Torge Oelrich alias Sandra
Im Internet werden YouTube-Kanäle wie Clixoom, Alexibexi, Y-Titti, Albertoson oder Freshaltefolie immer beliebter. Torge Oelrich, Anfang zwanzig, produziert lustig-ironische Videos in der nordfriesischen Einöde bei Büsum; gern dreht er auch im Wintergarten seiner Eltern. Für sein Format freshaltefolie spielt er alle Rollen selbst, etwa in "Sandra macht Führerschein!" gibt er den genervten Fahrlehrer als auch die flunschige Teeniegöre Sandra. Der YouTube-Comedian persifliert gekonnt Trash-TV-Formate wie die RTL-Serie "Frauentausch", hier als entnervter Jogginghosen-Chauvi Andreas auf der heimischen Couchlandschaft. Mittlerweile lässt der angehende Erzieher Autogrammkarten drucken und verkauft T-Shirts mit seinen bekanntesten Sprüchen. Pro 7 fragte für die Comedy-Show "Switch reloaded" bei Torge an, aber er bleibt lieber sein eigener Chef. Etwa 250.000 Zuschauer erreicht er mit einem neuen Video, Grund genug für YouTube Torge in ihr Partnerprogramm zu hieven, inklusive Beteiligung an den Werbeeinnahmen. Mittlerweile kann Torge davon "ganz gut" leben – berühmt und berüchtigt sind seine Filmchen vielleicht, reich machen sie ihn nicht.
Crowdfunding heißt die neue Hilfestellung zur Realisierung eines Filmprojekts. Die in den USA erprobte Version des digitalen Klingelbeutels ist in Deutschland längst gängig. Auf Plattformen wie startnext stellen nicht nur Filmemacher ihre Projekte vor und bitten um finanzielle Unterstützung: Von Befürwortern des Schlossrückbaus in Berlins Mitte bis zu "ermögliche eine CD-Produktion für die Elektro-Pop Sängerin Silke Hauck" – alles ist dabei, ein Sammelsurium mehr oder minder kreativer Projekte, ein Füllhorn wie das Netz selbst. Die Laufzeit eines Aufrufs ist begrenzt; Geld gibt es nur, wenn die gewünschte Zielsumme erreicht wurde. Regisseurin und Produzentin Claudia Rorarius stellte ihr zweisprachiges Spielfilmdebüt "Chi L'Ha Visto - Wo bist du?" bereits 2009 fertig. Nachdem die zuständige Fördereinrichtung den letzten Antrag für die Vertriebskosten abgelehnt hatte, gelang es ihr, mittels Crowdfunding die fehlenden 5.000 Euro für die Verleihkopien aufzutreiben. Im Herbst 2011 konnte ihr anrührendes Roadmovie über die Vatersuche eines jungen Halbitalieners endlich anlaufen. Die Unterstützer werden je nach Höhe ihres Obolus belohnt, das kann eine persönliche Danksagung per E-Mail sein, eine DVD oder es werden Karten zur Premiere des Films verschickt. "Iron Sky" dagegen, eine deutsch-finnisch-australische Co-Produktion, zielt in andere Dimensionen: Ein Budget von 7,5 Millionen Euro wird angestrebt für die Realisierung eines Stoffs, der von Nazis gesteuerte Raumschiffe auf dem Mond landen lässt. 6,3 Millionen brachte die traditionelle Filmförderung etwa durch Eurimages, die hessische Filmförderung und Screen Queensland. 900.000 Euro fehlen noch für die "Science-Fiction-Comedy", die sollen die Fans aus ihren Taschen holen.
''Hotel Desire''
170.000 Euro ergatterte "Hotel Desire" von Sergej Moya über Crowdfunding. Im Trailer raunt die vollbusige Hauptdarstellerin, sie habe "seit sieben Jahren keine Liebe mehr gemacht", um sich sogleich unter der Körpermasse des nackten Bond-Bösewichts Clemens Schick im Hotelbett zu wälzen. Hinter "Hotel Desire" steht die Bertelsmann-Tochter Teamworx und so mutet es recht werbestrategisch an, dass ausgerechnet Teamworx, obwohl das Studio über bewährte Kontakte zu sämtlichen deutschen Filmförderungseinrichtungen verfügt, sich einer privaten Finanzierungsmethode bedient. Teamworx-Produzent Sascha Schwingel über "Hotel Desire": "Um möglichst viel Geld von der Masse zu bekommen, müssen die Inhalte spektakulär sein. Viele Produktionen werden scheitern, weil sie dieses Spektakuläre nicht vermitteln können. Da findet schon ein darwinistischer Prozess statt." Sex sells: Für "Hotel Desire" ging die Rechnung dank des medialen Rummels auf. Damit hat "Hotel Desire" im deutschen Raum eine neue Messlatte hinsichtlich einer erreichbaren Zielsumme gesetzt. Sascha Schwingel: "Man kann die Finanzierung über das Internet mit eBay vergleichen: Früher sind am Flohmarkt 20 Leute am Stand vorbeigelaufen, bei eBay sind es 20.000."
Ein Film, der ins Kino will, ist und bleibt teuer, bis Bild für Bild auf der Leinwand zum Leben erstrahlen. Banken bieten Finanzierungsmodelle, vor allem aber ist die staatliche Filmförderung Anlaufstelle. Die deutsche Filmförderung steht auf drei Beinen: Neben der traditionellen BKM-Förderung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) mit 32 Millionen Euro pro Jahr gibt es den DFFF, den Deutschen Filmförderfonds mit seinen jährlich zu vergebenden 60 Millionen Euro. Ebenfalls auf Bundesebene agiert die Filmförderungsanstalt in Berlin (FFA), finanziert aus Abgaben der Kino- und Videoindustrie. Hinzu kommen die Regionalanstalten der Bundesländer mit einem Gesamtetat von mehr als 120 Millionen Euro aus Steuermitteln und Abgaben der Fernsehsender. Über 40 Jahre Filmförderung zeigen, dass kaum ein deutscher Spiel- oder Dokumentarfilm ins Kino kommt, der ohne Unterstützung entstanden ist: eine Spielwiese für Wim Wenders und andere der deutschen Autorenfilmer.
''Inglorious Basterds''
Mittlerweile hat der Deutsche Filmförderfonds 293,5 Millionen Euro für 527 Filme vergeben – ebenfalls aus Steuergeldern, bewilligt von Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Insgesamt sorgten die Gelder für Folgeinvestitionen von 1,8 Milliarden Euro. Quentin Tarantinos "Inglorious Basterds" – 70 Millionen kostete der 154 Minuten lange Nazi-Western – wurde insgesamt mit 6,8 Millionen Euro gefördert. Zudem half das Medienboard Berlin-Brandenburg mit 600.000 Euro, die mitteldeutsche Medienförderung steuerte 300.000 Euro bei. Der Deutsche Filmförderfonds zahlt zwischen 16 und 20 Prozent der Herstellungskosten, wenn ein Film in Deutschland gedreht wird. Voraussetzung: Der Film muss kulturellen Wert besitzen und den "kulturellen Eigenschaftstest" bestehen. Der lange Punktekatalog fragt, ob ein "Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland" vorliegt, ob und inwiefern Herstellung und Produktion in Deutschland stattfinden, welchen Anteil die deutsche Sprache und die deutsche Kultur haben. "Inglorious Basterds" widmet sich dem brisanten Thema der Besatzung Frankreichs durch die Wehrmacht, und offenbar genügte mit Christoph Waltz, August Diehl, Daniel Brühl und Til Schweiger in den Hauptrollen der Anteil deutscher Schauspieler.
Daniel Saltzwedel ist Förderreferent im Bereich Dokumentar- und Spielfilm beim Medienboard Berlin-Brandenburg. Entscheidend ist für den jungen Kulturwissenschaftler: Trägt das Drehbuch eine Story in sich, die der Film halten kann? Und haben sich die Filmemacher damit auseinander gesetzt, wer ihre Werke sehen wird? Saltzwedel ist überzeugter Befürworter des Crowdfunding und, wie er mit einem Lächeln beschreibt, "ist es durchaus interessant, sich mehr mit seiner Community auseinander zu setzen als mit Leuten wie mir." Für den Dokumentarfilmbereich sieht Daniel Saltzwedel durch den Internetsupport große Chancen, selbst den Durchbruch ins größere Filmgeschäft. Saltzwedel meint, es sei "gerade bei Themen, die keine reine Unterhaltung sein wollen, wichtig für die Filmemacher unabhängig zu bleiben – ohne dass jemand reinredet. Gerade diese Freiheit bietet ein Profil, das die Filme für die Industrie interessanter machen kann."
Silke Kettelhake ist fluter-Filmredakteurin.
Foto oben: Screenshot youtube.com
Foto mitte/ unten: ©Verleih
Deutscher Filmförderfonds bei der Filmförderungsanstalt
Medienboard Berlin Brandenburg
freshaltefolie auf YouTube
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Chi L'ha Visto - Wo bist du?
Hotel Desire
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