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"Natürlich bin ich optimistisch"

Junge Griechen und Griechinnen berichten von der Krise

17.12.2011 | Protokolle: Tobias Sauer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Krise zeigt sich in Griechenland nicht auf den ersten Blick. Die Läden in der Athener Innenstadt haben alle geöffnet, zu sehen sind fröhliche Menschen beim Einkaufsbummel oder im Café. Wären bloß nicht überall diese gelb-roten "Zu Vermieten"-Schilder! Tatsächlich schrumpft die Wirtschaft in Griechenland schon seit drei Jahren. Viele Menschen verdienen weniger oder sind arbeitslos geworden, viele junge Griechen finden gar nicht erst einen Job. Doch was bedeutet die Wirtschaftskrise für sie persönlich? Fünf Athener/innen berichten von ihren Problemen, Ängsten und Hoffnungen.

Christina Christopoulou, 22, studiert Internationale und Europäische Studien

Ich bin in Deutschland aufgewachsen und studiere seit vier Jahren in Athen. Die Krise kenne ich nicht nur aus Griechenland, sondern auch aus Deutschland. Vor drei Jahren konnte mein Vater, der in Stuttgart lebt, nur noch an drei Tagen die Woche arbeiten, weil sein Unternehmen die Stunden gekürzt hatte.

Ich hatte nie das Gefühl, dass die Deutschen ein Problem mit den Griechen haben, und ich selbst wurde nie diskriminiert. Aber jetzt fühle ich mich schlecht, besonders, wenn ich in die Medien schaue. Die Medien haben eine große Macht, aber sie stellen ein Bild her, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Ich habe einen Artikel mit absurd falschen Angaben gelesen. Dort stand, Beamte in Griechenland würden bis zu 4.000 Euro im Monat verdienen.

Aber nicht jeder Grieche verdient so viel. Das Mindesteinkommen lag vor der Krise bei 739 Euro und wurde für uns junge Griechen jetzt auf 593 Euro gesenkt. Und dann schreiben die Boulevardzeitungen: Die Griechen hassen Merkel. Die Griechen glauben, dass Merkel sie zwingen will, die Akropolis und griechische Inseln zu verkaufen. Das größte Problem ist im Moment der Populismus. Was wir stattdessen brauchen, sind konstruktive Lösungen.

Irini Pashalidi, 21, studiert Psychologie

Jeder hier ist von der Krise betroffen, auch ich! Ich bin 21 und mache gerade meinen Bachelor an der Universität, aber die Ausstattung der Uni wird immer schlechter. Wir haben mittlerweile nicht einmal mehr funktionierende Heizungen. Vor der Krise konnten wir im Winter in den Hörsälen wenigstens die Jacken ausziehen, aber heute ist es dazu einfach zu kalt.

Nach dem Bachelor möchte ich meinen Master machen, aber für den müsste ich bezahlen. Meine Eltern können sich das nicht leisten, und ich habe nicht die richtigen Verbindungen, um die Gebühren umgehen zu können. Und einen Job finde ich auch nicht, nicht einmal als Kellnerin. Wenn ich nichts finde, muss ich mit 22 Jahren wieder bei meinen Eltern einziehen! Meine Schwester ist 28 und wohnt noch zu Hause, weil sie keine Arbeit hat. Natürlich ist Griechenland ein schönes Land, aber alles Mögliche geht hier schief. Ich will nicht wegziehen. Aber vielleicht mache ich es doch, zum Beispiel nach Frankreich.

Stefanos Agelastos, 24, studiert Physik

Demnächst werde ich versuchen, eine Wand bei uns im Wohnzimmer einzubauen, mit Isolierungen und allem drum und dran. Ich hoffe, dass es klappt. Im Moment wohne ich mit nur einem Mitbewohner in der Wohnung, aber das können wir uns einfach nicht mehr leisten. Mein Mitbewohner arbeitet in einem Modegeschäft, seine Stunden wurden wegen der Krise gekürzt und er verdient nur noch 400 Euro pro Monat. Deswegen werden wir das Wohnzimmer aufteilen, damit noch ein zusätzlicher Mitbewohner einziehen kann.

Manchmal frage ich mich, warum ich die Krise nicht habe kommen sehen. Es gibt Dinge in der griechischen Wirtschaft, die nicht funktionieren können. Viele Leute zahlen nicht ihre Steuern. Wie können sich Klempner BMWs leisten? Komischerweise ist die öffentliche Meinung jetzt auf einmal anti-autoritär, gegen die Europäische Union und dagegen, für irgendetwas zu bezahlen. Ich denke aber, wir sollten den Gürtel enger schnallen und daran arbeiten, aus Griechenland einen besseren Ort zu machen.

Dora Nousi, 25, arbeitet in einem Reisebüro

Nach meinem Studium habe ich in einem Reisebüro einen Job gefunden. Die Krise merke ich in meinem eigenen Leben nicht direkt, aber man merkt sie in allem, was um einen herum passiert – wenn man shoppen geht, zur Arbeit fährt, zurückkommt. Man merkt: Es gibt hier ein großes Problem. Leute, die dein Vater oder Großvater sein könnten, dein Cousin, ganz normale Leute, durchsuchen jetzt den Müll oder betteln um Geld. Das hat man vorher nicht gesehen.

Und ich spüre die Krise, wenn ich mit Freunden ausgehe, die genauso alt sind wie ich, die eigentlich dieselben Möglichkeiten haben, die aber keine Arbeit finden, keinen Job, nichts, um sich in ihrem alltäglichen Leben zu beschäftigen. Die Arbeitslosigkeit führt zu einer Lähmung. Manche denken: Ok, ich finde eh keinen Job, also versuche ich es gar nicht erst. Und dann überlegen sie auszuwandern, nach Australien, nach Deutschland, nach England, in die USA.

Georgios Kokkolis, 24, arbeitet als Journalist

Das größte Problem ist, dass viele junge Griechen unterbezahlt sind. Ich arbeite als Journalist, habe in England meinen Master gemacht und muss hoffen, dass mir mein Chef 500 Euro pro Monat bezahlt. Dabei liegt der Mindestlohn höher! Aber natürlich bekommt man weniger und kann doch nichts sagen, denn die Antwort wäre: Das Geschäft läuft schlecht, wir müssen sparen und wir geben dir wieder mehr, wenn es besser läuft. Aber irgendwie muss man leben, also akzeptiert man auch die niedrigen Löhne.

In einem anderen Job habe ich die ersten zwei Monate gar kein Geld bekommen. Und sie sagten, dass sie mich danach "vielleicht" bezahlen würden. Trotzdem bin ich bewusst aus England zurückgekommen. Viele junge Griechen haben eine bizarre Sicht von anderen Ländern in Europa oder den USA. Sie glauben, dort sei alles gut, alles in Ordnung. Aber was sie nicht sehen, ist, dass eine Krise auch eine Chance sein kann. Wenn die Krise kommt, kommt auch die Zeit für Neues. Ich habe keine Angst. Natürlich bin ich optimistisch – sonst hätte ich doch ein psychologisches Problem!

Tobias Sauer (28) arbeitet als freier Journalist in Berlin und stellte vor fünf Jahren während seines Erasmus-Studiums in Italien mit Erstaunen fest, wie wenig die Europäer/innen voneinander wissen.

Fotos: ©Tobias Sauer




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