
Wovon sollen wir im Alter leben? Und was, bitteschön, ist nur mit den Frauen los? Vom "Zeugungsstreik" ist aktuell die Rede und von kinderhassenden Akademikerinnen: Die bedrohlichen Schlagzeilen der Tageszeitungen verheißen nichts Gutes, die "Schrumpf-Spirale" dreht sich weiter, der demografische Wandel nimmt seinen Lauf. Was dahinter steckt und welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf Deutschland haben, darüber hat fluter mit der Demografie-Expertin Kerstin Schmidt von der Bertelsmann-Stiftung gesprochen.
BILD titelte im März: "In 12 Generationen sind wir ausgestorben". Wird das passieren?
Das kann schon sein, dass es die deutsche Nation in ferner Zukunft nicht mehr gibt. Schließlich werden seit 30 Jahren zu wenig Kinder geboren. Im Prinzip müssten ab sofort mehr Kinder geboren werden, damit wir in 75 Jahren, also in einer Generation, wieder Bevölkerungswachstum haben.
Das sind ja schöne Aussichten.
Nein, ich bin da optimistisch. Es muss sich nur die Einsicht durchsetzen, dass Kinder zur Zukunft dazu gehören. Wir können es uns nicht leisten, auf diese Ressource zu verzichten. Kinder in die Welt zu setzen, ist ein Abenteuer, dass viele nicht mehr erleben wollen. Kinder in die Welt zu setzen, müsste wieder attraktiver werden, Familien sind mehrfach belastet. Im Grunde ist es eine düstere Situation.
Und woraus speisen Sie dann Ihren Optimismus?
Kinder sind eine Inspiration und eröffnen uns die Möglichkeit, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich kann es nur empfehlen - ich habe selbst zwei. Aber klar, für viele Bevölkerungsgruppen ist es einfach schwierig, das auch umzusetzen. Und wir brauchen mutige Kommunen, die auf der ganzen Linie ein kinder- und familienfreundliches Klima schaffen und in sie investieren.
Das klingt so, als sollten die Kommunen selbst aktiv werden und nicht erst warten, dass auf Bundesebene etwas entschieden wird.
Es müsste beides passieren. Der Bund muss beim Steuerrecht ansetzen: Familien haben im Unterschied zu Kinderlosen viel zu wenig Geld übrig, um etwas für ihr eigene Altersvorsorge zurückzulegen. Insgesamt herrscht in Deutschland ein kinder- und familienunfreundliches Klima. Solange Kindergeschrei immer noch ein Grund für Mietminderung ist, wird sich nichts an den Werten ändern. Und auch die Geburtenrate wird nicht steigen.
Ist das ein spezifisch deutsches Problem?
Der Unterschied in der Einstellung zeigt sich ja schon in der Sprache: Bei uns gibt es den Begriff "Rabenmutter", in Frankreich oder Skandinavien existiert dieses Wort überhaupt nicht. Auf kommunaler Ebene stehen dort viel bessere Möglichkeiten zur Verfügung, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. In Frankreich gibt es beispielsweise die so genannten écoles maternelles, in denen Kinder ab drei Jahren betreut werden - und zwar nicht nur von 8 bis 12.30 Uhr. Bei uns haben Frauen, die bei uns ja immer noch den Hauptteil der Familienarbeit übernehmen, keine Optionen sondern nur die Alternative: entweder Beruf oder Familie.
Sie haben die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland untersucht. Wie sieht es bei uns denn 2050 aus?
Wir haben 3.000 Kommunen analysiert, das sind alle mit mehr als 5.000 Einwohnern, damit haben wir insgesamt rund 85 Prozent der Bevölkerung abgedeckt. Und in über der Hälfte der untersuchten Kommunen wird es bis zum Jahr 2020 enorme Schrumpfungsprozesse geben, teilweise bis zu 56 Prozent. Die Zukunft wird sich jedenfalls in den Städten abspielen, ich würde jungen Leuten schon jetzt raten, in die Stadt zu ziehen. Diese Art der Landflucht zeichnet sich beispielweise in Leipzig und Umgebung schon sehr konkret ab.
Das Land wird einfach nur leerer?
Schrumpfung und Wachstum liegen schon heute sehr nah beieinander, das kann man in Bayern aber auch in NRW sehr gut beobachten. Bis 2020 rechnen wir in Bayern mit einem Bevölkerungswachstum von rund vier Prozent - aber nicht aufgrund einer steigenden Geburtenrate, sondern einfach, weil mehr Leute aus anderen Bundesländern nach Bayern ziehen. In Ostdeutschland haben wir es natürlich in erster Linie mit Schrumpfungsprozessen zu tun. Vor allem junge Frauen haben in den letzten Jahren die neuen Bundesländer verlassen, um andernorts bessere Arbeitsmöglichkeiten zu finden.
Haben die Kommunen begriffen, wie wichtig es ist, ein familienfreundliches Umfeld zu schaffen?
Es gibt zwei Gruppen. Der überwiegende Teil redet davon, dass sie bald familienfreundlich sein werden. Aber da trennt sich sehr schnell die Spreu vom Weizen. Und dann gibt's welche, die es wirklich ernst meinen - und das sind nach wie vor die wenigsten. Ein Beispiel ist die Gemeinde Laer im Münsterland. Im Jahr 2002 war es die Kommune in NRW mit der höchsten Geburtenrate, da stimmt einfach das grundsätzliche Klima. Man kann ganz leicht den Test machen, dort anrufen und nach einem Betreuungsplatz fragen. Und wenn man bei der Sekretärin des Bürgermeisters landet , wird einem sofort geholfen.
Zurück zum Jahr 2050. Worauf müssen sich die heute 20-Jährigen einstellen?
Ich bin 40, ich weiß, wenn ich 60 oder 70 bin, werde ich wahrscheinlich nichts mehr von der Rente bekommen, die ich jahrelang in die Kasse eingezahlt habe. Und die Belastungen für die künftigen Generationen werden weiter steigen: Junge Leute, die heute 20 sind, müssen im Prinzip von Anfang an selbst vorsorgen. Und dann müssen sie auch noch ihre Familien ernähren. Der Vorteil ist: Die jungen Leute von heute können sich besser darauf einstellen, weil sie damit aufgewachsen sind. Bei all dem muss man wahnsinnig aufpassen, dass der Dialog der Generationen nicht nur durch Kämpfe bestimmt sein wird. Die Jungen werden sehr viel Mühe haben, ihre Interessen durchzusetzen. Denn die Alten sind zahlenmäßig überlegen - und haben einfach die größere Lobby. Es wird eine andere Welt sein als die, in der wir heute leben.
Anne Haeming ist fluter-Volontärin der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.
Kerstin Schmidt, 40, ist Leiterin des Projektes "Wegweiser Demographischer Wandel". Sie hat Sozialwissenschaften an der Georg-August-Universität in Göttingen studiert und danach bei einer Wirtschaftsprüfung gearbeitet. Seit 1996 arbeitet sie bei der Bertelsmann-Stiftung und beschäftigt sich in erster Linie mit demographischen Themen.
Foto: © Ole Brömme
www.wegweiserdemographie.de Offizielle Seite des Projekts von Kerstin Schmidt. Mal nachsehen, wie die Prognose der eigenen Kommune ist.
www.bpb.de/Generationsbeziehungen Online-Dossier der bpb zum Thema Generationenbeziehung
www.seniorenausstatter.de Die Seite des ersten Seniorenkaufhauses in Deutschland - damit man sich schon einmal auf Hüftprotektoren, seniorengerechte Telefone und graue Gummischuhe einstellen kann.
www.altersdiskriminierung.de
Der Kölner Verein kämpft gegen Diskriminierung von Alt und manchmal auch von Jung.
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