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Tom Wolfe: Fegefeuer der Eitelkeiten

Fall eines Bankers

7.12.2011 | Manuel Karasek | Kommentar schreiben | Artikel drucken

In den 1980er-Jahren, einem Jahrzehnt, in dem man sich stark von linken Ideen und Idealen abwendete, setzte sich immer mehr die Idee des so genannten Neoliberalismus durch; ein Glaube an die Macht der Geldsysteme. Inzwischen allerdings ist man misstrauisch geworden gegenüber dem Segen des Materialismus. Denn aus dem freien Markt wurde der freie Fall von Billionen Dollars und Euros, von ganzen Volksvermögen, die in den schwarzen Löchern der Finanzmärkte und in den weiten Taschen korrupter Banker verschwanden.

Einer dieser bösen Börsenzocker trat 1987 als Hauptfigur eines Romans in Erscheinung. Das Buch heißt "Fegefeuer der Eitelkeiten", wurde ein fulminanter Erfolg und machte seinen Autor Tom Wolfe – bis dahin schon ein sehr bekannter Journalist – weltberühmt. 1990 verfilmte Brian de Palma diesen Stoff mit Tom Hanks in der Hauptrolle.

Wolfe erzählt in seinem umfangreichen Gesellschaftsroman vom unaufhaltsamen Sturz des äußerst erfolgreichen Brokers Sherman McCoy. Souverän konstruiert der Autor (Jahrgang 1931) einen Plot mit zahlreichen spannenden Handlungssträngen, die sich häufig kreuzen und geschickt mit Cliffhangern enden. Mit seinem Romanpersonal präsentiert Wolfe einen Querschnitt, in dem alle sozialen Klassen New Yorks Mitte der 1980er-Jahre vorkommen.

Ende einer Erfolgswelle

Ein Unfall ist der Ausgangspunkt aller Verwicklungen. Diese Szene, in der McCoy sich samt Freundin und Mercedes in der Bronx verfranzt und sie aus der Panik heraus einen Schwarzen anfahren und dabei schwer verletzen, ist berühmt geworden. Zum einen, weil sie als Parodie gelesen werden kann: Eine grauenhaft oberflächliche Südstaatenblondine und ein verdruckster, selbstgefälliger Millionär geraten von einem Moment auf den anderen in einen Alptraum.

Zum anderen ist dieser Unfall eine Allegorie auf die gesellschaftliche Realität der USA dieser Zeit, die von Gewalt und Klassenunterschieden geprägt ist, einer Zeit, in der die Individuen ihr Zusammenleben als "bloßen Unfall" erleben. Eine weitere Lesart ist psychologischer Natur. Der unglückliche Zusammenstoß legt auch die Befindlichkeiten der Figuren frei, die sich alle in bedrängten Lebenssituationen mit geringen Lösungsmöglichkeiten sehen. Dieses psychologische Konzept fußt letztendlich auf einer speziellen Behandlung seines Romanstoffs, die Tom Wolfe in "Fegefeuer der Eitelkeiten" anwendete – und übrigens auch in seinem letzten Roman "Ich bin Charlotte Simmons".

Autor Tom Wolfe

Autor Tom Wolfe

Gepeinigte Seelen

Denn keine Figur in diesem mitreißenden Roman erweist sich als ein guter Mensch. Keine und keiner ist moralisch integer. Alle werden von ihren Egoismen gesteuert, sind Vertreter ihrer Eigeninteressen. Ähnlich wie in der katholischen Lehre brennen hier die Seelen im Fegefeuer. Dabei ist das Romanpersonal überhaupt nicht gläubig, sondern durchgehend weltlich. Und das Purgatorium findet man bei Wolfe nicht als Wartezimmer mit einem Ausgang zum Himmel, in dem die gepeinigten Seelen sich von ihren Sünden reinzuwaschen versuchen. Der Ort der Leiden, der Passionen und Sünden ist das Leben in einer modernen Gesellschaft selbst, ist die Stadt New York. Dies ist eine der Ebenen, die der Schriftsteller bei seiner Titelwahl im Kopf hatte.

Tom Wolfe verwies in zahlreichen Interviews auf seine literarischen Vorbilder, allesamt aus dem 19. Jahrhundert. Und tatsächlich gibt es frappierende strukturelle Ähnlichkeiten mit diesen Klassikern. Vor allem mit William Makepeace Thackerays viktorianischem Gesellschaftsroman "Jahrmarkt der Eitelkeiten" von 1848. In diesem Werk werden die Rolle des Geldes und der Einfluss der Finanzwelt auf andere Bereiche der Gesellschaft beschrieben. Augenfällig sind auch die Ähnlichkeiten mit Gustave Flauberts Roman "L'Education sentimentale" von 1869. Flaubert ist hier unter anderem den Ursprüngen für die gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche von 1848 auf der Spur.

Miese Welt, miese Menschen

Es gibt in Flauberts Roman, genau wie in Wolfes Buch, keine einzige sympathische, positive Figur. So liest sich Wolfes literarisches Debüt vom Gefühl her ähnlich: Alle sind mies in einer schäbigen Welt. Nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung, 1992, marodieren die Jugendlichen in den Vororten von L.A. Die Konflikte, die in den LA Riots an das Tageslicht kommen, sind gewaltig. In "Fegefeuer der Eitelkeiten", in dem eine eingespielte Gesellschaft rein oberflächlich perfekt funktioniert, sind diese sozialen Spannungen bereits deutlich spürbar.

In einem zweistündigen Kinofilm sind diese verschiedenen Ebenen schwer umzusetzen. Aber die Verfilmung des Romans durch Brian de Palma setzt sowieso nicht klassisch epische Mittel, sondern grell parodistische ein. Während es Wolfes Roman gelingt, gerade mit spezifisch literarischen Mitteln ein Panorama darzustellen, fängt de Palmas Film den Geist der Zeit über die Satire ein. Sein Film ist eine Parabel auf die Fähigkeit des heutigen Menschen, sich mit allen Mitteln gesellschaftliche Höhenflüge zu verschaffen, bis er der Sonne zu nah ist – und abstürzt.

Glücklicherweise ist "Fegefeuer der Eitelkeiten" aber auch mehr als eine Parabel auf den Mythos von Ikarus. Unter anderem ist er nämlich auch die exzellente Darstellung der Strukturen des Neoliberalismus, in der alle ihren Eigeninteressen folgen und schließlich über ihre Egoismen stürzen. Solch einen Sturz beschreibt Wolfe an dem Banker Sherman McCoy beispielhaft, als Sittenbild aus den späten 1980er-Jahren.

Tom Wolfe: Fegefeuer der Eitelkeiten (Rowohlt 2005, 928 S., 13 €)

 

 

 

Foto: Tom Wolfe at White House/Photographer Susan Sterner/publicdomain

Foto: ©ico_daniel/photocase.com



Links

Tom Wolfes Seite (engl.)
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