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Studiengebühren? Jein!

In Tschechien wird auf Facebook über Studiengebühren diskutiert

31.12.2011 | Kristýna Kounková | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ihr glaubt, dass niemand für etwas bezahlen will, was bisher umsonst ist? Irrtum. Die tschechische Facebook-Gruppe "Studiengebühren? Ja!" (Školné? Ano!) hat bereits 217 Mitglieder. Ihr Motto: "Wir sind nicht Teil der populistischen Herde. Wir wissen, was Studiengebühren bedeuten, und wir stehen dazu." Gründer und Administrator Jakub J. Ihm führt ein überzeugendes Argument an: "Studiengebühren sollten selektierend wirken und gleichzeitig mehr Geld ins System spülen, was die Qualität der Lehre steigern würde. Außerdem denke ich nicht, dass damit der Zugang zu Bildung erschwert wird. Das sollte mit irgendwelchen Förderungen ausgeglichen werden."

Sein positives Verhältnis zu Studiengebühren erklärt auch Jonáš Petrovský, ein weiteres Mitglied der Facebook-Gruppe: "Die Studenten wären motivierter, wirklich etwas zu lernen und nicht herumzugammeln – es braucht dann allerdings auch ein System staatlicher Darlehen für die, die sich sonst kein Studium leisten könnten."

Jonáš macht sich auch Gedanken darüber, wie das durch die Studiengebühren eingenommene Geld verwendet werden kann. "Eine offene Frage ist, ob die Hochschulen in der Lage sein werden, die Mittel zu nutzen und ob die einzelnen Fakultäten das Geld direkt bekommen sollen, oder ob es in eine für alle Fakultäten offene Uni-Kasse wandert. Ich wäre für eine kombinierte Lösung."

Jonáš ist klar, dass das eine gewisse Konkurrenz entfachen könnte. "Vielleicht kommt es sogar zu einem 'Preiskrieg', und die Leute belegen vor allem die Fächer, bei denen die Studiengebühren am niedrigsten sind. Das könnte wiederum einen Vorteil für bestimmte, unattraktivere Fakultäten bedeuten. Also, von welcher Seite man es auch immer betrachtet: Es ist ok."

Nicht nur unter den Studierenden gibt es Befürworter von Studiengebühren. Auch der ehemalige Dekan der Fakultät für soziale Studien an der Masaryk-Universität Brno, Ladislav Rabušic, spricht sich offen dafür aus. Dem Magazin muni.cz erklärte er, warum: "Einerseits wird das ein weiteres Signal für die tschechische Gesellschaft sein, dass es nichts umsonst gibt, andererseits ist es ein sozial gerechter Akt – wer studiert, zahlt."

Recht auf Bildung auch für sozial Schwache

Adam Cyprich

Adam Cyprich

Sehr viel mehr Mitglieder als die Gruppe der Befürworter hat die Facebook-Gruppe "Wir wollen keine Studiengebühren an öffentlichen Hochschulen" (Nechceme školné na veřejných vysokých školách). Bisher haben sich ihr 16.848 Facebook-User/innen angeschlossen. Adam Cyprich, Gründer und Administrator dieser Seite, gibt zu, dass er am Beginn seiner Initiative noch keine klare Meinung zu dieser Frage hatte. "Es wäre voreilig gewesen, irgendwelche Schlüsse zu ziehen – die ganze Problematik der Studiengebühren war noch gar nicht richtig debattiert worden, und eigentlich gab es nur die allgemeine Absicht, Gebühren einzuführen", erklärt Adam die Gründe, warum er eine Gruppe gegen Studiengebühren gegründet hat. "Ich wollte eine Diskussion dazu initiieren."

Warum überhaupt regen sich so viele Leute über Studiengebühren auf? "In erster Linie wegen der Schulden von rund 100.000 Kronen, mit deren Zurückzahlung man anfangen muss, kaum dass man richtig Geld verdient", sagt Adam. 20.000 Kronen pro Studienjahr, etwa 800 Euro, ist die maximal erlaubte Gebührenhöhe für tschechische Studierende. Ein Studium in Tschechien dauert in der Regel fünf Jahre. Adams Einschätzung bestätigt die Userin Terajs in einem Kommentar auf der Kontra-Studiengebühren-Facebookseite: "Ich persönlich versuche, Schulden um jeden Preis aus dem Weg zu gehen. Und falls das alles so funktioniert, dass es zuerst die Schulden gibt und dann erst irgendwelche Alternativen in Frage kommen, wäre ich nicht gerade zufrieden. Man will eine Familie gründen, man sucht eine Wohnung – das alleine bedeutet schon genügend Ausgaben. Jetzt erlebe ich es am eigenen Leib. Und dazu auch noch Schulden wegen der Studiengebühren?"

Schon heute arbeiten Studierende oft nebenher, um sich überhaupt ein Studium leisten zu können. Ein Studium kostet rund 7.000 bis 10.000 Kronen monatlich (etwa 280 bis 400 Euro). Damit sind Unterkunft, Essen und die Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel abgedeckt. Und wie sieht es mit Geld für Lernmaterialien aus und mit den Ausgaben für gelegentliches Ausgehen?

Wenn zu diesen Grundkosten die Studiengebühren hinzukommen, dann geht es bei weitem nicht mehr nur um ein paar Tausend Kronen. Die finanzielle Selbstständigkeit hat ihre Risiken. Ein Studierender, der nebenher Geld verdienen muss oder will, hat weniger Zeit für das Studium. Das kann sich auf seine oder ihre Leistungen auswirken. Darüber hinaus können Studiengebühren eine Hürde bedeuten für jene, die zwar begabt sind, aber aus sozial schwachen Familien stammen. Ihnen bliebe dann aus Geldmangel ein Studium unter Umständen verwehrt. Die derzeitige Regierung verspricht deshalb, ein Gesetz zur finanziellen Unterstützung zu verabschieden. Aber bedeutet das nicht eine weitere unnötige Verschuldung junger Menschen?

Mangelnde Qualität der Lehre

Adam Cyprich argumentiert gegen die Einführung von Gebühren: "Wer denkt, dass es im ersten Jahr nach der Einführung von Studiengebühren zu einer deutlichen Qualitätssteigerung kommt, ist naiv. Sowas dauert mehrere Jahre. An vielen Instituten herrscht heute noch nicht mal durchschnittlicher Standard. Ich lehne es grundsätzlich ab, dafür zu zahlen, dass ich im Vorlesungssaal auf dem Boden sitzen muss, dass die Klimaanlage noch nicht mal zu 50 Prozent arbeitet, dass über die Prüfungsergebnisse Glück und nicht Kenntnisse entscheiden, dass der Dozent die ganze Zeit nur aus Skripten vorliest oder dass ich dafür gebrandmarkt werde, weil ich mehr Ahnung als der Prüfende selbst habe. Und so weiter. Zeigt mir das hohe Qualitätsniveau, und ich werde euch für die Studiengebühren die Füße küssen. Aber nur ein Verrückter zahlt für etwas, was er nie gesehen hat."

Adam spricht damit einen ganz wichtigen Punkt der Diskussion um Studiengebühren an: die Qualität der Lehre. Wenn es durch die Gebühren gelingen sollte, das Niveau der Studienbedingungen in Tschechien deutlich zu heben, könnte dies auch die Gegner von Studiengebühren überzeugen.

Gegenwärtig ist die Höhe der staatlichen Zuwendungen an die Hochschulen von der jeweiligen Anzahl der Studierenden abhängig. Studieren kann beinahe jeder. Das hat oft zur Folge, dass der Anspruch an das Studium und die Abschlussprüfungen niedrig sind. Es scheint, als würde eine Hochschulausbildung in der Gesellschaft immer üblicher – was paradoxerweise ihren realen Wert schmälert.

Nicht nur in Bezug auf die Qualität der Lehre zeigen sich Probleme, die nicht übersehen werden können. Und leider auch nicht so einfach zu beseitigen sind. Es geht um die Studienbedingungen im Allgemeinen. Studiengebühren können diese Bedingungen vielleicht verbessern – wenn genau festgelegt wird, wofür die zusätzlichen Mittel verwendet werden. Früher oder später werden Studiengebühren höchstwahrscheinlich eingeführt werden, unabhängig von der Anzahl gegründeter Gruppen oder unterschriebener Petitionen. Allerdings wird man die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer solchen Reform erst mit einem großen Zeitabstand bewerten können.

Kristýna Kounková (21) studiert Anthropologie in Brno (Brünn) und ist Redakteurin des Studentenportals der dortigen Uni. Außerdem schreibt sie regelmäßig für das deutsch-tschechische Jugendportal jádu.

Dieser Text erschien zuerst in jádu (Übersetzung aus dem Tschechischen: Ivan Dramlitsch).

Fotos: ©Kristýna Kounková




 


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