
Sie trinken, sie pennen, sie haben Sex, dröhnen sich mit Jazzmusik und Drogen gleichermaßen zu. Und fahren durch Amerika. Mehr passiert eigentlich nicht. Und dennoch: "Unterwegs" von Jack Kerouac prägte Generationen von Schriftstellern und Schriftstellerinnen.
"On the Road", so der Originaltitel, erschien 1957. Ein Buch, das halb Fiktion ist und halb Autobiographie und so geschmeidig und schnell wie ein blitzender Schlitten, der bei durchgedrücktem Gaspedal US-Highways entlangdonnert. So etwas hatte man damals noch nicht gelesen.
Von einem Trip zum nächsten
Es ist die Geschichte einer Gruppe junger Typen, die zusammen durch die Staaten bis nach Mexiko brausen, hin und zurück, ziellos, aus schierer Freude am Dasein. Erzählt werden diese Abenteuer, die stets zwischen Wachen und Träumen dahinfließen, von dem jungen Sal Paradise, das fiktionale Alter Ego Kerouacs.
Sal hat sich gerade von seiner Frau getrennt, als die Geschichte beginnt. In New York trifft er auf Dean Moriarty, einen durchgeknallten Kerl, der immer die eine oder andere "Tussi" am Start hat, während er durch das Land reist. Diese Begegnung ist für den jungen Sal wie ein Urknall. Damit, schreibt Kerouac, "begann der Teil meines Lebens, den man als mein Leben unterwegs bezeichnen könnte". Im Sommer 1947 bricht Sal also auf: auf in die Freiheit Amerikas. Auch wenn sich die Wege von Sal, Dean und den anderen immer wieder kreuzen, ist Sal meist alleine unterwegs und hangelt sich auf seinen Tramp-Touren von einem Mädchen, einem Trip und einem provisorischen Schlafplatz zum nächsten.
Neben Allen Ginsberg und William S. Burroughs ist Jack Kerouac eine der zentralen Figuren der so genannten Beat Generation. Ginsbergs expressionistisches Langgedicht "Howl" gilt als der Anfang dieser Stilrichtung, die stets versuchte, das Leben sprachlich so drastisch wie möglich abzubilden. Die Beatniks sprengten die Standards sowohl inhaltlich als auch stilistisch: Sie präsentierten in ihren Werken einerseits, was in den prüden 1950er-Jahren als obszön verpönt war, und andererseits, was nicht den gängigen Erzählformen entsprach.
Es war eine Revolution, die der Jugend jener Ära aus der Seele sprach. Beat steht auch für einen aufkeimenden Widerstand gegen gesellschaftliche
Normen: Die Generation, die während des Zweiten Weltkriegs in den USA jung war, hatte in der Nachkriegszeit die Schnauze voll. Sie wollten anders sein als ihre Eltern, weg vom langweiligen College, das damals noch als unhinterfragte Bastion der Ordnung galt. Dazu gehörte auch, dass weiße Mittelschichtjungs wie Sal den schmutzigen Sound des Jazz für sich entdeckten, auch das eine Rebellion. Man kann sagen: Was in der Beat-Ära von einer Minderheit losgetreten wurde, mündete in die Studentenrevolten der 1960er-Jahre.
Himmelhoch jauchzend, zu Tode gelangweilt
Der Name der Stilrichtung, erläuterte Kerouac einmal, sei eine Mischung aus "beaten down", niedergeschlagen, und "beatific", glücklich. Zu Tode gelangweilt und himmelhoch jauchzend, alles auf einmal – und Texte, die mit Gespür für Rhythmus erzählt werden; auch der immer vorwärtstreibende Beat war unverzichtbarer Bestandteil jener Texte. Auch das zeigt die Nähe zu der Lieblingsmusik der Beatniks, dem rauen, schnellen Jazz. Die Sätze gleichen einem geschmeidigen Erzählstrom, unterbrochen nur von den Kommata, einem Luftholen, alles geschrieben wie gesprochen, eine Mischung aus Umgangssprache und Lautmalerei.
Bei "Unterwegs" hat diese atemraubende Erzählweise sicher auch mit dem Entstehungsprozess des Werkes zu tun. Kerouac hatte sein Epos innerhalb von drei Wochen heruntergeschrieben, wie in einem Fieberwahn. Tag und Nacht hämmerte er in seine Schreibmaschine, und damit es schneller ging, klebte er Butterbrotpapier aneinander. Die Rolle, die der damals 29-Jährige seinem Verleger schickte, war am Ende 36 Meter lang, die Buchstaben dicht an dicht. Das war 1951. Für die Veröffentlichung wurde das Manuskript radikal zusammengestrichen, sechs Jahre dauerte das. Die ursprüngliche Fassung, die an eine antike Papyrusrolle erinnert, wurde 2001 für stolze 2,5 Millionen US-Dollar versteigert. Zum 50. Jubiläum der Erstausgabe veröffentlichte man übrigens nun auch die komplette erste Version; sie heißt "On the Road. The Scroll".
Aus dem ganzen Text spricht eine unbändige Gier nach Leben, ein Verlangen danach, sich und seine Grenzen bis an das Limit zu testen. Immer verbunden mit einer lässigen Naivität, dem unerschütterlichen Glauben daran, dass gar nichts schief gehen kann: "Ich sah mich schon am selben Abend in einer Kneipe in Denver sitzen, inmitten der ganzen Bande, und in ihren Augen würde ich seltsam und abgerissen daherkommen, wie der Prophet, der quer über das Land kommt, um das geheimnisvolle Wort zu bringen, und das einzige Wort, das mir einfiel, war 'Wow!'." Schließlich, auch wenn die Protagonisten/innen sich das kaum eingestehen, leben sie im so genannten Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie sind und bleiben letztlich Kinder dieser
Ideologie, auch wenn sie eigentlich nichts mit dem Rest dieser Gesellschaft zu tun haben wollen.
Unterwegs setzt bei Sal Paradise irgendwann ein Gefühl der Ernüchterung ein. Er war lange unterwegs, auf der Suche nach Sinn. Am Ende sitzt er wieder in New York am Pier. Und weiß: Er sucht noch immer.
Jack Kerouac: Unterwegs
(Rowohlt 1998, 379 S., 8.95 €)
Anne Haeming schreibt für Print- und Onlinemagazine. Sie lebt in Berlin.
Foto: photocase.com/ ©misterQM
http://earth.google.com Die Reiseroute von Jack Kerouac kann man auf Google Earth nachverfolgen
www.jack-kerouac.de Alles über Jack Kerouac
www.books.rack111.com "On the Road"-Buchcover aus aller Welt
www.ontheroad.org Die Papierrolle ging auf Tour. Hier Bilder des Originalbutterbrotpapiers
http://sprayberry.tripod.com Allen Ginsbergs "Howl" (englisch)
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