Als die Beatles am 15. August 1965 in New York erstmals ein Stadion zur Konzertarena umfunktionierten, begann jene Ära der musikalischen Publikumsgroßbeschallung, die seither, spätestens jedoch seit den 1980er-Jahren, mit den Begriffen Stadionrock, Stadionpop und Stadionpunk den Liebhabern eher kammermusikalischer Töne Schauder über den Rücken jagte. Dass der Begriff der "Stadionneuedeutschewelle" musikwissenschaftlich gesehen dabei eine eher untergeordnete Rolle spielt, mag mit der relativen Kurzlebigkeit dieser in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren entstandenen Musikrichtung zusammenhängen. Zu unrecht – gibt es doch ein Stück, das sich diesen Begriff aufbürden müsste: Die Rede ist von dem Lied "1 Mann, 1 Ball" der Gruppe Der Plan.
Das Düsseldorfer Musikprojekt Der Plan, in den 1980er-Jahren aus Kurt Dahlke, Frank Fenstermacher und Moritz Reichelt bestehend, betrieb seit seiner Gründung im Jahre 1979 eine Mischung aus synthesizergetriebenem, deutschsprachigem New Wave und avantgardistischem Kunstpunk und war nicht zuletzt aufgrund der Verwendung von Malerei, Film und Performance "dem Surrealismus zuzurechnen" (Reichelt). Bei ihren Auftritten erschienen sie in meist abstrusen Verkleidungen (zum Beispiel als Würste) und in selbst gebauten und selbst bemalten Kulissen. Mittlerweile tritt Der Plan in veränderter Besetzung als Der Plan v.4.2. und mit Reichelt (Moritz ®) als einzig noch verbliebenem Gründungsmitglied auf.
Das 2 Minuten und 47 Sekunden lange Lied "1 Mann, 1 Ball" erschien erstmals 1987 auf der Langspielplatte "Es ist eine fremde und seltsame Welt", von der Reichelt später schrieb, einige Stücke auf ihr seien "recht spannend, wie Filmmusik", und sie enthielte, "ein paar reife Schlager". "1 Mann, 1 Ball" ist eher Zweiteres, vereint es doch ohne Umschweife unter anderem zwei populäre Zitate des ehemaligen bundesdeutschen Fußballnationaltrainers Sepp Herberger: "Der Ball ist rund" und "Das nächste Spiel ist immer das schwerste".
Dabei ist "1 Mann, 1 Ball" kein Lied über die Nationalmannschaft, sondern über einen Fußballclub, von dem man schon einmal gehört haben mag, wenn man in der Sporthistorie bewandert ist: Es geht um Fortuna Düsseldorf. Der Text des Liedes ist schnell erzählt: Eine einzelne Männerstimme ruft heiser-brüchig “1 Mann, 1 Ball, 1 Schuss, 1 Tor – Fortuna!”, worauf mehrere Männer im halb geordneten Chor diese Zeile dreimal wiederholen, umtost von aufbrandendem Stadionjubel.
Dann jedoch hebt der einzelne Sänger (ist es der gleiche?) zum Zweifel an: Viermal hintereinander intoniert er im Sprechgesang: "Kein Mann, kein Ball, kein Schuss, kein Tor!" Die Musik, die soeben noch aus Bläsern imitierenden Kunstklängen bestand, zitiert nun beinahe melancholische Streicher und Glocken. Wie um diesen Zweifel zu überspielen, fällt dem Sänger hier der Chor ins Wort – mit der bereits bekannten Zeile, die diesmal auch durch die erwähnten Herberger-Zitate unterstützt wird. Schließlich geht auch der einzelne Sänger in das von ihm selbst begonnene und dann kollektiv und bis zum Abwinken gegröhlte "Ole Fortuna! Ole Ole Ole!" über.
Vordergründig reiht sich “1 Mann, 1 Ball” in eine schier unendliche Liste von Fußballliedern (“44 Beine wollen nur das eine ...” et cetera) ein, die meist entweder geschrieben werden, um im Stadion mitgesungen zu werden, oder, damit oft einhergehend, als Huldigung an einen Club oder zur Schmähung desselben. Die Frage jedoch, ob es sich bei "1 Mann, 1 Ball" um eine Stadionhymne, um einen Schmähgesang oder gar um beides gleichzeitig handelt, ist nicht leicht zu beantworten: Zunächst einmal fällt auf, dass der einzelne Sänger seiner Funktion als Einpeitscher nicht gerecht wird. Was anfänglich noch gelingt, gerät bald zum Reizthema: Ein Mann oder kein Mann? Ein Ball oder kein Ball? Das Lied ist nicht so einfach mitzugrölen.
In "1 Mann, 1 Ball" stehen sich eben nicht wie gewohnt Mann und Ball gegenüber, vielmehr sieht sich entweder ein Mann einem Ball gegenüber oder sogar kein Mann keinem Ball. Oder ist gar alles gleichzeitig denkbar? Was wäre die Antithese des Geschilderten? Möglicherweise überhaupt nicht “Kein Mann, kein Ball”, sondern vielmehr “Zwei Mann, zwei Ball”? Und was bedeutet es schließlich für die Fortuna, wenn kein Rundes in kein Eckiges muss, dies sogar ohne einen Spieler, der nicht einmal schießt?
Der Blick auf das Veröffentlichungsdatum der Platte gibt Aufschluss: Denn nach den Pokalsiegen der Jahre 1979 und 1980 stieg Fortuna Düsseldorf am 17. Juni 1987 zum zweiten Mal (nach 1967) aus der Bundesliga in die 2. Bundesliga ab. In den folgenden Jahren wurde der Verein zur Fahrstuhlmannschaft und dümpelt derzeit auf den vorderen Rängen der Regionalliga Nord. Es kommt daher nicht von ungefähr, wenn es auf der Website des 7:1 Fortuna95 Fanclubs zu dem Lied heißt, es sei "der ultimative FORTUNA-SONG", denn "Das Stück ‚1 Mann 1 Ball ... ist wohl der Fortuna95-Song, der auch Platz für Zwischentöne zulässt, die gerade in diesen Zeiten uns Fans in Düsseldorf nicht unbekannt sind".
Martin Conrads sieht von seinem Berliner Wohnungsfenster aus auf ein Fußballstadion, auf eine Fortuna-Figur auf der Kuppel des Alten Stadthauses und auf einen Fernsehturm, dessen Kugel sich nun schon seit Monaten in einen Fußball verwandeln muss.
Fotos: "Der Plan" / © Ata Tak
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