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Die Masse macht's

Was geschieht mit Menschen in einer Fankurve und warum ist es langweilig, Fußball allein zu schauen

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Anne Siemens spricht mit dem Psychologen Dr. Joachim Hohl | 31.3.2006


fluter: Fußball zusammen mit Freunden zu schauen, im Fernsehen oder im Stadion, macht mehr Spaß als allein. Warum?

Psychologe Dr. Joachim Hohl: In einer Gruppe erlebt man Gefühle viel intensiver. Das ist nicht nur beim Fußball so, sondern in allen Lebensbereichen. Egal, ob man sehr glücklich oder traurig ist, in der Gruppe verstärken sich Gefühle. Man guckt die anderen an und ist noch glücklicher. Zu Hause mit Freunden vorm Fernseher zu sitzen bedeutet also einen Lust-Zugewinn. Daneben passiert sozialpsychologisch noch etwas sehr Interessantes: Über die Fernsehübertragung nimmt die Gruppe an den Mechanismen im Stadion teil. Man schimpft wie die Leute auf der Tribüne auf den Schiedsrichter oder springt bei einem Tor aus dem Sessel, es gibt eine Bindung zu den Fans im Stadion.

Wie entsteht diese Bindung?

Die Gruppe vor dem Fernseher und die Fans im Stadion identifizieren sich mit einer der beiden Mannschaften – es gibt also etwas übergeordnetes Drittes, dessentwegen man zusammenkommt und das man bewundert. Die Identifikation schafft Bindung, so entsteht Masse.

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Ein Robbie-Williams-Konzert funktioniert also genauso?

Ja. Anderes Beispiel: die Trauerfeier anlässlich des Todes von Papst Johannes Paul II. Die Anlässe sind verschieden, aber überall fallen sich massenweise Menschen in die Arme – wegen eines Tors, des Papstes oder eines Popstars auf der Bühne. Die sozialpsychologischen Basismechanismen sind immer dieselben. Ohne den gemeinsamen Inhalt, der verbindet, wären uns diese gerade noch umarmten Menschen hingegen egal. Das unterscheidet Menge von Masse. Wer käme auf die Idee, samstagmittags auf dem Münchner Marienplatz oder in der Fußgängerzone Menschen in den Arm zu nehmen?

Niemand natürlich. Und warum nicht?

In der Fußgängerzone gibt es kein übergeordnetes Drittes, das alle miteinander verbindet. Man befindet sich dort in einer Menge – in einem Haufen von Menschen, wo jeder seinen Interessen nachgeht.

Sonst streben wir doch nach Individualität. Warum suchen wir dann solche Menschenmassen?

Wir leben im Westen in Industriegesellschaften, in denen Individualität eine große Rolle spielt. Dieser Zustand hat zwei Seiten: Wir entscheiden selbst über unser Leben und werden als einzelne Menschen wahrgenommen. Gleichzeitig sind wir abgetrennt von anderen Menschen, da wir nicht mehr in größeren sozialen Verbänden leben. Auf der anderen Seite gibt es natürlich nach wie vor das menschliche Bedürfnis nach Verbundenheit. Auch in einer Gesellschaft, in der die Individualität von Menschen eine immer größere Rolle spielt.

Eine Masse hilft uns also?

Wir sind soziale Wesen und die Masse befriedigt genau dieses Bedürfnis. Sie gibt uns die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu verschmelzen – jedenfalls für eine bestimmte Zeit. Die Grenzen der Individualität werden in der Masse aufgehoben und man ist nicht mehr das soziale Atom, das auf eigene Faust existiert.

Wenn im Stadion eine Gruppe anfängt zu singen – und plötzlich singen alle: Welcher Mechanismus steckt da dahinter?

In der Masse tritt die Vernunft, die uns normalerweise im Alltag begleitet, ein wenig zurück. Man darf sich gehen lassen, muss nicht so selbstkritisch und selbstkontrollierend denken, weil man unter vielen Menschen ja nicht so sehr auffällt. Man schwimmt einfach mit, so ist in der Masse jede Menge Raum für spontane Emotionalität. Das ist der Grund, warum Rituale wie Gesänge so bereitwillig übernommen werden. Die anderen singen – warum also nicht mitsingen?

Und was ist der Effekt?

Die Massenbindung wird gestärkt. Menschen, die miteinander singen, haben eine starke Bindung zueinander. Sozialpsychologisch gesehen, bedeutet zu singen, die Gemeinsamkeit zu stärken. Deswegen singen Familien an Weihnachten, deswegen singen Soldaten, die marschieren. In dem Moment, in dem wir singen, sind wir uns näher.

Ist dieser Prozess, in dem der Verstand zurücktritt und man in der Masse aufgeht, etwas Unbewusstes?

Wenn man darüber nachdenken würde, täte man es nicht. Wer überlegt, ob er mit wildfremden Menschen Lieder singen will, hat schon eine Distanz zur Masse geschaffen – und ist nicht mehr Teil von ihr.

Über dieses Prinzip der Masse wurde im Dritten Reich viel erreicht. Kann man das mit dem Fußballstadion vergleichen?

Im Dritten Reich fand Massenbildung ja nicht spontan statt. Die Mitglieder der Masse hatten eine Sozialisation durchlaufen, waren über Jahre von der Parteispitze durch die Hitlerjugend und ähnliche Organisationen ideologisch geprägt worden. Die Menschen waren darauf eingestimmt, sich mit dem Führer zu identifizieren und darüber in der Masse miteinander zu verschmelzen. Das ist der große Unterschied zu einem Fußballspiel oder einem Popkonzert, aber daneben kommt es natürlich auch immer noch auf den qualitativen Inhalt der Massenbildung an.

Das eine hat mit dem anderen also nichts zu tun?

Nein, das stimmt so auch nicht. Die sozialpsychologischen Basismechanismen im Stadion sind dieselben wie bei der Massenbildung im Dritten Reich: Identifikation mit dem übergeordneten Dritten, die Verschmelzung darüber und das Zurücktreten von Kritikfähigkeit und Eigenverantwortung in der Masse. Man kann also nicht sagen: Das eine ist doch völlig harmlos und hat mit dem anderen nichts zu tun – "unschuldige" Masse, die gibt es nicht. Aber Menschen, die 1943 auf die Frage "Wollt ihr den totalen Krieg?" begeistert "Ja" brüllten, mit grölenden Fußballfans gleichzusetzen wäre völlig falsch.

Sind alle Menschen für Massenmechanismen gleichermaßen empfänglich?

Es gibt Menschen, die sich von Massenveranstaltungen fern halten – aus verschiedensten, individuellen Gründen. Doch auch von ihnen würde die Mehrzahl, wenn sie sich in einer Masse befände, ganz sicher von der Dynamik erfasst.

Sich in einer Masse zu befinden bedeutet bei aller Begeisterung auch, bestimmte Risiken einzugehen – man wird angerempelt, geschubst, schlimmstenfalls gerät man in eine Prügelei. Und trotzdem gehen Menschen ins Stadion.

Die Frage nach den Risiken stellt sich jemand überhaupt nicht, der begeistert ins Stadion geht. Im Gegenteil: Dass es mal zur Sache geht, sich gegnerische Fangruppen beschimpfen, der Schiedsrichter verbal niedergemacht wird oder man beim Rausgehen drängelt und schubst, gehört bei dieser Art von Massenbildung absolut dazu. Das erhöht sogar die Attraktivität der Veranstaltung.

Fußball ist also ein Ventil, um Aggressionen auszuleben?

Sport insgesamt gibt uns die Möglichkeit, in einer zivilisierten Form – und das heißt: selbstkontrolliert und an Regeln orientiert – bestimmte Aggressionen auszuleben. Es gibt zwei Varianten, wie das abläuft. Erstens: Die Menschen selbst sind in ihrem Verhalten nicht aggressiv, sie nehmen durch Zuschauen am aggressiven Verhalten anderer teil – ob das nun der Wettkampf auf dem Feld ist oder das Schubsen beim Rausgehen aus dem Stadion. Die zweite Variante: Aggressionen werden durch Taten unmittelbar ausgelebt. Das wären dann die Fans, die rempeln, oder in der Steigerung die, die prügeln. Wobei Letztere eine Minderheit darstellen.

Zu Variante eins: Ist diese Art, Aggressionen auszuleben, dieselbe wie im alten Rom bei den Gladiatorenkämpfen?

Ja, nur handelte es sich damals um ein ganz anderes Kaliber von Aggressivität. Oder nehmen wir die mittelalterlichen Ritterduelle, da ging es auch um Leben und Tod. Verglichen damit sind ein Boxkampf heute oder ein Fußballspiel, auch wenn man es in der Fankurve erlebt, gesittete und harmlose Veranstaltungen – entsprechend unserem zivilisatorischen Fortschritt. Niemand käme heute auf die Idee, Menschen zum Amüsement von Zuschauern totzuschlagen – bei allen barbarischen Resten, die es in uns gibt.

Brauchen wir Katalysatoren wie Fußballspiele, um Aggressionen auszuleben?

Die Zivilisation kann uns bei aller Selbstkontrolle, die wir ja heute leben, nicht alle unsere "natürlichen" Bedürfnisse austreiben. Deswegen bietet die Gesellschaft immer wieder Anlässe, bei denen wir ein Stück weit auf die Kontrolle, die sie uns ja sonst abverlangt, verzichten können. Bessere Beispiele noch als Fußballspiele wären das Oktoberfest oder der Kölner Karneval. Da kann man beobachten, wie Menschen einen Haufen Zwänge beiseite lassen.

Ohne diese Möglichkeiten...

...würden wir über kurz oder lang alle neurotisch werden.

Dr. Joachim Hohl arbeitet am Lehrstuhl für Sozialpsychologie der Universität München. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören "Zivilisation und Barbarei" und "Historische Konstitution des Individuums".

Fotos: Sorin Moran

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