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The Who/The Zimmers: My Generation

In Würde leben und sterben

26.2.2010 | Martin Conrads | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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"Jede Zeit gibt ihren Gefühlen eigene Songs, eigene Rhythmen, einen eigenen Herzschlag. Mit der Edition 'My Generation' bringen wir 60 Jahre Lebensgefühl in Ihre Musikanlage." Mit diesen Sätzen bewirbt der Spiegel-Verlag eine im letzten Jahr erschienene CD-Edition, bei der einzelne CDs mit zusammengestellten Songs jeweils für ein Jahr Popgeschichte stehen. Dass ausgerechnet das Jahr 1965 nicht vertreten ist, verwundert: Denn in diesem Jahr veröffentlichte die englische Rockgruppe The Who das Lied, das der Reihe ihren Namen gab.

Geschrieben wurde "My Generation" vom The-Who-Gitarristen Pete Townshend und die charakteristisch gestotterten Zeilen trug Sänger Roger Daltrey vor. Der Song sprach den jungen Mods aus dem Herzen – jener hedonistischen Jugendbewegung im Großbritannien der 1960er-Jahre, die sich durch Stilbewusstsein gebührend Distanz zum kalten Alltag und zu der steifen Elterngeneration erspielen wollte: "Things they do look awful c-c-cold."
 
Das zwischen Selbstvergewisserung ("I'm just talkin' 'bout my g-g-generation") und Selbstbehauptung ("This is my generation, baby") changierende Lied wurde nicht zuletzt, ähnlich wie das ebenfalls auf der "My Generation" betitelten Debüt-LP erschienene "The Kids are Alright", zur Hymne einer sich als rebellisch verstehenden jungen Generation, deren radikalste Forderung die höchstpersönliche Abschaffung des Alters war: "I hope I die before I get old (Talkin' 'bout my generation)."

Instrumentenzerstörung

Unterstützt wurde diese Forderung durch das subversivste Aktionspotenzial, das der Rock'n'Roll seinerzeit hergab: Townshend, der als Kunststudent mit den "autodestruktiven" Arbeiten des deutsch-jüdischen Künstlers Gustav Metzger in Berührung kam, begann ab 1964 bei Bühnenauftritten sein Instrument zu zertrümmern, was zu einer Art Markenzeichen der Band wurde. Am bekanntesten wurde ein Auftritt 1967 im US-Fernsehen, bei dem Schlagzeuger Keith Moon nach dem Abspielen von "My Generation" eine Ladung Sprengstoff in seinem Instrument zündete.
 
Mittlerweile sind Daltrey und Townshend, die noch lebenden Gründungsmitglieder der Band, Mitte 60. Wenn The Who auftreten, singt Daltrey wie ehedem: "I hope I die before I get old." Kurt Cobain, der freiwillig aus dem Leben geschiedene Kopf der Grunge-Band Nirvana, zog in einer Tagebucheintragung aus den frühen 1990er-Jahren seine Konsequenzen aus dieser grotesken Differenz zwischen Soll und Ist: "I hope I die before I turn into Pete Townshend."

Greise im Aufwärtstrend

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The Zimmers

Dass man die unfreiwillige, aber selbstverschuldete Komik, die sich aus dem Absingen von "My Generation" durch in die Jahre gekommene Musiker ergibt, gleichzeitig toppen und in eine würdevolle Aussage verwandeln kann, ist das Verdienst einer etwa 50-köpfigen englischen Band, deren Alter nach eigenen Aussagen zusammengerechnet 3.700 Jahre beträgt. Mit dem The-Who-Stück "My Generation" erreichten The Zimmers, die Band um den fast zahnlosen, damals 90-jährigen Leadsänger Alf Carretta, im Frühjahr 2007 immerhin Platz 26 der UK-Single-Charts. Das Video zum Stück wurde jedoch weltweit ein Hit auf YouTube. Denn ob ein ergrauender Rockstar "My Generation" zum Besten gibt oder ein zuvor unbekannter Greis die Zeile "I hope I die before I get old", macht nicht nur einen Unterschied in Fragen des Alters, sondern vor allem in Sachen Hoffnung.
 
Alte, am Rand der Gesellschaft stehende Menschen produzieren also Lebensenergie – mit den Mitteln des Rock'n'Roll, stilecht, inklusive Gitarren- und Schlagzeugzerstörung. "I hope I die before I get old" meint hier nicht das biologische, sondern das selbstbestimmte Alter auf der einen, das gesellschaftlich zugeschriebene auf der anderen Seite: "People try to put us d-down (Talkin' 'bout my generation)." In diesem Sinn markiert die Band auf ihrer Webseite, sie wolle den falschen Vorstellungen gegenüber älteren Menschen entgegentreten: "The band celebrates all that old age should be."

Awful C-c-c-old

Dafür, dass The Zimmers keine reine Marketing-Idee sind, es sich bei der Band also nicht um einen Fall von "Ageismus", von Altersdiskriminierung handelt, spricht der Dokumentarfilm "Power to the People" (2007), ein Porträt der Band. Zwar hatte der britische Dokumentarfilmer Tim Samuels für die BBC-Produktion The Zimmers als Band erst initiiert, dies aber, um auf eine medienwirksame Weise auf die oft Besorgnis erregenden Lebensumstände alter Menschen in Großbritannien aufmerksam zu machen. Auch wenn The Zimmers im Pop-Business als exotisch und "radikal schick" verstanden werden, wirkt bei ihrem "My Generation" nicht nur der inhaltliche Witz nach, sondern auch das eigene Erstaunen darüber, wieso man alten Menschen einen Coup wie diesen eigentlich nicht zugetraut hatte.
 
Martin Conrads lebt in Berlin und hofft, dass die fluter.de-Kolumne “Songtext“ alt wird, bevor sie stirbt.

Fotos: David Magnus / thezimmersonline.com


Links

www.lyrics007.com
Songtext von "My Generation"

The Who singen "My Generation" – und hier die Version von The Zimmers.
 
www.youtube.com
Ausschnitt aus der BBC-Produktion "Power to the People" (englisch)
 
www.thewho.com
Website von The Who (englisch)
 
www.thezimmersonline.com
Die Website von The Zimmers (englisch)





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