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Imran Ayata: Mein Name ist Revolution

Heimat, ein weites Feld

23.12.2011 | Stefanie Gengenbach | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Imran Ayatas neuer Roman "Mein Name ist Revolution" sei "ein Berlin-Roman, ein Nachtleben-Buch, eine Romanze, ein Society-Porträt, ein hedonistisches Manifest, eine Spurensuche". Zumindest verspricht das der Klappentext. Nur nicht kleckern!

Der in Ulm geborene Schriftsteller türkischer Herkunft, der auch Geschäftsführer einer Werbeagentur ist, beginnt seine zweite Veröffentlichung seit seinem Erzählband "Hürriyet Love Express" von 2005 mit einer Beschreibung der Multikulti-Geburtstagsparty in Berlin.

Im Mittelpunkt des Romans steht Devrim, dessen Eltern in den 1970er-Jahren aus der türkischen Provinz Dersim nach Berlin gekommen sind. Ihr einziger Sohn wird bereits in Deutschland geboren. Sie nennen ihn Devrim, das heißt "Die Revolution" auf Türkisch. Devrims Eltern sind überzeugte Kommunisten. Bald treffen sie sechs Richtige im Lotto – ein großer Geldgewinn, der ihnen aber kein Glück bringt. Kurze Zeit später sterben sie bei einem Unfall. Onkel Ahmet nimmt sich des Waisen an. Er wird Devrims wichtigster Vertrauter, Weggefährte und Freund.

Durchmarsch in Almanya

Mit seinen Freunden Altan, Okan, Dennis und Jovanka lässt sich Devrim, inzwischen in seinen Dreißigern, scheinbar ziellos durch das Leben treiben. Dank des Lottogewinns seiner Eltern befindet er sich in der privilegierten Position, nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Sein Freund Okan dagegen weiß, dass er sich für beruflichen Erfolg anstrengen muss. Erfolg ist ihm wichtig: "Wer den Karrierepfad einschlägt, schafft den Durchmarsch in Almanya."

Seinen Job als Moderator einer eigenen Sendung bei "Radio Tolerance" hat Devrim eher persönlichen Kontakten als seinem Können zu verdanken. Nach dem Vorstellungsgespräch unkt er noch seinen Freunden gegenüber: "Radio Tolerance" sei nur ein "Folkloresender" mit "Ethnokitsch-Programm". Seinem Anspruch, etwas zu machen, das "fester Bestandteil einer spannenden urbanen Kultur" sei, werde dieser Sender nicht gerecht. Bald aber lernt er, seine neue Aufgabe zu respektieren.

Für das Konzept seiner nächtlichen Sendung lässt er sich von dem britischen Musikjournalisten und Radiomoderatoren Alan Bangs inspirieren. Devrim führt Live-Gespräche mit Menschen, die nachts arbeiten oder aus anderen Gründen nicht zum Schlafen kommen. In jeder Sendung stellt er seinen Hörern und Hörerinnen eine bunt gemischte Runde vor: Taxifahrer, Schauspieler, Prostituierte. Menschen, mit denen er sich identifiziert. Auch weil er sich immer wieder in die Rolle des "Erfolgsmigranten" gedrängt fühlt – wie der türkische Schauspieler Ayhan Akan, der in Devrims Sendung anruft, plötzlich die Fassung verliert und drauflos schimpft: "In Almanya ist alles Nazi, nicht nur der Osten. Das Gelaber über uns ist Nazi."

Imran Ayata

Imran Ayata

Auf Spurensuche

Ayata, Mitbegründer der Aktivistengruppe Kanak Attak, nutzt die Herkunft seiner jeweiligen Protagonisten gerne als Kulisse für seine Geschichten. Dabei bedient er sich gerade jener Multikulti-Klischees, gegen die Devrim sich so stark sträubt, nur um sie durch ihre Beschreibung aufzubrechen. Beispielsweise in einer Szene im Roman, in der Dennis mit Devrim traditionell türkisch frühstücken möchte. Devrim, der keine Ahnung von türkischen Traditionen hat, muss die Zutaten besorgen und versagt kläglich.

Lange Zeit setzt Devrim sich nicht mit seinen Wurzeln auseinander. Besuche in Dersim in der Türkei – einer Gegend, in der die Minderheit der alevitischen Kurden lebt – lösen in ihm keine Heimatgefühle aus. Dersim ist für ihn einfach nur der Ort, an dem seine Eltern begraben sind und an dem Onkel Haydar und Tante Sultan lebten. Auch sein Ziehvater Ahmet, der schon lange in Berlin wohnt, lebt mit einer zerrissenen Identität: "Mal war er Kurde; dann bestand er darauf, ein Dersimli zu sein." Teil einer türkischen Minderheit zu sein, darüber hinaus ein "Deutschtürke", das ist für Devrim wie für Ahmet schwierig, obwohl sie verschiedenen Generationen angehören.

Als Devrim sich verliebt, muss er sich aber doch noch mit seiner Familiengeschichte beschäftigen. Um das Mädchen Rüya zu beeindrucken, versucht Devrim, ein paar Worte auf Zazaki zu lernen, der Sprache der Zaza, einer Ethnie, der Rüya angehört. Zur großen Freude von Onkel Ahmet, der das erste Mal erlebt, dass Devrim sich für die kurdische Kultur interessiert. Ayata lässt offen, ob Devrim mit seinem Werben um Rüya Erfolg hat. Aber als Leser/in weiß man, dass er, trotz seiner komplizierten Familiengeschichte, jetzt etwas mehr im Reinen mit sich ist.

Imran Ayata: Mein Name ist Revolution (Blumenbar 2011, 16.95 €)

 

 

 

Stefanie Gengenbach lebt in Tübingen, wo sie Internationale Literaturen, Politikwissenschaft und Islamkunde studiert.

Foto: ©Baris Guerkan







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