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Die Batterie ist leer, aber die Armbanduhr würde er trotzdem nicht ablegen. Die Mütze jedoch ist das eigentliche Markenzeichen und die kurzen Rastas hängen ihm ins Gesicht. Mit großen dunklen Augen und gerunzelter Stirn schaut Jorge Mungoi Arethusa hinab auf den Zementsack. Dieser graue Beutel, mit blauer Aufschrift und 25 Kilo schwer, ist der Auftakt zu einem Mosaik, das nach Willen des 30-jährigen Künstlers mehr erreichen soll, als nur die Stadt zu verschönern. Es soll die Wände sprechen lassen.
Street Art ist heute ein internationales Phänomen. In Mosambik aber steht sie noch am Anfang. Während in Berlin, London und São Paulo die Wände übersät sind mit den diversen Techniken der heutigen Street Art, sind Spraydosen, Eddings, Aufkleber und Schablonen in Mosambik unerschwinglich. Gerade deswegen trifft man hier eine Vielzahl neuer kreativer Varianten an. Mosaike und Wandbilder mit Comics, so genannte Murals, gehören heute zur visuellen Lieblingssprache der jungen Künstler/innen des Landes.
"Das Auffinden von preiswerten Kacheln für das Mosaik ist schwer, denn diesmal müssen die Farben der Kacheln zu dem gewählten Thema Wasser passen", erklärt Arethusa, "ebenso muss die Oberfläche der Kacheln glänzend und eben sein, um den Farbeffekt der Mosaike zu erhöhen." In Johannisburg wurde Arethusas Vater fündig. Dieser arbeitet wie so viele Mosambikaner in einer Mine, um seiner Familie in Maputo ein besseres Auskommen zu ermöglichen.
Graue
Zellen bekommen Farbe
"Ich selbst hatte die seltene Möglichkeit in Maputo zur Schule zu gehen und später an der Kunstakademie zu studieren", sagt Arethusa, "dies hat mein Vater durch seine Arbeit in Südafrika und ein Stipendium ermöglicht, nun liegt es an mir etwas zu verändern." Mit aller Kraft schmeißt er nun große Steine auf die Kacheln, um sie in kleine Stücke zu zerbrechen, rührt Zement an und klatscht ihn mit der Hand auf die Wand. Sodann sitzt er konzentriert vor ihr und puzzelt geduldig die Kacheln zu bunten Mustern. Insgesamt arbeitet er zwei Monate ehrenamtlich, um dem Leguan eine Gestalt zu verleihen, immer in den heißen Mittagspausen zwischen seinen anderen Jobs als Werbemaler und Kunstpädagoge.
Sind wir nicht alle ein wenig Xiconhoca
Mosaike und Comic-Murals stehen heute für die Demokratisierung der Gesellschaft nach dem Ende des Bürgerkrieges im Jahr 1992. In diesem Moment wurde die ideologische Malerei der Staatspartei überflüssig. Xiconhoca jedoch ist noch lebendig. Er ist die Figur einer berühmten Karikatur, die in der Zeitschrift Tempo veröffentlicht wurde. "Die sozialistische Regierung benutzte ihn als Erziehungsinstrument für die Bevölkerung", sagt Arethusa schmunzelnd, "Xiconhoca ist deswegen noch heute der faule Zeitgenosse, der immer nur Ärger macht, und der Gegensatz zum ordentlichen Bürger der sozialistischen Gesellschaftsordnung, deswegen ist er uns so sympathisch.""Die Künstler in Mosambik sind nicht Xiconhoca, es fehlt einfach nur an den Mitteln", bemerkt Arethusa und schaut stirnrunzelnd auf seine stehen gebliebene Armbanduhr. Die Fugen der Mosaike hat er inzwischen geweißelt, die Kacheln geputzt. Wenn Sonnenstrahlen auf sie treffen, erwachen durch sie auf den Wänden Maputos Arethusas Leguane und die Fabelwesen der anderen zum Leben, besetzen Brunnen und Felder, die nur aus Scherben bestehen.
Miriam Eckert ist freie Autorin für Magazine und lebt zur Zeit in Lissabon.
Fotos: ©Miriam Eckert
Zum Weiterlesen: ein ASA-Projekt zur Straßenkunst in der mosambikanischen Stadt Nampula