und Grete. Die RAF 1967-1977 (Steidl Verlag 1998, vergriffen, ev. zu bekommen bei www.zvab.de)
Weiterhören:
Stefan Aust, Bettina Röhl, Regina Leßner: Ulrike Meinhof. Mythos und Wirklichkeit (Der Audio Verlag 2003, CD mit Booklet, ca. 15 €)
Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin.
Foto: "Thorwald Proll" / Edition-Nautilus
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