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Im Gen steckt Geld

Pharma-Konzerne wittern das große Geschäft

26.4.2002 | Sabine Riewenherm | Kommentar schreiben | Artikel drucken
"Eine Industrie von Spielern" - so nannte die US-Zeitschrift "Business Week" einmal die Biotechnologie-Industrie. Ihr größter "Global Player" ist das amerikanische Unternehmen "Monsanto". Mit Firmenaufkäufen in Milliardenhöhe verwandelte sich der ehemalige Chemiekonzern (unter anderem Produzent von "Agent Orange", einem Pflanzengift, das im Vietnam-Krieg eingesetzt wurde) in wenigen Jahren in eines der größten und umsatzstärksten Biotechnologie-Unternehmen. Bei einer beispiellosen Einkaufs-Tour schluckte Monsanto seit Mitte der 1990er Jahre nicht nur viele kleinere Unternehmen, sondern erwarb zahllose Anteile am US-Saatgutmarkt und wichtige Patente für die Pflanzenproduktion. Neben Monsanto setzten auf den Boom in der Gentechnologie weitere traditionelle Pharma- oder Agro-Konzerne wie zum Beispiel in den USA "DuPont" oder in der Schweiz "Ciba" und "Sandoz". In Deutschland gründeten die beiden Konzerne "Hoechst" und "Schering" das Agro-Unternehmen "AgrEvo".

Elefantenhochzeiten

Im globalen Wirtschaftsleben ließen sich pharmazeutische und agrochemische Bereiche immer schlechter auseinanderhalten. Life Science Industrie lautete das Schlagwort. Die neuen Gemischtwaren-Konzerne wollten alles verkaufen - Saatgut, Pflanzengifte und dazu passende gentechnisch veränderte Pflanzen, Lebensmittel, Medikamente und Gen-Tests für weit verbreitete Krankheiten wie Brustkrebs.

Um die ganze Produktpalette anbieten zu können, mussten sich die Konzerne untereinander verbünden. Eine Elefantenhochzeit nach der anderen fand statt. In der Schweiz fusionierten zum Beispiel die beiden Unternehmen Ciba und Sandoz. Sie nannten ihren neuen Life-Science Konzern "Novartis". Und Ende 1998 verkündeten der deutsche Großkonzern Hoechst und das französische Unternehmen "Rhône-Poulenc", dass sie gemeinsam Geld verdienen wollten. Das Fusionsobjekt wurde "Aventis" getauft - eine Wortschöpfung, die signalisieren sollte, wo sich der neue Megakonzern ansiedeln wollte: Ganz oben, da wo Novartis und Monsanto schon ihre Plätze eingenommen hatten.

Ein Elefant im Porzellanladen

Die Vertreter der Life Science Industrie hatten den globalen Medizin- und Ernährungsmarkt unter sich aufgeteilt. Da tauchten die ersten Wolken am bisher ungetrüben Biotechnologie-Himmel auf. Alles fing damit an, dass Monsanto im Herbst 1996 mit einer gentechnisch veränderten Sojabohne den europäischen Markt erobern wollte. Der US-Konzern traf auf erbitterten Widerstand. Denn zusammen mit Monsanto stieg die große Umweltschutzorganisation "Greenpeace" in die Gentechnik-Debatte ein. Monsanto reagierte offensiv und selbstbewusst. Eiligst wurde zum Beispiel in Deutschland ein "Informationsbüro Sojabohne" für den Dialog mit der Öffentlichkeit eingerichtet. Doch das Unternehmen ließ sonst nicht mit sich reden. Der Verbraucher müsse sowieso essen, was auf den Tisch komme. Denn man könne bei der Ernte in den USA herkömmliche und gentechnisch veränderte Soja nicht voneinander trennen. Das Argument veranlasste Greenpeace dazu, nach gentechnikfreien Sojamärkten Ausschau zu halten. In ganz Europa wurde ein Lebensmittelkonzern nach dem anderen unter Druck gesetzt, auf Gentech-Soja in seinen Produkten zu verzichten. Die Absatzprobleme von Gentech-Pflanzen waren Ende 1999 so groß, dass in den USA viele Landwirte immense wirtschaftliche Einbrüche befürchteten. Sie hatten viele Millionen Tonnen Gentech-Pflanzen angebaut, die nun niemand mehr wollte.

Gleichzeitig regte sich zunehmend internationaler Widerstand gegen die gentechnologischen Entwicklungen im Agrarbereich. Schuld daran war gentechnisch hergestelltes "Terminator-Saatgut", das nur bei der ersten Aussaat keimt. So haben Bauern kein Saatgut für eine erneute Aussaat, sondern müssen immer wieder neues kaufen. Auf Kritik stieß auch Monsantos Strategie, Landwirte mit Knebelverträgen zu zwingen, keine Ernte für die Wideraussaat zu verwenden, sondern das Saatgut immer wieder neu zu kaufen.

Life Science ist tot, Monsanto lebt

Die Marktstrategie nach "Wildwest-Manier" schadete dem Image der Biotechnologie-Branche. Eine Studie einer US-amerikanischen Analysegruppe der Deutschen Bank, die im Juli 1999 für Aufsehen unter Aktionären sorgte, bestätigte diese Einschätzung. Die Autoren der Studie stellten resigniert fest, dass die Industrie die "Wahrnehmungskriege" verloren habe. Das US-amerikanische Politik-Magazin "Times" verpasste Monsanto in seiner Ausgabe vom Dezember 1999 das Urteil "schlechteste PR des Jahres 1999". Gleichzeitig erhielt Greenpeace eine Auszeichnung für die "beste Öffentlichkeitsarbeit".

Immer mehr Konzerne überlegten daraufhin, ihre agrochemischen Sparten auszugliedern. So trennten sich die beiden Life Science Konzerne "AstraZeneca" und Novartis von ihren Agrogeschäften und lassen sie inzwischen von dem gemeinsamen Unternehmen "Syngenta" durchführen. Monsanto, finanziell angeschlagen, fusionierte mit dem riesigen US-Konzern "Pharmacia & Upjohn". Aber Pharmacia wollte Monsanto nur ohne das Image-schädigende Agrogeschäft übernehmen. Es läuft noch immer unter dem Namen Monsanto, und bis Ende 2002 will sich Pharmacia ganz aus dem Agrogeschäft zurückziehen.
Das "Aus" für das Life Science-Konzept bedeutet nicht ein "Aus" für den Gentechnologie-Bereich. Monsanto arbeitet derzeit mit einem weltweiten Werbefeldzug daran, seine Imageprobleme in den Griff zu bekommen. Der Konzern ist immer noch das größte Biotechnologie-Unternehmen; es ist nach "Pioneer" der zweitgrößte Saatguthersteller weltweit, nach Syngenta der zweitgrößte Hersteller von Pflanzenschutzmitteln, und Monsantos "Round-up Ready" ist das weltweit meistverkaufte Pflanzengift. Fast alle herbizidresistenten Sojapflanzen, die in den USA wachsen, stammen zum Beispiel von Monsanto. Bei den Absatzproblemen auf dem europäischen Markt bekommt Monsanto tatkräftige Unterstützung von der amerikanischen Regierung. Sie versucht derzeit, die Europäische Union vor der Welthandelsorganisation (WTO) unter Druck zu setzen, die Gentech-Pflanzen und ihre Produkte zuzulassen.

Hohe Investitionen = hoher Gewinn?

Wirtschaftsexperten schätzen, dass es zumindest in Europa im Agrobereich der Gentechnik in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch nicht zu nennenswerten Gewinnen kommen wird. Von den über 600 Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland arbeiten daher auch rund 85 Prozent auf dem medizinischen Sektor. Grundsätzlich gilt: Nur die wenigsten Biotechnologie-Unternehmen können schon von einer Vermarktung ihrer Produkte leben. In den USA, wo rund 500 der über 1300 Biotech-Firmen an der Börse notiert sind, leben viele nur vom Verkauf ihrer Aktien. Biotech-Aktien sind jedoch nichts für konservative Anleger: Das ständige Auf und Ab der Börsenkurse sowie der Kapitalhunger der Biotech-Firmen resultieren vor allem aus den hohen Kosten und langen Entwicklungszeiten für ein marktfähiges Produkt. Zahlreiche gentechnisch hergestellte Medikamente sollen laut Berichten von Pharmaunternehmen kurz vor der Zulassung stehen oder durchlaufen gerade klinische Tests. Unsicher ist, wieviele dieser Produkte wirklich den Markt erreichen.

In Deutschland sind bisher nur rund 20 Firmen börsennotiert. Die meisten Unternehmen profitieren von staatlichen Fördergeldern des Bundesforschungsministeriums und stehen noch nicht auf eigenen Beinen. Viele Firmen, auch in Deutschland, sind Dienstleistungs- oder Zulieferbetriebe, bieten aber keine eigenen Gentechnik-Produkte an. Analysten der Banken warnen, wenn es langfristig nicht zu Produktentwicklungen kommt, dann würden auch die besten Gewinn-Prognosen nichts nützen. Viele der kleinen und mittleren Biotechnologie-Unternehmen stecken schon jetzt wirtschaftlich in Schwierigkeiten und mit Insolvenzen im Jahr 2002 wird gerechnet. Wirtschaftsexperten nennen diese Phase "Konsolidierung", andere würden "Pleitewelle" dazu sagen.

Sabine Riewenherm ist Biologin und Redakteurin der Zeitschrift "Gen-ethischer Informationsdienst". Sie lebt und arbeitet in Berlin.


www.ey.com
Internationales Wirtschaftsberatungsunternehmen Ernst & Young, das für die Industrie und Politik Biotechnologie-Reports erstellt
www.oneworldweb.de/organisationen
Forum zu Politik und Umwelt mit Beiträgen zum Thema "Gentech und Wirtschaft"
www.ucsusa.org
Website einer kritischen Wissenschaftlergruppe in den USA, die sich mit Fragen rund um die Gentechnik und ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen beschäftigt.




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