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Matt Hills: Fan Cultures

Über die Produktivität des Konsumenten

26.4.2002 | Axel John Wieder | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Jeder weiß, was ein Fan ist. Man denkt an das erste Konzert, ein Autogramm oder die Vorfreude auf einen Kinofilm. Zu Star-Trek-Filmpremieren versammeln sich bekanntlich kultisch kostümierte Enthusiasten vor ebenso kostümierten Kartenabreißern. In der "Bravo" zirkulieren immer noch Fanclub-Adressen, Lesegruppen zu neuerer Staatstheorie bleiben dagegen eher unter sich.

Eine gültige Theorie

Zu solchen Freak-Phänomenen ist im letzten Jahrzehnt viel geschrieben worden. In materialreichen Fortführungen der Cultural Studies wurden vor allem subkulturelle Gruppierungen und extreme Phänomene wie Slasherfilme und Obsessions-Fanzines untersucht. Diese Untersuchungen blieben beim einzelnen Thema, um unzulässige Verallgemeinerungen zu vermeiden. Das neu erschienene Buch von Matt Hills versucht dagegen einen Überblick: "Vielleicht unmodischerweise behaupte ich", schreibt er, "dass eine allgemeine Theorie des Fantums nicht nur möglich, sondern auch wichtig ist."

Hingabe und Produktivität

Hills Einschätzung begründet sich in der verzwickten jüngeren Theoriegeschichte. Fans hatten dabei lange Zeit einen schwierigen Stand. Für die bildungsbürgerliche Kulturkritik galten Massenmedien vor allem als Kontrollinstrumente über das Bewusstsein der Konsumenten. Eltern mutmaßten gleich: Wenn der Star aus dem Fenster springt, folgt ihm wohl auch der jugendliche Fan. Mit Michel de Certeaus 1980 erschienener Studie zur "Kunst des Handelns" änderte sich die Perspektive. An Beispielen wie Fernsehen oder Einkaufen beobachtet Certeau die Konsumenten sowohl in "passiver Hingabe", als auch in "produktiver Aktion". Zuweilen kann diese Aktion sich auch gegen die eigentliche Absicht wenden, wenn etwa Fernsehsendungen aus den falschen Gründen gemocht oder Geschmacksregeln beim Shoppen eigenwillig gemixt werden. Der Konsument hat eben seinen eigenen Kopf. Den galt es medienanalytisch zu erforschen.

Die Jahrzehnte der Affirmation

Die wichtigen "Zeitgeist-Postillen" der späten 80er Jahre wie "Tempo" überführten diese Aufwertung der Konsumenten in ein handelbares Format. Die noch kurz vorher als oberflächlich denunzierten Kenntnisse zu Markenartikeln, Stars und Szene wurden hier in hemmungsloser Affirmation angehäuft, verfeinert und gefeiert. Aus dem Produkttest von Turnschuhen oder den inzwischen einschlägigen In / Out-Listen sprachen vor allem begeisterungsfähige Teilnehmer der Konsumwelt. Kurz vor dem Ende von "Tempo" kam eine Wende. "Im Reich der Kelly Family. Ihre bizarrsten Geheimnisse" (Nr. 2/1995) entdeckte im Format einer kritisch-distanzierten Reportage den Fan als betrogenen Deppen. Gegenüber der bewusst-kennerschaftlichen Unterscheidungsgabe des "Tempo"-Autors wirkten die Kelly-Figuren konservativ und hilflos.

Kritisches Vergnügen?

Die Frage nach der Angemessenheit solcher moralischer Urteile bildet eine Art Leitfaden in Matt Hills "Fan Cultures". Hill argumentiert nicht nur gegen generelle Urteile, sondern auch gegen eine Wertung in rebellische und angepasste Fans, also "gute" und "schlechte" Fans. Fankulturen scheint ein innerer Widerspruch zwischen massenkulturellem Vergnügen und radikaler Kritik an herrschenden Verhältnissen vielmehr grundlegend eingeschrieben zu sein: eine uneindeutige Position zwischen Konsum und Widerstand, Gemeinschaft und Hierarchie. In seiner Analyse bisheriger Theorien entdeckt Hills, wie immer wieder versucht wird, diesen Konflikt in Wertungen und Urteile aufzulösen. In diesem Widerspruch liege aber gerade das Besondere des Themas.

Eine handfeste Begründung dieser Argumentation findet sich schon in der Einleitung. Hills beschreibt darin das Verhältnis von Akademikern in ihrem wissenschaftlichen Zugriff auf vermeintlich fortschrittliche Fans. Folgen nicht auch solche theoretischen Unterstützungen für einige gegenüber anderen Fans bestimmten Vorlieben? Steckt im aufgeklärt argumentierenden Akademiker also in Wahrheit nur ein Fan? Matt Hills jedenfalls hat seinem Buch eine Jeansjacke über das Cover gezogen und glänzende Buttons aufgesteckt. Sie lassen keinen Zweifel, dass die Verhältnisse nicht so einfach zu klären sind: "Die Wahrheit ist irgendwo da draußen" (X-Files).

Axel John Wieder ist Kunstkritiker und besitzt alle Ausgaben von Tempo.

Matt Hills: Fan Cultures
(Routledge, 24.50 €)





Weitere Bücher zum Thema:

Michel de Certeau: Kunst des Handelns (Merve Verlag 1988, 19 €)

Julie Burchill (Hg.: Spex): Über Prince, Pop, Elvis, Kommunismus, Feminismus, Fußball usw. (Kiepenheuer & Witsch 1987, antiquarisch z. B. bei www.zvab.de )

Angela Mc Robbie: Feminism and Youth Culture
(Routledge 2000, ca. 31 €)

John Fiske, Rainer Winter, Lothar Mikos (Hg.): Die Fabrikation des Populären - Der John Fiske-Reader (transcript 2001, 25.80 €)

Jan Engelmann (Hg.): Die kleinen Unterschiede - Der Cultural Studies-Reader (Campus, 21.50 €)







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