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Christoph Twickel (Hg.): Läden, Schuppen, Kaschemmen

Ausgehen in Hamburg

15.12.2003 | Kito Nedo | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ausgehen, Party, Trinken: Das können ausfüllende Tätigkeiten sein. Mehr noch: Wer professionelles Ausgehen betreibt, ist schnell ein produktiver Bestandteil desselben - genau wie die Organisatoren des Nightlife, Clubbetreiber, Musiker, Labelmacher, Tresenkräfte, Türsteher und DJs. Nur schade, dass die Gesellschaft das so nicht anerkennnen will.

Forward ever ...

Was man dann so denkt, beschrieb neulich die Berliner Musikerin und Autorin Christiane Rösinger: "Die Nächte [sind] ein ewiges Ins-Kino-Gehen, Was-trinken-Gehen, Auf-Konzerte-Gehen, In-Clubs-Gehen, Auf-Partys-Gehen, Nach-Hause-Gehen. Das ist langweilig, aber auch sehr anstrengend. Alles, was wir tun, ist gleichzeitig hoch spezialisierte Arbeit, aber fast nichts wird bezahlt: sich informieren, schreiben, Projekte machen, vernetzen, Band haben, Kinder großziehen, ausgehen. Wir müssen Erlebnisse haben, um sie verwerten zu können, Demütigungen erleben, um daran zu wachsen, zwischenmenschliche Schwierigkeiten überwinden, um soziale Kompetenz anzuhäufen. Diese Anstrengungen werden von unserer leistungsorientierten Gesellschaft natürlich null honoriert, aber das ist uns auch ein bisschen recht, denn wir sind ohnehin für ein eher kontemplatives Dasein geschaffen." Im Kern hat Christiane Rösinger wahrscheinlich Recht.

Mit dem Buch "Läden, Schuppen, Kaschemmen" wird den Leuten, die Nachtleben produzieren, zumindest publizistisch endlich Respekt gezollt. Herausgeber Christoph Twickel und sein Autorenkollektiv - Twickel war Chefredakteur des Hamburger Stadtmagazins "Szene" - haben eine spannende "Hamburger Popkulturgeschichte" geschrieben. Twickel und sein Team führten Interviews mit Aktivisten der verschiedenen Hamburger Szenen aus den letzten 35 Jahren, drehten das Material durch die Cut-up-Maschine und fügten es dann wieder zu sechs chronologisch und thematisch geordneten Kapiteln zusammen. Ein ähnliches Verfahren hat Jürgen Teipel im Punk-Reader "Verschwende deine Jugend" 2001 benutzt, um einen Doku-Roman-Flow herzustellen. So erfährt man, wie es in den 70ern im "Onkel Pö" abging, wer sich in den 80ern im "Subito" und der "Markthall" herumtrieb, man liest über die Anfänge der Clubkultur bis zum "Mojo"-Hype, wie das mit der Hamburger Schule, Schorsch und Rocko wirklich war, warum die HH-Dub-Soundsystems politischer sind als anderswo und wieso ausgerechnet Hamburg heute so HipHop ist.

... backward never!

Wer denkt, dass Hamburg doch völlig überbewertet, langweilig, verregnet, kalt und grau ist; wem die Hamburger Mischung von Politik und Kultur schon immer suspekt war und wen es nicht interessiert, woher seit Jahren diese ganze großartige Musik herkommt, der sollte dieses Buch nicht anrühren. Oder vielleicht gerade deswegen. Die anderen, offenen und heimlichen Fans dieser Stadt wird es sowieso begeistern.

Kito Nedo, 28, lebt und schreibt in Berlin.

Foto: Edition Nautilus

Christoph Twickel (Hg.): Läden, Schuppen, Kaschemmen. Eine Hamburger Popkulturgeschichte (Edition Nautilus 2003, ca. 15 €)



Zum Weiterlesen:


Judith Ammann: Who's been sleeping in my brain? Interviews Post Punk (Edition Suhrkamp 1987, manchmal erhältlich bei www.zvab.de)
Gespräche mit den entscheidenden Post-Punk-Protagonist/innen der frühen 80er Jahre, war seiner Zeit weit voraus und ist leider schon lange vergriffen - umso spannender ist die Suche danach ...

Legs McNeill und Gillian McCain: Please Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk (Hannibal Verlag 2003, ca. 26 €)
Der Oral History-Klassiker über die New Yorker Punk Szene. Sowohl Vorbild für Jürgen Teipels "Verschwende deine Jugend" als auch für "Läden, Schuppen, Kaschemmen".

Martin Eberle: Temporary Spaces (Die Gestalten Verlag 2001, 40 €)
Über den Zeitraum von 10 Jahren dokumentierte der Fotograf Martin Eberle vorwiegend illegale und meist längst verschwundene Clubs in Berlin. Eberle fotografierte diese Orte menschenleer, ihre Eingänge bei Tageslicht - so wie man sie beim Ausgehen nie gesehen hat. Der Autor Heinrich Dubel führte dazu Interviews mit ehemaligen Besuchern, die er zu sehr kurzen, aussagekräftigen Bildlegenden destilliert - bislang das eigenartigste und überzeugendste Buch über das Nachtleben der 1990er Jahre in Berlin-Mitte.



www.taz.de/pt/2003/06/20/a0124.nf/text
Christiane Rösinger in der tageszeitung über "Das Leben der Lo-Fi-Boheme"

http://pwedelich.bei.t-online.de/HH-Schule.htm
Hausarbeit über das Phänomen "Hamburger Schule" von Corinna Berghahn und Anne-Katrin Fischer (Uni Osnabrück)

www.edition-nautilus.de
Auch die Edition Nautilus gehört zur Hamburger Popkulturgeschichte

www.lado.de
L'AGE D'OR - ein wichtiges Hamburger Label

www.whatssofunnyabout.de
What's So Funny About ist das "klassische Hamburger Label" - der Betreiber Alfred Hilsberg soll angeblich 1979 in einem Artikel für die Musikzeitschrift "Sounds" die Bezeichnung "Neue Deutsche Welle" erfunden haben

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