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Linus Volkmann: heimweh to hell

Kleine Helden

8.12.2003 | Jörg Sundermeier | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Linus Volkmann ist ein schicker Typ. Wirklich. Sieht man ihn auf den Fotostrecken in dem Magazin Intro, dessen Redakteur er ist, so sieht man einen ganz hübschen Menschen mit komischen, siebziger-mäßigen Hemden, einer kunstvoll verwuschelten Unfrisur und einer dicken Brille. Er kennt sich aus in Sachen Pop, das sieht man gleich. Er will, das wir's sehen.

Und tatsächlich ist Volkmann auch ein guter Beobachter all jener Leute, die so aussehen wie er. In drei Büchern, "Super Lupo oder jeder Freund ist anders", "smells like niederlage" und dem soeben erschienenen neuen Geschichtenband "heimweh to hell" hat er mit King Cobra oder Robbe und Bürzel Figuren erfunden, die als Prototypen für gewisse Popmenschen gelten dürfen. King Cobra etwa heißt in Wirklichkeit "... peter carsten. aber kaum einer nennt ihn so. er war eine zeit frontmann der punkband pkk. seit zwei jahren wohnt der blonde strubbelkopf und chaostage-veteran in einem betreuten wohnheim für theater-, film- und fernsehwissenschaftsstudenten."

Mythos Chaostage

Tatsächlich nannten sich noch vor wenigen Jahren Punkbands, die sich für politisch hielten, nach der radikalen kurdischen Partei PKK. Die Chaostage spielten in den privaten Mythen solcher Leute eine wahnsinnig wichtige Rolle, und nicht wenige, die davon erzählten, waren plötzlich auch dabei gewesen und glaubten das sogar selbst irgendwann. "der blonde strubbelkopf und chaostage-veteran" - solche Bilder sind witzig, weil Volkmann in ihnen die Sprache der Fünfziger-Jahre-"Bravo" mit der der Punks zusammenbringt, solange, bis sie ununterscheidbar sind.

Beides sind "jugendliche" Jargons, die benutzt werden, um sich von Erwachsenen abzugrenzen. Wer älter wird, wie etwa der brave Student in Volkmanns Buch, muss mit dem Drang nach Jugendlichkeit zwangsläufig scheitern. King Cobra scheitert stets: auf Drogen, auf Partys, beim Provozieren seiner Öko-Freunde, bei Beziehungsfragen, immer zwingt ihm seine Sehnsucht nach Jugendlichkeit eine Haltung auf, die ihn zwangsläufig zum Dummkopf werden lässt. Und interessanterweise - wie Volkmann sehr gut beobachtet hat - gefallen sich diese Leute, die nur noch auf die Nerven gehen, darin und halten sich mit ihrer Nervigkeit für etwas ganz Besonderes.

Nicht anders Robbe und Bürzel, die nicht nur niedliche Namen haben, nein, sie haben ihre Schüchternheit in einer Weise kultiviert, dass sie ihnen eigen geworden ist. Sie sind Nerds, spielen mit ihren Kumpels Rollenspiele und debattieren über Star-Trek-Folgen - doch eigentlich geht es ihnen nur um Mädchen, um die Sehnsucht nach ihnen. Tritt jedoch eine Frau in ihr Leben, fordernd gar, so sind sie geradezu verletzt - gegen den Traum hält die Wirklichkeit nicht stand.

King Girls

King Hörnchen schließlich, die Schwester King Cobras, die sich aus missverstandener Solidarität gleichfalls King nennt (ihre Freundinnen übrigens auch, so dass es auch eine King Angela und eine King Maria gibt) erlebt das Nicht-Erwachsenwerden noch als ein Spiel. Wie schlecht es ihrem Bruder geht, ahnt sie nicht, sie kennt nur die Heldengeschichten, Popgeschichten, feuchte Träume eines Möchtegerns. Und tatsächlich ist sie eine der wenigen, die der Bruder noch beeindrucken kann. Eben: weil sie noch jung ist. Zu jung.

"heimweh to hell" ist ein lustiges Buch, weil Volkmann diese Dummheit, die wir alle auch von uns selbst kennen, sehr genau beschreiben kann. Er parodiert, ohne zu denunzieren. Das ist selten geworden, diese Kunst. Sie ist sehr schön, weil sie menschlich ist.

Linus Volkmann: heimweh to hell (Ventil Verlag 2003, circa 10 €)

Jörg Sundermeier schreibt unter anderem für die tageszeitung und die Jungle World.

Foto: Ventil Verlag



www.intro.de
Bei dem Gratis-Musikmagazin Intro ist Linus Volkmann Redakteur

www.chaostage2003.de
Mehr über das jährliche Punktreffen Chaostage

www.ventil-verlag.de
Die Website des Ventil-Verlags

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